Wut und Fassungslosigkeit

So trauert München mit den Opfern von Nizza

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Blumen und Grablichter am französischen Generalkonsulat.

München - Nach dem Anschlag in Nizza am Donnerstagabend herrscht auch in München Fassungslosigkeit. So trauert die Landeshauptstadt mit den Opfern des Amokfahrers.

Nizza, Donnerstagabend, kurz vor 23 Uhr: Ein weißer Laster pflügt durch die Menschenmenge. Schreie, Schüsse. Die Hölle bricht los. Neun Stunden später und 600 Kilometer weit weg ist es ganz still. Am französischen Generalkonsulat in München (Schwanthalerhöhe) hängt die Tricolore träge im Wind. Neben der Glastür Grablichter und ein Schild: „Wir trauern mit Ihnen!“ Gezeichnet: „Die Bürger der Schwanthalerhöhe.“ Eine junge Frau nähert sich, ganz in Schwarz, liest den Zettel, schluchzt und wischt die Tränen unter der Sonnenbrille beiseite. Wortlos geht sie weiter.

Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen zum Konsulat. Aude Creveau ist Journalistin, in Paris geboren, sie lebt seit acht Jahren in München. Es gibt nur eine Frage, sagt Creveau: „Warum?“ Sie entzündet ein Grablicht. Creveau glaubt, dass es nicht die letzte Kerze ist, die sie hier anzünden muss. „Es geht weiter. Wir können solche Menschen nicht stoppen.“ Einen Katzensprung entfernt von diesem Ort der ohnmächtigen Trauer startet in zwei Monaten das Oktoberfest. „Ohne mich“, flüstert Creveau. „Ohne meine Söhne“. Creveau hat Angst. „Dieser Mann in Nizza. Er hat Kinder getötet“, sagt die 38-Jährige. „Das war sein Plan.“

Es hält ein schwarzer Wagen vor dem Konsulat. Ein grimmiger Mann lädt kistenweise Champagner aus dem Kofferraum. Am Mittwoch haben die Franzosen ihren Unabhängigkeitstag gefeiert, am Institut Francais in der Kaulbachstraße (Maxvorstadt) gab es ein Gartenfest. Jetzt kommen die vollen Flaschen zurück. Zu viele.

Wut und Trauer bei Thierry Leoncelli (l.) und Martin Cagnac

Die französischen Lokale in München sind gut besucht an diesem Freitagmittag. Die Gäste trinken, unterhalten sich, essen. Alles fast wie immer. Wer aber genau hinhört, der hört immer wieder drei Wörter: Furchtbar. Schrecklich. L’horreur. „Wir sind sprachlos“, sagt Michel Dupuis, Sternekoch im Restaurant No15 in Schwabing. „Es gibt keine Worte.“ Am Viktualienmarkt steht Thierry Leoncelli hinter dem Tresen der Brasserie L’Atelier und bebt vor Wut. „Die Attentäter sind so feige!“ Der Franzose lebt seit 30 Jahren in Deutschland. „Die Täter sind junge Leute. Bei uns aufgewachsen! Und jetzt töten sie unsere Kinder?“ Auch Luis Delgado vom Bistrot Le Berlu am Baldeplatz (Glockenbachviertel) ist fassungslos. „Wir bezahlen für etwas, wofür wir rein gar nichts können.“

Später, am Nachmittag, sind am Generalkonsulat ein paar Blumen und Grablichter dazugekommen. Jetzt steht dort auch eine Postkarte, sie zeigt einen eisernen Engel. Auf der Rückseite steht: „Jetzt erst recht: Vive la France!“

Nach Nizza: Haben Sie Angst?

Keine Großveranstaltung

Mein Mann kommt aus der Normandie, wir wollten dieses Jahr nach Frankreich fahren. Aber Reisen ist gefährlich ­geworden. Und was München betrifft: Um große Veranstaltungen wie Konzerte oder gar das Oktoberfest mache ich einen großen Bogen.
Sarah Masson (46), Ärtztin, München

Wir diskutieren darüber

Als Mutter trage ich die Verantwortung für mehr als nur mein eigenes Leben. Bevor wir auf Veranstaltungen ­gehen, diskutieren wir als Familie, ob es sicher ist. Ich weiß nicht ob ein ­Wiesnbesuch dieses Jahr für uns in Frage kommt.
Nicole Rauch (46), Familienmutter, München

Eine Bedrohung für ganz Europa

Ich lasse mich auch jetzt nicht ins Bockshorn jagen! Wir sind zwar in einer Großstadt, und Europa ist in einer Bedrohungslage. Ich habe auch manchmal den Anflug eines Gedanken, kann allerdings nichts daran ändern, also rutscht meine Angst in Gleichgültigkeit.
Paul Huber (20), Jurastudent, München

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