Bei Urteilsverkündung

Wiesn-Prozess: Richter macht Täterin, Verteidiger und Opfer rund

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Holt am letzten Tag des Wien-Prozesses zum Rundumschlag aus: Richter Norbert Riedmann nimmt kein Blatt vor den Mund.

München - Das Urteil gegen die Messerstecherin von der Wiesn ist gesprochen. Der Richter nutzt die Gelegenheit, um sich Täterin, Verteidiger und Opfer zur Brust zu nehmen.

Es war der spannendste Prozess des Jahres - am Mittwoch ging er mit einem harten Urteil zu Ende: Viereinhalb Jahre lang muss Millionärsfreundin Sandra N. (34, Name geändert) ins Gefängnis, weil sie einen Mann auf der Wiesn niedergestochen hatte. Richter Norbert Riedmann wertete ihre Tat als versuchten Totschlag in Tateinheit mit Körperverletzung: "Die Angeklagte handelte mit bedingtem Tötungsvorsatz." Sie habe ihre Handtasche geöffnet, das Klappmesser rausgeholt und Lasterfahrer Tom L. (Name geändert) in dessen linke hintere Flanke gestochen. Notwehr? Das schloss der Richter aus. Und holte stattdessen zum Rundumschlag aus. Gegen die Angeklagte, die vor dem Käferzelt zugestochen hatte. Gegen das Opfer, der sie zuvor beleidigt hatte. Gegen den millionenschweren Verlobten, der im Prozess einen Zeugen bestach. Und gegen die Verteidiger, die ihre Unschuld beweisen wollten. Die tz erklärt den Ausgang des Wiesn-Prozesses!

Die Angeklagte

Angeklagte Sandra N.

Notwehr? Von wegen! "Sie machte die Tasche auf, holte das Messer raus, klappte es auf und stach zu", sagte Richter Riedmann über Sandra N. Sie hatte die Attacke gestanden, aber ­angeblich in Bedrängnis gehandelt. Dem ­widerspricht das Urteil. Als Lasterfahrer Tom L. mit erhobenen Fäusten vor N. gestanden und ­geschimpft hatte, habe sie sich zwar subjektiv in Lebensgefahr befunden. Dessen angeblichen Angriff hatte aber niemand beobachtet - stattdessen wunderte sich ein Zeuge, warum sie nicht zurückwich. Um Hilfe gerufen hatte Sandra N. nie. Stattdessen stach sie auf Tom L. ein und ging danach ins P1 ­feiern. "Das Messer warf sie unterwegs weg." Um ihr blutendes Opfer kümmerte sie sich nicht. Auf der Fahrt sei Sandra N. ganz ruhig gewesen, sagte ein Taxler später aus. Richter Riedmann sah sie zwar durch Alkohol enthemmt, aber nicht als vermindert schuldfähig an.

Die Verteidiger

Die Verteidiger von Sandra N.

Zu Prozessbeginn hatten Sandra N.s Anwälte noch versucht, Richter Norbert Riedmann wegen Befangenheit abzulehnen. Am Ende rückten sie selbst in den Fokus des Prozesses, was Riedmann deutlich kritisierte: "Ich habe es in 27 Jahren noch nicht erlebt, dass Verteidiger jegliche professionelle Distanz zu ihrer Mandantin derart verloren haben." Am Ende sei es nicht mehr um Argumente gegangen, "sondern nur darum, dass die arme Sandra aus dem Gefängnis kommt". Ob die Anwälte auch in die Verwicklungen um den gekauften Zeugen einbezogen waren, müsse nun geprüft werden. "Die Umstände verlangen nach Aufklärung", sagte Riedmann, der Anhaltspunkte für den Anfangsverdacht einer Straftat sah. Er kündigte an, die Anwaltskammer über das Verhalten der Verteidiger zu informieren. Sie hingegen werden das Urteil wohl anfechten.

Der Millionär

Millionär Detlef F.

Der Prozess um seine Verlobte wird Detlef F. (63) noch länger verfolgen - denn gegen den Immobilien-Millionär ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage. Er hatte bereits zugegeben, einen Zeugen bestochen zu haben, der Sandra N. entlasten sollte. 200.000 Euro zahlte er für die Falschaussage, aber der Schwindel flog auf. Der Zeuge wurde verhaftet, ebenso der Millionär, der aber wieder freikam. Für ihn fand Richter Riedmann harte Worte. Während sie sich mit Tom L. stritt, hätte der Millionär sich lieber aus dem Staub gemacht. "Er ging ins Auto und telefonierte seiner Verlobten hinterher." Der Richter mit viel Ironie: "Vielleicht hatte er das Ganze nicht so bedrohlich eingeschätzt."

Das Opfer

Opfer Tom L.

Ruhig, sachlich, ohne Belastungseifer: So beschrieb RichterRiedmann die Aussage von Lasterfahrer Tom L. Am Ende glaubte er seine Version - rügte aber auch das Opfer: Tom L. sei an jenem Abend hoch aggressiv aufgetreten und habe massive Beleidigungen ausgesprochen. Ohne dieses Verhalten wäre es vielleicht nicht zur Tat gekommen. Dennoch: Tom L. hatte sich nie kaufen lassen. Ihm seien vor Prozessbeginn 125.000 Euro angeboten worden, wenn er falsche Angaben zugunsten von Sandra N. mache. Das lehnte L. ab und akzeptierte nur das Schmerzensgeld in Höhe von 80.000 Euro. Riedmann: "Damit haben Sie auf ein Brutto-Jahresgehalt als Lasterfahrer verzichtet." Aber auf sein Recht bestanden!

Andreas Thieme

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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