tz-Report

Die bittere Wahrheit über unsere Rente

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Irmingard Füchsle (79) mit ihrem Rentenbescheid.

München - Senioren kommen in der teuren Stadt München mit ihrer Rente kaum über die Runden. Manchmal bleiben nur 300 Euro im Monat zum Leben. Die tz zeigt Betroffene.

Wie komme ich diesen Monat mit meinem Geld nur über die Runden? Immer mehr Rentner müssen sich genau diese Frage stellen. Der Grund: Während ihre Bezüge seit Jahren mehr oder weniger gleich bleiben (siehe Grafik links), steigen die Lebenshaltungskosten weiter rasant an.

Vor 13 Jahren waren 258.000 Deutsche im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen – mittlerweile sind es rund 550.000 Senioren. Heißt: Sie bekommen vom Staat einen Zuschuss, damit sie wenigstens auf das Sozialhilfe-Niveau von rund 400 Euro im Monat kommen. Auch erschreckend: Mit Bezug auf das künftige Rentenniveau bekommt jemand, der ab jetzt 45 Jahre in die Kasse einbezahlt, in Zukunft im Schnitt 817 Euro im Monat raus. Daran ändert auch die kommende Rentenerhöhung im Juli von 4,25 Prozent (im Westen) und 5,95 Prozent (im Osten) wenig, da das Niveau die folgenden Jahre nur bei maximal zwei Prozent liegen soll.

Als die tz vor Kurzem über die Armutsfalle Rente berichtete, meldeten sich viele Leser in der Redaktion und berichteten, dass sie längst jeden Cent zweimal umdrehen müssen. Und das trotz eigentlich guter Renten. Die tz sprach mit drei Betroffenen und schildert ihre Probleme:

1650 Euro: Ich musste wegziehen

Roswitha Bauer lebt schon lange in Niederbayern.

Roswitha Bauer ist ein echtes Münchner Kindl. In der Maistraße erblickte die 72- Jährige das Licht der Welt. Und sie liebt ihr München. „Das hier ist einfach mein Daheim.“ Und trotzdem wohnt die Rentnerin schon seit gut 18 Jahren nicht mehr in ihrer Weltstadt mit Herz. „Weil ich mir das nicht leisten kann“, erklärt sie. „Wie soll ich mit 1650 Euro Rente hier gut auskommen? Obwohl das ja nicht wenig ist, kannst du dafür hier gerade mal in einer kleinen Mini-Wohnung leben. Alles ist schon lange so teuer, dass dir nichts mehr bleibt.“

Genau das wollten sie und ihr Mann nicht, und so zog das Paar Ende der 90er ins niederbayrische Aldersbach. „So konnten wir uns ein Eigenheim kaufen, haben einen Garten – alles ist wunderbar.“ Aber die Entscheidung fiel ihr damals nicht leicht. „Ich habe jahrelang für eine Münchner Versicherung gearbeitet, in der EDV-Abteilung, habe immer hier gewohnt. Da hängt man an seiner Stadt.“ Daher macht Roswitha Bauer jede Woche einen Ausflug, steigt in den Zug und fährt nach München. „Das brauche ich. Da steh ich dann an der Isar oder in der Innenstadt, schnauf durch und denke: Hier bin ich daheim.“

1200 Euro: Ich drehe jeden Cent zweimal um

Gert Ruske (69) blickt in seinen Rentenbescheid: Jede ungeplante Ausgabe muss vom Ersparten bezahlt werden.

Im Jahre 1973 zog Gert Ruske mit seiner Gattin in eine Wohnung in der Schleißheimer Straße. Genau 360 Mark monatlich musste der kaufmännische Angestellte damals für das neue 64-Quadratmeter-Zuhause hinblättern. „Jetzt muss ich für die gleiche Wohnung 950 Euro an Miete zahlen“, schimpft der 69-Jährige. Und das bei einer Rente von 1200 Euro. „Wie soll das gehen?“ Um über die Runden zu kommen, muss das Ehepaar jeden Cent zweimal umdrehen. „Wir leben eigentlich von der Rente meiner Frau, weil mein ganzes Geld für Miete und Nebenkosten draufgeht“, so Gert Ruske. Seine Gattin bekommt als ehemalige Fotolaborantin 620 Euro monatlich überwiesen. „Einen Urlaub haben wir schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Dafür reicht es einfach nicht.“ Schon die MVV-Karten sind zu teuer, um in der Stadt von A nach B zu kommen. „Da nehme ich lieber mein Auto.“ Das ist ein alter Honda CRV, Baujahr 2001. „Aber wenn der mal zusammenbricht, habe ich ein echtes Problem.“ Von der Politik fühlt sich Ruske völlig alleine gelassen: „Ich habe 45 Jahre gearbeitet, in die Rentenkasse einbezahlt. Jetzt reicht das Geld hier in München gerade so zum Leben . Das ist doch ein Armutszeugnis!“

