Mei Münchner Leben

Er ist der Prinz von Giesing

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Hans und Gaby Schwerdtel in ihrer Wohnung.

München - Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten – und tz-Autor Florian ­Kinast schreibt sie auf. Wir sind zu Gast bei Hans Schwerdtel in ­Giesing, früher Wirt. Bis heute aber ein großer ­Faschingsfan. Sein Weg zum ­Faschingsprinzen:

Neulich waren sie wieder auf dem Fasching, der Schwerdtel Hans und seine Gaby, im Deutschen Theater. Beim Oide-Wiesn-Bürgerball. „Die Musi“, sagt Hans Schwerdtel im Herrgottswinkel seiner Wohnung, „war scho ganz guad und die Plattlergruppn aa.“ Aber eine richtige Stimmung ist bei beiden doch nicht aufgekommen. Als es auf Mitternacht zuging, packten sie zamm und fuhren heim nach Untergiesing. „Früher“, sagt Hans Schwerdtel, „war der Münchner Fasching halt zünftiger.“ Ein Urteil aus berufenem Munde – der Schwerdtel Hans war selber einmal Faschingsprinz, vor gut 50 Jahren, als Prinz von Giasing und der Au.

Mehr noch, er war viele Jahre Schneidermeister und nähte einem Franz Josef Strauß die Bundhosen zusammen und den Filser-Anzug. Dann war er auch noch Wirt. Vor allem aber, sagt er, ist er zeit seines Lebens ein Giesinger geblieben. Dass er dann vom heimischen Obergiesing hinab ins einst verschmähte Untergiesing gezogen ist, das sieht Hans Schwerdtel heute mit der Altersmilde von 78 Jahren auch nicht mehr so eng. Einmal Giesing, immer Giesing. Wurscht, ob drunten oder droben.

Droben, am Alpenplatz 3, der Ort, wo alles beginnt. Der kleine Hans ist Jahrgang 1937, seinen Vater sieht er selten, er ist im Krieg und kommt auch erst ein paar Jahre nach Kriegsende wieder, weil er noch beim Russen in Gefangenschaft sitzt. In den Endjahren des Kriegs hört der Hans mit seiner Mutter zu Hause Radio Laibach, und wenn der Sprecher dort „Kuckuck, Kuckuck“ sagt, dann ist das das Signal für einen Bombenangriff eines anrückenden Fliegerverbands der Alliierten. Zum Schutz gehen sie dann immer in den Sammelbunker vom Salvatorkeller.

Hans 1964/65 als Faschingsprinz.

„A grausame Zeit“, sagt Hans Schwerdtel, „und doch a schöne Kindheit.“ Tagtäglich spielen sie Fußball, drüben am Sechser, dem Platz vom SC 1906, stundenlang nach dem Besuch der, wie er sagt, „Giasing High School“, der Volksschule an der Ichostraße. Der Fasching ist für den jungen Hansi schon damals etwas Besonderes. Gerade der Faschingsdienstag, auf den man sich schon lange vorher freut, weil es da immer zur traditionellen Massenprügelei mit den Burschen aus Untergiesing kommt. Mit Zaunlatten und Glump und Zeug gehen sie aufeinander los, grad zünftig is, bevor sie am Aschermittwoch wieder gemeinsam die Schulbank drücken.

Was aus ihm werden soll, das weiß der Hansi nicht, als er 14 und mit der Schule fertig ist. Buchdrucker? Die Oma empfiehlt ihm technischer Zeichner, bis die Mutter, eine Schneiderin beim Konen, ein Machtwort spricht, das Hans Schwerdtel heute noch im Ohr hat. „Des is ois a Schmarrn, Bua“, sagt sie, „du werst Schneider, weil wenn wieder a Kriag kummt, muasst ned furt, weil da brauchas di dahoam.“ Es ist das Jahr 1951.

Für die Schwerdtels ist es an sich eine gute Zeit. Der Vater, ein Maschinenbauer, schnauft sich zwar schwer, seit er wieder da ist, die Lunge, aber die Familie ist intakt. Sonntags gehen sie immer hinterm Sechzger-Stadion entlang Richtung Tierpark, gönnen sich in Siebenbrunn ein Mittagessen. Nur die Arbeit ist für Hans kein Vergnügen, erst eine harte Lehrzeit, dann von einer Firma zur nächsten, bis er als Zuschneider in einer Firma für Sportmode unterkommt – bevor sich 1964 alles ändert, am Nockherberg.

Die Besuche im Salvatorkeller sind lustiger als zu Kriegszeiten, vergnügt sitzt man wieder am Stammtisch. Mit dabei sind auch immer hohe Herren vom Giasinger Faschingsverein, damals eine der größten Münchner Faschingsgesellschaften. Und weil sie noch immer einen Prinzen für die anstehende Ballsaison suchen, lässt sich der Schwerdtel Hans schließlich breitschlagen.

Nächste Woche Teil zwei

Florian Kinast

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