Geschäftsführung wehrt sich

Team Wallraff deckt Missstände im Krankenhaus Harlaching auf

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Im Klinikum Harlaching soll es schlimme Zustände gegeben haben.

München - Mit seinem Team hat Enthüllungsjournalist Günter Wallraff im Klinikum Harlaching schockierende Zustände aufgedeckt. Gegen die Schock-Akte wehrt sich nun die Geschäftsführung.

Enthüllungjournalist Günter Wallraff und sein Team ermitteln Undercover.

Überfordertes Pflegepersonal, schmutzige Patientenzimmer, defekte Klinikgeräte. Und zwischendrin liegen leidende Patienten hilflos in ihren Betten! Keine Frage – der TV-Bericht des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff und seines RTL-Teams über das Klinikum Harlaching vom Montagabend sorgt für mächtig Aufregung. Der Sender hatte eine Redakteurin undercover als Praktikantin in das Krankenhaus eingeschleust. Heimlich filmte sie die Zustände. „Das sind teils schreckliche Bilder“, fasst Pflegekritiker Claus Fussek die Recherche zusammen.

Albtraum Krankenhaus: Es ist kein Geheimnis, dass in vielen Häusern an allen Ecken und Enden gespart wird. Auch Harlaching schreibt rote Zahlen – daher sollen beispielsweise in den nächsten Jahren 1600 von 8000 Stellen gestrichen werden. Eigentlich undenkbar, wenn man sich die Bilder der RTL-Reportage ansieht: Da werden Patienten von völlig genervten Pflegerinnen übelst beschimpft – oder schlicht alleine gelassen (siehe Text links unten). „Bei diesen Bildern fragt man sich, warum nicht mehr Krankenschwestern und auch Ärzte an die Öffentlichkeit gehen“, schimpft Claus Fussek. „Das ist ein Skandal!“

Klinikum wehrt sich gegen Vorwürfe von Team Wallraff

Bilder aus der Dokumentation.

Im Klinikum Harlaching sieht man das natürlich ganz anders. Man gibt zwar zu, dass es Probleme mit einzelnen Pflegekräften gab (eben jener Dame, die in den Filmaufzeichnungen einen Patienten beleidigt und beschimpft) – von dieser habe man sich aber längst getrennt. „Der respektlose Umgang mit Patienten ist ein Verhalten, das die Städtischen Kliniken München nicht dulden“, sagte Geschäftsführer Dr. Axel Fischer am Dienstag. Vom Rest der Berichterstattung distanziere er sich aber: „Es handelt sich hier um Einzelfälle.“ Zudem sei das Vorgehen, heimlich zu filmen, mehr als grenzwertig. „Viele Mitarbeiter fühlen sich beschmutzt. Hintergangen.“ Und die eingeschleuste Redakteurin habe sich auch „nur acht Tage in unserer Einrichtung“ aufgehalten. Danach habe sich die junge Dame krank gemeldet. Heißt anders betrachtet aber natürlich auch: Für nur acht Tage hat sie ziemlich viele Missstände beobachten müssen.

Bilder aus der Dokumentation.

Auch beim Personalschlüssel sei die Lage vom Filmteam falsch dargestellt worden, so die Klinikleitung. Man habe stets mehr als nur zwei Pflegekräfte für 29 Patienten. Dies käme nur in absoluten Ausnahmefällen vor. Zudem fügt Dr. Fischer an: „Und was den Stellenabbau von 1600 betrifft: Dieser betrifft großteils die Verwaltung. Besonders beim Pflegepersonal wollen wir zulegen.“ Die Botschaft ist klar: Es gibt keinen personellen Notstand in Harlaching. Keine Missstände. Merkwürdig ist nur, dass die Pflegeverbände schon seit Jahren die Unterbesetzung in vielen Krankenhäusern kritisieren (siehe Text rechts). Ob sie gegen den RTL-Bericht juristisch vorgehen will, hat die Klinikgeschäftsführung noch nicht entschieden. „Das werden wir jetzt prüfen.“

„Handelt endlich!“

Der Personalmangel auf den Stationen, die Arbeitsüberlastung in den Kliniken – schon seit Jahren kämpft auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) für Verbesserungen in der Branche.

