1. tz
  2. München
  3. Stadt

Hast du mal eine Couch für mich?

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Das ist Couchsurfing: Alex (31) hat Besuch von den Engländerinnen Sophie (20), Sarah (21) und Ellie (20; von links). Die Mädels schlafen in seinem Wohnzimmer. Kennengelernt haben sie ihren Gastgeber über das Internet © Oliver Bodmer

München - Ein kratziges Sofa statt noblem Hotelbett, ein Teller Nudeln statt einem Vier-Gänge-Menü im Restaurant – dafür aber jede Menge Geheimtipps und persönliche Stadtführungen. Urlaub mal anders: Das ist Couchsurfing.

Hier quartieren sich die Reisenden statt im Hotel bei wildfremden Menschen ein! Die tz hat Couchsurfer in München besucht.

Ein Wohnzimmer in Giesing, 11 Uhr morgens. Auf dem Boden liegt ein Wirrwarr von Decken und Isomatten, daneben unzählige Taschen und Rucksäcke. „Am besten, ihr fahrt mit der S-Bahn bis zum Isartor, von dort ist es nicht mehr weit bis zum Deutschen Museum. Und wenn euch irgendwas nicht interessiert, geht weiter. Sonst braucht ihr drei Tage!“ Alex (31) deutet mit dem Finger über den Stadtplan, drei Köpfe nicken. Der Journalist hat seit einem Tag Besuch von drei Engländerinnen. Sophie (20), Sarah (21) und Ellie (20) schlafen bei ihm im Wohnzimmer, benutzen sein Klo und seinen Kühlschrank. Dabei hat er sie noch nie zuvor gesehen!

„Durch das Couchsurfen lerne ich auf der ganzen Welt Leute kennen und habe überall eine Anlaufstelle“, sagt Alex. Seit sechs Jahren ist er Couchsurfer – und hat selbst bereits in Miami, Stockholm, San Diego und Vancouver auf fremden Sofas geschlafen. Weltweit gibt es über eine Million Couchsurfer, allein in München sind es über 6000. Das Prinzip ist einfach: Auf der Internetseite füllen die Reisewilligen kostenlos ein kurzes Profil von sich aus – mit Fotos, Hobbys und Sprachkenntnissen. Dann können sie über das Internet einen Schlafplatz anbieten oder sich selbst auf einem fremden Sofa einquartieren.

„Couchsurfing ist nichts für Leute, die ihre Privatsphäre brauchen. Für alle anderen aber perfekt, um Land und Leute kennenzulernen“, erzählt Alex. Mindestens einmal im Monat hat der Journalist Besuch von Couchsurfern aus der ganzen Welt. Am Abend war er mit den Engländerinnen im Biergarten am Chinesischen Turm. Tags darauf wollen sie ins Deutsche Museum, danach geht es auf eine Party in eine angesagte Disco. „Wir stehen sogar auf der Gästeliste. Das wäre undenkbar, wenn wir in einem Hotel schlafen würden“, freut sich Sophie (20).

Zu dritt schlafen die Engländerinnen in Alex’ Wohnzimmer – eine auf einer alten Matratze, zwei auf dem Boden (die Couch ist zu kurz). Sie machen gerade eine Interrail-Tour quer durch Europa. Drei Tage bleiben sie in München, dann geht es nach Wien. „Über das Couchsurfing lernen wir nicht nur die typischen Touristenorte kennen, sondern bekommen jede Menge Insidertipps. Und das auch noch kostenlos,“ schwärmt Ellie (20).

Die Mädchen sitzen gerade am Küchentisch und trinken Kaffee, Alex spült das dreckige Geschirr vom Vortag. Schlechte Erfahrungen hat von ihnen noch keiner gemacht. „Ich achte genau darauf, welche Gäste ich nehme. Letztens hatte ich eine Anfrage von einem Gothic-Mädel, die auf ihrem Profilfoto in einem Sarg lag. Das habe ich abgelehnt“, erzählt Alex. Hilfreich ist auch das Profil im Netz: Jeder Couchsurfer kann seinen Gast oder Gastgeber bewerten. Wer sich nicht aufführt, fliegt sofort raus.

Doch oft ist der Besuch auf der fremden Couch der Beginn einer echten Freundschaft. „Ich hatte letztens einen Australier da, mit dem ich mich super verstanden habe. Wir haben die ganze Nacht durchgeratscht“, verrät Alex. Sogar Krankenschwester musste er schon spielen: „In Seattle wurde mein Gastgeber krank. Ich war für ihn in der Apotheke und habe seine Anrufe entgegengenommen. Das gibt es nur beim Couchsurfing!“

Christina Schmelzer

Der Alte Nördliche: Geheimes Paradies in der Maxvorstadt

Strecke

tz-Stichwort: Couchsurfing

Couchsurfing (auf deutsch: Sofa-Surfen) ist ein kostenloses Netzwerk im Internet. Reisewillige können auf dieser Internetseite kostenlose Schlafplätze auf der ganzen Welt anbieten. Den Teilnehmern geht es weniger darum, Geld zu sparen. An erster Stelle steht das Interesse, Menschen und Städte von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. Persönliche Betreuung durch Stadtführungen oder andere gemeinsame Aktivitäten gehört beim Couchsurfing dazu. Gegründet wurde das Netzwerk 1999 von dem Amerikaner Casey Fenton. Mittlerweile sind mehr als eine Million Couchsurfer in über 200 Ländern verzeichnet. Mehr Informationen auf der Homepage unter www.couchsurfing.org

Auch interessant

Kommentare

Mehr zum Thema