Ausstellung in München

Interview zum Turiner Grabtuch: Leichentuch Jesu oder Fälschung?

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Ist es das Leichentuch Jesu Christi mit dem Antlitz des Gekreuzigten? Oder nichts als eine Fälschung aus dem Mittelalter? Die Diskussionen über das Turiner Grabtuch nehmen kein Ende.

München - Das Turiner Grabtuch: Das echte Leichentuch von Jesus Christus oder eine Fälschung? Interview mit Michael Hesemann zu einer Ausstellung, die über Ostern in München zu sehen ist.

Michael Hesemann, Historiker und Autor u. a. von "Das Bluttuch Christi" (Herbig Verlag)

Ist es das Leichentuch Jesu Christi mit dem Antlitz des Gekreuzigten? Oder nichts als eine Fälschung aus dem Mittelalter? Die Diskussionen über das Turiner Grabtuch nehmen kein Ende. Noch immer streiten Theologen, Naturwissenschaftler und Historiker über die Echtheit. Der Faszination für das Leichentuch tut das keinen Abbruch. Über Ostern macht in München eine Wanderausstellung der Malteser zum Turiner Grabtuch Station. Kernstücke sind eine originalgetreue Nachbildung des Tuchs sowie ein Körper, der aus einer 3DBetrachtung der Spuren am Tuch gefertigt wurde. Kuratorin Bettina von Trott zu Solz: „Der Titel unserer Ausstellung ist bewusst als Frage formuliert: ‚Wer ist der Mann auf dem Tuch?‘ Die Menschen sollen sich auf eine Spurensuche begeben.“ Zum Karfreitag hat das auch die tz getan – mit dem Historiker und Autor Michael Hesemann.

Herr Hesemann, die von Ihnen konzipierte Ausstellung trägt den Titel „Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche“. Reden wir also gleich Klartext: Wer ist der Mann auf dem Turiner Grabtuch?

Michael Hesemann, Historiker und Autor u. a. von "Das Bluttuch Christi" (Herbig Verlag): Unsere Ausstellung präsentiert alle Fakten, die von der Wissenschaft in den letzten knapp 120 Jahren moderner Grabtuch-Forschung zutage gefördert wurden und lädt den Besucher ein, sich selbst ein Urteil zu bilden. Doch wenn Sie mich so direkt fragen: Die hundertprozentige Übereinstimmung der Spuren auf dem Grabtuch mit dem, was wir heute über die Kreuzigung Jesu wissen, lässt kaum einen anderen Schluss zu als den, dass es Sein Leichentuch war.

Was spricht denn konkret dafür, dass es sich bei dem Mann auf dem Turiner Grabtuch um Jesus Christus handelt?

Hesemann: Das Turiner Grabtuch zeigt das Abbild eines Toten, der offensichtlich gegeißelt, mit Dornen gekrönt und gekreuzigt worden ist. Kreuzigungen waren häufig im Römischen Reich, aber gewöhnlich durften Gekreuzigte nicht bestattet werden; man ließ sie tagelang am Kreuz hängen, der Abschreckung wegen, um dann die Überreste zu verscharren. Nur in der Provinz Judäa war das anders, weil die Römer bis zum Aufstand von 66 n.Chr. die jüdischen Gesetze respektierten, und danach musste auch ein Hingerichteter noch am gleichen Tag regulär bestattet werden.

Turiner Grabtuch: Zeigt es den Leichnam von Jesus Christus?

Der Hingerichtete, den das Grabtuch zeigt, muss nicht Jesus gewesen sein...

Hesemann: Geißelungen und Kreuzigungen waren in dieser Zeit zwar häufig, aber nur ein einziger Verurteilter trug eine Dornenkrone: der, den man als "König der Juden" verhöhnte. Zudem entspricht das Antlitz des Mannes auf dem Grabtuch, wie es Forensiker rekonstruieren konnten, den frühesten Darstellungen Jesu. Darum bin ich mir sicher: Er ist es!

