Ude im tz-Interview: Olympia zu mehr als 90 Prozent!

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Christian Ude mit zwei so genannten "Pool-Nudeln" beim großen tz-Sommerinterview

München - Im dritten Teil des großen tz-Sommerinterviews spricht OB Christian Ude auch über den geplatzten Münchner Olympia-Traum. Er ist überzeugt, dass es mittelfristig doch noch klappt.

Teil 2 des großen Interviews.

Das Thema ließ sich eine Weile ­hinauszögern beim Sommerinterview, doch am Ende musste tz-Redakteurin Barbara Wimmer doch noch den Finger in die Wunde legen, die die Olympia-Niederlage ­gerissen hat. Jedenfalls vergisst OB Christian Ude trotz aller Enttäuschung nicht, den „enormen Beliebtheitsschub“ zu ­betonen, den die Münchner Bewerbung der Stadt weltweit gebracht hat.

Dafür ist das Stadtoberhaupt im vergangenen Jahr x-mal auf Reisen gegangen, hat überall Loblieder auf die Bayernmetropole und ihre Partner­gemeinden in den Alpen gesungen. Aktuell ist aber eine Erholungs­phase angesagt. Da findet er es auch mal schön, im gediegenen Schwabinger Nordbad zu entspannen.

Trotz der Nachwirkungen. Denn „Nolympia“ 2018 hat den OB beziehungsweise die Stadt in die Bredouille gebracht. Es gibt einige Probleme, bei deren Bewältigung ein Zuschlag in Durban hilfreich gewesen wäre: Nummer eins ist die Zweite S-Bahn-Stammstrecke, für die nun der Berliner Geldhahn ­abgedreht zu sein scheint.

Nummer zwei ist der Wohnungsbau, denn ein paar Quartiere wären nach den Spielen doch für die Münchner ­dabei herausgesprungen. Aber Ude sieht einen Hoffnungsstreifen am Horizont.

Herr Ude, Schwimmbecken lassen an Sommersport denken. Trotzdem müssen wir über Wintersport sprechen. Tut die Niederlage bei der Olympia-Bewerbung noch weh?

Christian Ude: Sie hat wehgetan. Dass wir uns mit dem zweiten Platz zufriedengeben mussten, haben alle in der deutschen Delegation sportlich genommen. Das Stimmenergebnis hat uns allerdings schon darüber nachdenken lassen, ob wir so viele Chancen hatten, wie man uns allseits suggeriert hat. Oder waren die Würfel schon sehr viel früher gefallen, weil das IOC der Meinung war, man dürfe einen Bewerber beim dritten Mal nicht zurückweisen und man müsse den asiatischen Markt erschließen?

Hätte man während der Bewerbungsphase aussteigen können?

Ude: Wenn wir nach der Bewerbung von Südkorea die Flinte ins Korn geworfen hätten, spräche das von einer erschütternden Selbsteinschätzung, und es hätte uns dauerhaft aus dem olympischen Rennen geworfen.

Sollte man gleich den nächsten Anlauf starten, für 2022?

Ude: Eine vorlaute Wortmeldung würde keinen Sinn machen. Wir haben Zeit bis 2013 und sollten bis dahin sehr sorgfältig die internationale Diskussion verfolgen, die Meinungsbildung innerhalb der Olympischen Bewegung und natürlich die Bewerberlage. Eine Olympiabewerbung ist grundsätzlich nur mit voller Unterstützung aller ­Beteiligten möglich. Wenn einer ausschert, die Alpenorte, der Münchner Stadtrat, die Landesregierung, die Bundesregierung, der Olympische Sportbund oder die Wirtschaftssponsoren, dann geht es nicht.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Bewerbung für 2022?

Ude: Da wir so viele Beteiligte haben, sehe ich das gegenwärtig als eine Fifty-fifty-Frage an. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir spätestens 2030 die Spiele in Oberbayern erleben, liegt aber bei über 90 Prozent.

Geht es mit der zweiten S-Bahn-Röhre nun überhaupt weiter?

Ude: Die 2. Stammstrecke ist ein Vorhaben, das sowieso nötig war; Olympia hat nur den Zeitdruck erhöht. Nun wird sie nicht garantiert 2017 fertig; es kann auch 2020 oder 2021 werden.

