Notwehr oder gezielter Angriff?

Wiesn-Prozess: Heute Urteil gegen Messerstecherin

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Sandra N. erwartet am Mittwoch das Urteil gegen sich. 

München - Am Mittwoch entscheidet das Gericht die Frage, ob Sandra N. auf der Wiesn in Notwehr handelte. Die Anklage lautet auf versuchten Mord.

Muss Sandra N. (34, Name geändert) jahrelang hinter Gitter? Am Mittwoch spricht das Landgericht sein Urteil gegen die Millionärs-Freundin. Sie hatte auf der Wiesn mit Ex-Fußball-Star Patrick Owomeyla gefeiert, den ein Lasterfahrer rassistisch beleidigt hatte. Im Streit stach Sandra N. mit einem Messer auf Tom L. (Name geändert) ein und verletzte ihn schwer. Danach wurde sie wegen versuchten Mordes angeklagt.

Seit Anfang des Jahres steht Sandra N. bereits vor Gericht, sie beruft sich auf Notwehr. Angeblich hatte Tom L. sie gepackt und in Todesangst versetzt. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders: Laut Anklage war N. ihm nachgelaufen und stach erst dann zu. Dazu passen die Verletzungen: Ein Stich ging seitlich in die Rippen, einer von hinten in den Rücken. Mit einer Not-Operation konnten Ärzte dem Lasterfahrer das Leben retten, er verlor aber viel Blut und auch seine Milz. 75 000 Euro Schmerzensgeld musste die Messerstecherin an ihn zahlen.

Verteidiger spricht von "beherztem Eingreifen"

War es Notwehr – oder ein gezielter Angriff? In der Schuldfrage gibt es in diesem Fall keinen Kompromiss. Das zeigte sich vergangene Woche auch in den Plädoyers: Staatsanwältin Melanie Lichte forderte fünf Jahre Haft für Sandra N., allerdings nur noch wegen versuchten Totschlags, weil kein Mordmerkmal vorgelegen habe. Die Verteidiger hatten dagegen auf Freispruch plädiert – und sprachen von einem „beherzten Eingreifen“. „Sie war die einzige, die Zivilcourage gezeigt hatte“, sagte Anwalt Steffen Ufer zu dem Streit, der der Tat vorausgegangen war. Selbst der millionenschwere Verlobte hätte die Mutter seiner Kinder alleine gelassen mit dem Lasterfahrer, der betrunken gepöbelt hatte.

War das zu viel für Sandra N.? Statt zu fliehen, stach sie zu. Offen bleibt, warum sie überhaupt ein Messer dabei hatte. Schließlich wollte sie nur mit befreundeten Promis im Käferzelt feiern. Laut eigener Aussage hatte sie es in London gekauft und zufällig in der Handtasche dabei. Glaubwürdig klang diese Aussage nie. In Panik geraten, habe Sandra N. sich an das Messer erinnert – und es benutzt, um sich zu verteidigen.

Keine Zeugen für die angeklagte Tat

Ob das stimmt, wird Richter Norbert Riedmann am Mittwoch bewerten. Ganz Deutschland schaut auf sein Urteil. Auch deshalb, weil der Fall Sandra N. für zwielichtige Schlagzeilen gesorgt hatte. Ihr Verlobter, ein Hamburger Multimillionär, hatte für 200 000 Euro versucht einen Zeugen zu kaufen – und war deshalb, wie dieser auch, verhaftet worden. Die Verteidigung distanzierte sich von beiden. Aber hatte nun auch keinen Entlastungszeugen mehr vorzuweisen. 

Nur der Bestochene wollte gesehen haben, dass Sandra N. von Tom L. bedrängt worden war, bevor sie auf ihn einstach. Tatsächlich gab es überhaupt keine Zeugen für die angeklagte Tat. So steht Aussage gegen Aussage. Das Schicksal von Sandra N. liegt nun in den Händen des Richters.

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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