„Wir kennen das Problem. Die Krankenhauspflege ist seit Jahren unterbesetzt. Gerade in München ist der Personalmangel ganz extrem. Es ist sehr schwierig, Pflegefachpersonen zu finden“, sagt Dr. Marliese Biederbeck, DBfK-Geschäftsführerin gegenüber der tz.

Die Zahlen sind beängstigend: Laut einer aktuellen Studie von Prof. Michael Simon von der Hochschule Hannover fehlen an deutschen Krankenhäusern generell 100 000 Pflegefachpersonen. Was dagegen getan werden muss? Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe als Interessensvertretung der Pflegenden fordert seit Jahren, durch verbindliche Pflegepersonalschlüssel endlich für gute Arbeitsbedingungen und mehr Patientensicherheit in den Krankenhäusern zu sorgen.

Keine Frage – die Folgen der Unterbesetzung können gravierend sein: So breiten sich Krankenhauskeime rasant aus, weil oft die Standardhygienemaßnahmen nicht eingehalten werden können. „Der Arbeitsdruck ist so hoch, dass die Hygiene vernachlässigt wird. Die Verantwortlichen müssen dringend handeln und zum Schutz der Patienten dringend mehr Pflegefachpersonen einstellen. Wer gutes Personal will, darf es nicht verschleißen. Es wird höchste Zeit – auch um weitere Berufsflucht zu vermeiden.“

Die fünf traurigsten Fälle, die Team Wallraff aufdeckte

Als Pflegepraktikantin arbeitet die Journalistin Pia Osterhaus heimlich acht Tage im Klinikum Harlaching. Per versteckter Kamera filmte sie heimlich ihre Erlebnisse mit. Hier einige Auszüge:

  • Der Zuschauer muss mitansehen, wie ein dementer Mann, der an schweren Durchfall leidet, nicht auf die Toilette darf, obwohl er dies wünscht. Er wird in Windeln gepackt, da das Personal für einen Toilettengang keine Zeit hat.
  • Bereits an ihrem ersten Arbeitstag wird die unerfahrene Praktikantin mit Patienten alleine gelassen. Sie soll eine sturzgefährdete, kranke Frau dazu bringen, im Toilettenstuhl Wasser zu lassen.
  • Ein kranker Mann leidet an Dia­betes und ist mit einem Krankenhaus-Keim infiziert. Er hat schon eine Amputation des Unterschenkels hinter sich – nun hat er Angst, dass ihm „noch mehr weggeschnitten“ wird. Diese Furcht teilt er der Journalistin mit. Wenig später kommt ein Arzt vorbei und teilt dem alten Herrn fast im Vorbeigehen mit, dass ihm wohl nun auch Zehen am anderen Fuß amputiert werden müssen. Kein mitfühlendes Wort. Nichts.
  • Eine Pflegerin beschimpft einen Patienten wüst. Erniedrigt ihn. Mittlerweile steht fest: Die Klinik trennte sich selbst von der Frau, entließ sie schon im vergangenen Jahr.
  • Die Journalistin hält bei ihrer Recherche fest, wie bei einem Lungenpatienten (18) die Absaugpumpe nicht funktioniert. Diese soll eigentlich das Wundwasser absaugen. Das bleibt aber im Schlauch stecken. Eine Kollegin sagt daraufhin, dass das häufiger vorkomme. Die Düsen an der Wand, an denen die Schläuche angeschlossen werden, funktionierten nicht immer. Auch hier widersprach die Klinik am Dienstag diesen Vorwürfen: „Unsere Geräte werden ständig gewartet“, so Geschäftsführer Fischer. „Genau hier dürfen wir keinesfalls sparen.“ Ein Einzelfall also.

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