Was passiert auf dem Marienhof?

Ude: Wenn die archäologischen Arbeiten 2012 zum Abschluss gebracht werden, kann hier keine offene Baugrube bleiben. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder beginnt der Ausbau der 2. Stammstrecke bald oder der Marienhof wird wieder hergerichtet. Die Staatsregierung rechnet aber mit einer Finanzierungsentscheidung des Bundesverkehrsministers noch 2011.

Herr Ramsauer hat nach der Olympiaentscheidung gesagt, er sei sicher, dass die 2. Stammstrecke 2022 fertig ist – vorausgesetzt, München bewirbt sich für die Spiele ’22.

Ude: Ein Minister tut sich leichter, wenn er bei widerstreitenden Interessen verschiedener Bundesländer mit einem Sondertopf agieren kann. Aber die 2. Stammstrecke war seit Beginn der 90er von einer Olympiabewerbung völlig unabhängig und ihre Notwendigkeit steht losgelöst von Bewerbungen fest. Der Bund kann nicht das drittgrößte S-Bahn-System der Republik kollabieren lassen.

Sie wünschen sich mehr Einsatz von Herrn Ramsauer?

Ude: Er behandelt das Problem eher zurückhaltend und möchte da sicherlich nicht als Bayernlobbyist gelten. Wir beanspruchen das Projekt auch nicht, weil wir Bayern sind und der Verkehrsminister auch aus Bayern kommt. Wir brauchen es, weil das S-Bahn-System zwei Jahrzehnte lang furchtbar vernachlässigt worden ist. Das städtische U-Bahn-Netz ist seit meinem Amtsantritt um über 55 Prozent gewachsen, das S-Bahn-System nicht mal um zwei Prozent.

Wie steht es um die Hochbauprojekte der Olympiabewerbung 2018?

Ude: Einige können wir auch ohne Olympia zustande bringen, vielleicht sogar eine neue Mehrzweckhalle für Winter- und Sommersport. Das Areal des Verteidigungsministers für das geplante Olympische Dorf bekommen wir nicht, weil der Anlass entfallen ist. Aber die Bundeswehrreform und weitere Standortschließungen könnten dafür sorgen, dass wir es in absehbarer Zeit doch erhalten.

In der öffentlichen Debatte stehen derzeit Luxuswohnungen in der Kritik. Wird in der City nur noch für die Gespickten gebaut?

Ude: Bei privat finanziertem Wohnraum richtet sich der Preis nach Angebot und Nachfrage, wie in der Marktwirtschaft üblich. Entscheidend ist, dass die Stadt alles tut, um Mieter zu schützen und preiswerten Wohnraum zu schaffen. Keine Stadt in Deutschland hat das Instrumentarium gegen Luxussanierungen so konsequent angewandt wie München mit dem Schutz durch Erhaltungssatzungen und Ausübung des Vorkaufsrechts.

Vor Kurzem haben Sie doch die Ausschreibung für ein Grundstück der SWM an der Katharina-von-Bora-Straße gestoppt, weil es ein Luxusprojekt werden sollte.

Ude: Wo wir Eigentümer sind, können wir versuchen, die von uns gewünschte Durchmischung der Bevölkerung sicherzustellen – weder Quartiere für Reiche noch Gettos für Arme. Bei Neubaugebieten können wir die Bedingungen vorschreiben, bei bereits bestehendem Baurecht nicht.

Ein Wort zur Schwabinger 7?

Ude: Da fand ich den Protest maßlos überzogen. Man kann ja einem persönlichen Lieblingsort nachtrauern. Offensichtlich ist es auch für Schulminister Ludwig Spaenle ein unvergessliches Erlebnis, dort mal sturzhagelblau gewesen zu sein, aber deswegen ist es noch kein Kulturdenkmal. Eine Wohnung, aus der ein Mieter vertrieben würde, gibt es dort gar nicht, sondern es sollen erstmals über 30 Wohnungen geschaffen werden.

Warum werden so wenige Wohnungen gebaut?