1250 Euro: Alles ist zu teuer

Knapp 1200 Euro Rente hat Irmingard Füchsle im Monat zur Verfügung. „Davon gehen schon mal 900 Euro für die Miete weg“, erklärt die 79-jährige Münchnerin. Seit vielen Jahren wohnt sie in einer 62-Quadratmeter-Wohnung in Haidhausen. Genau 300 Euro bleiben ihr also somit zum Leben im Monat übrig. „Davon muss ich natürlich auch noch die Nebenkosten wie Telefon oder Strom zahlen.“ Dass man so nicht über die Runden kommt, weiß jeder. Was also tun? „Ich zwacke halt jeden Monat etwas von meinem Ersparten ab“, verrät die Rentnerin. „Das ist doch irre, wenn man bedenkt, dass ich 44 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt habe. Und was soll ich machen, wenn mein Erspartens mal aufgebraucht ist?“ Früher arbeitete die Münchnerin bei Air-France in der Presseabteilung. Jetzt reicht das Geld nicht einmal für eine MVV-Monatskarte. „Nein, die ist zu teuer. Ich fahre mit dem Fahrrad überall hin.“ Was Irmingard Füchsle besonders ärgert, ist die Kostenentwicklung der letzten Jahre. „Früher habe ich rund 2400 Mark Rente bekommen – und habe 800 Mark Miete bezahlt.“ Die Rente blieb fast gleich, die Miete aber hat sich mehr als verdoppelt. „Das ist doch schlichtweg eine Gemeinheit.“

VdK-Chefin: „Wir müssen handeln!“

Ulrike Mascher, Chefin des VdK, kämpft seit Jahren gegen die Altersarmut.

Gut 1400 Euro Rente – und dennoch bleibt kaum etwas zum Leben übrig?! Wo führt uns die Rentenentwicklung hin? Und wie muss reagiert werden, dass in 20 Jahren nicht nur „steinreiche“ Rentner angenehm über die Runden kommen? Die tz sprach mit VdK-Präsidentin Ulrike Mascher über die immer drängendere Problematik:

Frau Mascher, viele Rentner haben immer weniger zum Leben. Haben die Kosten die Rente überholt?

Ulrike Mascher: In vielen Bereichen leider ja: Die hohen Mieten sind natürlich ein Problem. Aber das gilt auch für das Bezahlen von eigenen Medikamenten oder für die Kosten für Fahrkarten der öffentlichen Verkehrsmittel. Da sind die Ausgaben für die Menschen ständig gestiegen, viele kommen somit mit ihrem Geld nicht mehr hin.

Was muss also getan werden?

Ulrike Mascher: Erst mal muss im Bezug auf München für mehr bezahlbare Wohnungen gesorgt werden. Da stelle ich auch die Frage: Wo sind eigentlich die Werkswohnungen von früher hin? Auch große Firmen könnten sich hier wieder mehr einbringen. Und natürlich darf nicht jeder Wohnblock von der Stadt an private Immobilienunternehmen verkauft werden. So wird diese Preisspirale nach oben nie enden.

Muss man nun die Fehler der letzten Jahrzehnte aufholen?

Ulrike Mascher: So kann man es sagen. Und das dauert. Viel zu lange hat sich keiner um sozialen Wohnraum geschert.

Was muss noch geschehen, um den Rentnern mehr Luft zu verschaffen?

Ulrike Mascher: Leider gibt es dazu kein Patentrezept, aber bei den Gesundheitskosten muss mehr von den Arbeitgebern übernommen werden. Jede Steigerung der Kosten wurde in den vergangenen Jahren den Arbeitnehmern und Rentnern aufgehalst. Das geht nicht. Hier müssen auch die Unternehmen ran.

Interview: Armin Geier

Seehofer will Riester kippen

In der SPD, der Union und bei den Gewerkschaften kursieren schon länger Forderungen nach einer Abkehr von der Riester-Rente: Die gesetzliche Rente müsse stattdessen wieder erhöht werden. Jetzt hat erstmals ein Parteichef gefordert, die Riester-Rente zu kippen: CSU-Chef Horst Seehofer!

„Die Riester-Rente ist gescheitert“, sagte Seehofer gestern bei der Eröffnung der neuen CSU-Zentrale in der Parkstadt Schwabing. In einer großen Rentenreform will der bayerische Ministerpräsident die Altersbezüge für breite Bevölkerungsschichten wieder erhöhen. Die Anfang des vergangenen Jahrzehnts beschlossene Kürzung des Rentenniveaus wird laut Seehofer dazu führen, „dass etwa die Hälfte der Bevölkerung in der Sozialhilfe landen würde“.

Die Renten­reform soll Teil eines großen Programms werden, mit dem Seehofer verlorenes Vertrauen und verlorene Wähler für die Union zurückgewinnen will. Die Volksparteien hätten einst zusammen gut 80 Prozent der Wähler vertreten, derzeit sei es nur noch die Hälfte, sagte der Parteichef zu den aktuellen Umfragewerten von Union und SPD.

Die „Neoliberalisierung“ des vorigen Jahrzehnts sei gescheitert, betonte Seehofer in seiner Rede: „Wir brauchen beide Lungenflügel, den marktwirtschaftlichen und den sozialen.“

Vor Seehofer hatte auch schon der CDU-Arbeitnehmerflügel die Riester-Rente für gescheitert erklärt und eine Rückabwicklung der Reform gefordert: „Die Riester-Rente ist spätestens mit der Niedrigzinsphase an die Wand gefahren“, so der Bundesvize der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte zuletzt eine Aufstockung von Minirenten gefordert – als Teil eines angesichts der Flüchtlinge nötigen Solidarprojekts. Vielen Genossen und Gewerkschaftern geht das aber nicht weit genug.

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