Kann die Wissenschaft im Fall des Turiner Grabtuchs den Glauben stützen?

Hesemann: Ich sage immer: 1900 Jahre lang haben die Menschen das Turiner Grabtuch verehrt, aber nicht verstanden. Erst wir sind heute dazu in der Lage, in ihm zu lesen wie in einem Buch. Das Turiner Grabtuch ist gewissermaßen eine Art Zeitkapsel, die wir erst mit den Methoden der Wissenschaft öffnen, deren Code wir dechiffrieren können. Das ist ja das Wunderbare daran, dass ausgerechnet in einer Zeit, die den Glauben schon fast verloren und die Wissenschaft zu einer Art Ersatzreligion erkoren hat, so viele große Wissenschaftler bekennen müssen: Es ist also doch wahr, was in der Bibel steht!

So deckt sich das Turiner Grabtuch mit den Berichten der Evangelien

Wie decken sich die Berichte der Evangelien denn mit den Spuren auf dem Turiner Grabtuch?

Hesemann: Da fand man auf dem Grabtuch Pollen von Pflanzen, die nur im März/April und nur in dem schmalen Streifen zwischen Hebron und Jerusalem blühen. Da entdeckte man Gesteinspartikel auf den Fußsohlen, deren geologische Signatur auf der Elemententafel identisch ist mit dem Straßenstaub von Jerusalem. Da kann festgestellt werden, dass der Mann auf dem Grabtuch die heute so seltene Blutgruppe AB hatte; wie rund 50 Prozent der Bewohner Judäas im 1. Jahrhundert, wie Skelettstudien des anthropologischen Institutes der Universität Tel Aviv zeigten. Zudem wies sein Blut einen DNA-Marker auf, der ihn als Mitglied des jüdischen Priesterstammes der Leviten ausweist; der Überlieferung nach war Marias Mutter Anna eine Levitin. Man fand sogar einen Münzabdruck auf dem Grabtuch - ausgerechnet von einer Fehlprägung des Pontius Pilatus aus dem Jahre 29/30, von der weltweit nur drei Exemplare bekannt sind. Auf diese spannende Spurensuche laden wir den Besucher der Ausstellung ein.

Skeptiker, die bezweifeln, dass es sich um das Leichentuch Jesu handelt, verweisen in der Regel auf eine Radiokarbondatierung, die in den 1980er Jahren durchgeführt wurde. Damals wurde ein wenige Zentimeter großes Stück des Tuches abgeschnitten und je ein Teil davon an drei Labore gegeben. Alle drei Labore kamen zu dem Schluss, das das Tuch zwischen 1260 und 1390 entstanden sein muss. Hat sich seitdem etwas getan?

Hesemann: Schon der Erfinder der C14-Methode, der Chemie-Nobelpreisträger Libby, hat dringend davon abgeraten, seine Methode am Grabtuch auszuprobieren, weil er eine Kontamination befürchtete. Die datierten Proben stammten ja ausgerechnet von einer Ecke des Grabtuchs, an der es jahrhundertelang immer wieder von Menschen angefasst uns hochgehalten wurde, als man es den Gläubigen zeigte. Die Fäden, so fand man unter dem Elektronenmikroskop heraus, sind von einer dichten "bioplastischen Schicht" aus toten Bakterienkörpern umgeben. Zudem sind dort von mittelalterlichen Reparaturversuchen Baumvollfäden eingewoben, Fremdkörper in dem sonst reinen Leinen. Beide Faktoren führten zu einer irrigen Datierung, die im völligen Widerspruch zu allen dokumentierten Fakten steht.

Hat eine C14-Untersuchung das Turiner Grabtuch als Fälschung aus dem Mittelalter widerlegt?

Die Ergebnisse der C1-Methode sind also immer mit Vorbehalt zu werten?