Ude: Es stimmt, dass unsere Zielzahlen in keinem Jahr erreicht werden konnten. Private Investoren halten sich beim Wohnungsneubau sehr zurück. Die großen Firmen haben ja oft sogar Wohnungsbesitz veräußert, um auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt angeblich lukrative Wertpapiere zu erwerben. Leider versuchen nun alle, die Flucht in den schon vorhandenen Sachwert anzutreten, statt die Strapaze des Neubaus auf sich zu nehmen. Das treibt die Preise hoch, während eine Neubauinvestition die Marktlage ausgleichen würde.

Gibt es überhaupt noch Bauland?

Ude: Ein Ende der Fahnenstange, wie wir es Ende der 80er-Jahre schon mal hatten, ist jetzt wirklich absehbar. Wir sind ja zu dem enormen Wohnungsbau in meiner Amtszeit – 100 000 Einheiten – nur in der Lage gewesen, weil der Flughafen und die Messe umgezogen sind, weil die Post und die Bahn viele Areale freigegeben haben, weil das Militär sich zurückgezogen hat und weil mehrere Industriebetriebe ihre Produktionsweisen verändert haben und jedenfalls im Stadtgebiet nicht mehr so viel Fläche brauchen wie früher. Das wird noch weitergehen, aber in kleinerem Rahmen.

Wohin mit den Zehntausenden, die in den nächsten Jahrzehnten hinzukommen werden?

Ude: Die Lösung des Problems wird ohne Einbeziehung des Umlands nicht gelingen. Die Einsicht, dass wir längs der S-Bahn-Trassen auch Formen der Verdichtung brauchen, ist aber noch nicht überall angekommen.

Der Sanierungsplan für den Viktualienmarkt schlägt hohe Wellen. Können Sie versprechen, dass der Markt auch nach der Maßnahme einen ähnlichen Charme haben wird?

Ude: Aber selbstverständlich! Hier halte ich manche Sorge für frei erfunden. Jetzt steht die Aufgabe an, den Markt mit europäischem Lebensmittelrecht und auf wirtschaftlich vertretbare Weise für die Zukunft fit zu machen. Selbstverständlich ohne Beeinträchtigung seines Charakters. Hinterher werden wir bessere Hygiene und bessere Arbeitsbedingungen im Kellerbereich haben und alle Vorschriften einhalten – und den Bummel über den Viktualienmarkt werden wir genauso genießen können wie vor fünf oder vor 50 Jahren.

Wie wird die Standortsuche für einen neuen Konzertsaal ausgehen?

Ude: Ich verfolge amüsiert seit acht Jahren, dass uns der baldige Baubeginn eines neuen Konzertsaals versprochen wird. Vor Kurzem hatten wir sogar einen Vorschlag zu Wasser – dass sich der Konzertsaal für 2000 Besucher wie ein Weinglas aus der Isar erhebt, das kommt natürlich überhaupt nicht infrage. Vielleicht ist die nächste Idee, dass man ihn an drei Zeppelinen aufhängen kann und ihn über der Stadt schweben lässt!

Die Stadt hat 2011 nun doch mehr Einnahmen als gedacht, und es müssen nicht gar so viele Verwaltungsstellen gestrichen werden. Es verwundert, dass die SPD dort immer noch so viel Einsparpotenziale entdeckt.

Ude: Das ist in der Theorie auch immer einfach, und es wird schwierig, wenn einem die Konsequenzen in Ämtern und Abteilungen geschildert werden. Deshalb werden wir jetzt das sechste Haushaltssicherungskonzept zeitlich strecken: Das mildert die Eingriffe etwas ab. Wir müssen aber immer noch von einem Schuldenberg weiter herunter, und dafür müssen die Ausgaben gedrosselt werden.

Das heißt: Mittelfristig weniger Personal und weniger Bürgerservice.

Ude: Es wird sicherlich bemerkbar werden, mal in Form von Öffnungszeiten, mal in Form von Wartezeiten. Viele Serviceangebote werden aber verbessert: Wir haben etwa die telefonische Erreichbarkeit der Stadtverwaltung deutlich verbessert, da lässt sich vieles telefonisch erledigen. Immer mehr wird auch die Kommunikation per E-Mail genutzt. Nicht jeder Stellenabbau muss also gleich zu katastrophalen Wartezeiten führen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Interview: Barbara Wimmer

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