Hesemann: Die C14-Methode ist keinesfalls unfehlbar: Auch Leinenbinden aus ägyptischen Gräbern wurden mit ihr bis zu 1700 Jahre jünger datiert als die darin eingewickelten Mumien!

Der Vatikan stuft das Turiner Grabtuch allerdings nicht als authentisch ein. In offiziellen Kirchendokumenten ist nie von einer "Reliquie", sondern nur von einer "Ikone" die Rede. Warum ist die Kirche so zurückhaltend?

Hesemann: Natürlich ist es eine Ikone, gemalt mit dem Blut der Passion und dem Licht der Auferstehung. Aber die Kirche hält sich klugerweise gerne aus wissenschaftlichen Kontroversen heraus. Dem Gläubigen steht es frei, an die Authentizität des Grabtuchs zu glauben oder nicht. Allerdings: Papst Benedikt XVI. bezeichnete es durchaus als "Reliquie"!

Angenommen, der Mann auf dem Turiner Grabtuch ist tatsächlich Jesus: Was kann das Tuch uns denn über sein Martyrium und seinen Tod am Kreuz erzählen?

Hesemann: Das Turiner Grabtuch ist ein Kreuzweg in einem Bild. Moderne Gerichtsmediziner können, ich nenne das "CSI Golgota", mit seiner Hilfe jede Etappe auf dem Leidensweg Christi rekonstruieren: Die 39 Schläge mit einer dreiriemigen Geißelpeitsche, an deren Ende zwei Bleikugeln befestigt waren, die Form der Dornenkrone, die eher eine Dornenhaube war. Sie wissen, dass der Mann nicht, wie in den Hollywood-Filmen und auf frommen Gemälden, das ganze Kreuz trug, sondern, wie in der Antike üblich, nur den Querbalken. Und dass er, wohl von der Geißelung geschwächt, auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte dreimal fiel; beim ersten Mal bremste er den Fall mit dem Knie, beim zweiten und dritten Fall stürzte er auf die Schläfe und schlug sich die Nase auf. Die Nägel wurden durch die Handgelenke geschlagen, alles andere hätte das Körpergewicht nicht gehalten. Dann wurde der Verurteilte, am Querbalken hängend, an einem bereits stehenden Pfahl hochgezogen, wie man ein Segel hisst, bevor die Henker seine Füße übereinander legten und mit einem dritten Nagel durchschlugen.

War die Kreuzigung eine Hinrichtungsart, die den Tod bewusst hinauszögerte?

Hesemann: Die Schmerzen müssen immens gewesen sein. Nach einem stundenlangen Todeskampf versagten Herz und Kreislauf, in der Lunge hatte sich Wasser angesammelt. Als der Legionär den Tod feststellen sollte, durchstach er die Lunge und traf den Herzvorhof mit seiner Lanze, sodass sich das dort angesammelte Blut mit der Lungenflüssigkeit vermischte und mit ihr austrat - ganz wie es Johannes im vierten Evangelium beschreibt.

Das Turiner Grabtuch: Was kann es über eine mögliche Auferstehung verraten? 

Ohne den Glauben an die Auferstehung Christi, die ja an Ostern gefeiert wird, gäbe es kein Christentum. Über eine Auferstehung des Gekreuzigten kann uns das Turiner Grabtuch aber keine Auskunft geben – oder doch?

Hesemann: Blutspuren, wie wir sie auf den Grabtuch finden, würde jeder andere Gekreuzigte auch hinterlassen. Das wahre Mysterium ist das Körperbild, das sich die Wissenschaftler bis heute nicht erklären können. Es entstand, soviel ist sicher, durch eine Vergilbung der obersten Fasern der Leinenfäden, eine Schicht, so fein wie die Haut einer Seifenblase. Vergilbung ist immer das Resultat einer Strahlung. Irgendwie muss dieses Abbild gewissermaßen in das Tuch gebrannt worden sein, bei einem Ereignis, das einzigartig war. Wir können nur vermuten, dass dieses Ereignis die Auferstehung ist. Sicher ist nur: Es gibt keine Spuren einer Verwesung, der Kontakt zum Leichnam muss innerhalb von 48 Stunden unterbrochen worden sein. Da war das Grab leer!

Abgesehen von allen Diskussionen um wissenschaftliche Beweise für oder gegen die Echtheit kann das Turiner Grabtuch die Menschen ja trotzdem zum Nachdenken herausfordern. Was sagt Ihnen persönlich das Turiner Grabtuch?

Hesemann: Als Christ glaube ich, dass Gott zu uns herabgestiegen und Mensch geworden ist. Dabei durchlitt er die grausamste Folter, die sich Menschen je in ihrer sadistischen Phantasie ausgedacht haben, um uns zu erlösen. Kann man sich einen deutlicheren Akt der Solidarisierung mit uns vorstellen? Was immer wir im Leben durchleiden, er kennt unseren Schmerz, er ist selbst zum Schmerzensmann geworden, um bei uns zu sein. Vor allem aber lehrt uns das Grabtuch, dass das Leiden und der Tod nicht das letzte Wort haben, dass Er sie besiegt hat.

Das Turiner Grabtuch hat also eine Botschaft für alle Menschen, die mit Leid und Tod konfrontiert sind?

Hesemann: Wir leben doch alle in der Ungewissheit des Karsamstages und der Angst, dass Gott vielleicht nichtexistent, ja tot sein könnte. Durch das Grabtuch scheint das Licht des Ostermorgens in unsere Zeit. Es verkündet die alte Botschaft von Ostern: Christus ist auferstanden, wahrhaft auferstanden!

Turiner Grabtuch: Ausstellung über Ostern in München

Im Münchner Karmelitersaal (Karmeliterstraße 1) ist noch bis zum 3. April die Wanderausstellung der Malteser zum Turiner Grabtuch zu sehen.

Öffnungszeiten: Di-Sa 10-18 Uhr, So 10 - 18 Uhr.

Eintritt frei. Spenden sind erbeten.

Turiner Grabtuch: Umrisse des Heilands

Das Turiner Grabtuch zeigt den Körperabdruck eines ca. 1,75 Meter großen bärtigen Mannes mit Spuren der Folterung. Seit 1578 wird die heilige „Sindone“, wie die Italiener das Grabtuch nennen, im Dom von Turin aufbewahrt. 1898 lichtete ein Amateurfotograf es ab und sah bei der Belichtung der Platten klar die Umrisse der Figur: „Es hatte den Charakter eines fotografischen Negatives“, so tz-Experte Michael Hesemann. 1997 wurde das Tuch bei einem Brand in letzter Sekunde gerettet. Erst 1998 wurde es in einem Reliquienschrein erstmals wieder gezeigt. Mit seinen Maßen von 4,36 mal 1,10 Meter könnte das Leinentuch eines der größten Stoffstücke aus der Antike sein.

Das sagen die Päpste zum Turiner Grabtuch 

Die katholische Kirche hat sich in die Debatte um die Echtheit des Turiner Grabtuchs nicht eingemischt. Eine offizielle Stellungnahme über die Echtheit des Grabtuchs hat sie bis heute nicht abgegeben. Es ist daher auch keine Reliquie im strengen Sinne.

  • Papst Johannes Paul II. (1978-2005) sagte 1998 in Turin, die Wissenschaft müsse über die Echtheit des Tuches entscheiden. Die Kirche besitze hierfür keine "besondere Kompetenz". Er rief die Forscher auf, ohne Vorurteile ans Werk zu gehen.
  • Papst Benedikt XVI. (2005-2013) bezeichnete es 2010 als eine Hilfe für den Glauben.
  • Papst Franziskus betonte 2013: „Dieses entstellte Gesicht gleicht den vielen Gesichtern von Männern und Frauen, verletzt von einem Leben, das ihre Würde missachtet, von Kriegen und von Gewalt, welche die Schwächsten trifft.“

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