Sein Abschied, seine Erfolge und seine Niederlagen

Wilfried Blume-Beyerle: Der Unbestechliche

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Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle.

München - Ende des Monats hört Wilfried Blume-Beyerle als Chef des KVR auf. Unser Reporter Armin Geier hat ihn noch einmal an seinem Arbeitsplatz besucht und ein langes Gespräch mit ihm geführt.

Es gibt Naturgesetze, die gelten immer. Eines ist: Wer ins Kreisverwaltungsreferat muss, der muss warten. Mal länger, mal kürzer. Auch ich sitze nun hier – starre auf den Boden. Obwohl ich keine neue Zulassung brauche, auch nichts ummelden muss. Ich warte auf den KVR-Chef – für ein Interview. „Gleich hat er Zeit für Sie“, tröstet mich die Sekretärin. Als ein paar Minuten später Wilfried Blume-Beyerle vor mir steht, entschuldigt er sich sofort mehrfach: „Tut mir leid, dass ich den Termin mehrfach verlegen musste. Wir schwimmen einfach in Arbeit.“ Man glaubt ihm diese Worte.

Genau 18 Jahre ist der Mann nun Chef der Riesen-Behörde an der Poccistraße. Ende dieses Monats hört der 67-Jährige auf. Am 29. ist sein letzter Arbeitstag. Ruhestand! Schwer vorstellbar bei jemandem, den Freunde ein „absolutes Arbeitstier“ nennen. Was tut so jemand mit 24 Stunden Freizeit am Tag? Blume-Beyerle lächelt: „Ein bisserl Angst vor der Ruhe habe ich schon, aber ich habe einiges vor: Ich will Klavier lernen und unbedingt einen Segelkurs machen“, erzählt er. „Da habe ich erstmal zu tun.“ Und dann fügt der Jurist etwas an, was typisch für ihn ist: „Ich werde jedenfalls nicht in die Wirtschaft gehen und Profit mit meinem Wissen machen.“ Eigentlich könnte er Unternehmen erzählen, wie sie Auflagen und Behördenvorschriften legal umgehen könnten. Das wäre Gold wert. „Kommt aber für mich nicht in Frage. Punkt.“

Das ist eine dieser Eigenschaften, die viele Münchner an dem KVR-Chef schätzen: Blume-Beyerle ist und war immer „untouchable“, wie die Amerikaner sagen. Ein Unbestechlicher. Parteilos. Wer seiner Meinung nach seinem München schadet, der bekommt es mit ihm zu tun. Egal, welche Partei, egal wie populär. Und auch, wenn der Kampf aussichtslos scheint.

Das war seine größte Niederlage

Ein Beispiel dafür ist Gunther von Hagens mit seiner Körperwelten-Ausstellung: Dr. Tod wollte im Jahre 2001 erstmals in München seine zerschnittenen Leichen dem Publikum präsentieren. Blume-Beyerle wehrte sich mit Händen und Füßen. „Ich sehe bis heute nicht den Sinn darin, Tote an Seilen aufzuhängen und zu sagen, dass dies zum medizinischen Verständnis beitrage. Da kann man auch Plastik-Modelle nehmen.“ Diesen würdelosen Umgang mit Verstorbenen wollte er nicht in München. Es entbrannte ein juristischer Streit, der über Monate ging. Am Ende verlor Blume-Beyerle: „Das werte ich als eine meiner größten Niederlagen“, sagt er heute. „Das tat weh.“

Die schmerzhafteste Niederlage war es dennoch nicht. Die kam 14 Jahre später, als der KVR-Chef den Neo-Nazis verbot, am Tag der Eröffnung des NS-Dokuzentrums zu demonstrieren. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hob später das erlassene Verbot der Kundgebung plötzlich auf. „Das ärgert mich noch heute. Eine Frechheit. Mein bitterster Tag.“

Ja, für große Dinge kämpft Blume-Beyerle mit aller Leidenschaft. Dennoch ist er nie ein bärbeißiger Behörden-Boss gewesen. Kein Gauweiler, der zu seiner Zeit jeden Verstoß gegen Vorschriften regelrecht jagte, der Wiesn-Wirt Richard Süßmeier vom Festgelände schoss, weil dieser sich über Gauweilers Pharagrafen-Geilheit lustig machte. „Den Fall Süßmeier hätte es bei mir nicht gegeben. Das hätte man mit ein paar Gesprächen lösen können.“

"Ich wollte Leben reinbringen"

Blume-Beyerle ist und war der Mann, der auch mal ein Auge zudrückt. Immerhin schafft er die Sperrzeit ab: Als er 1998 das KVR übernimmt, werden in München an lauen Sommerabenden nach Sonnenuntergang die Bürgersteige hochgeklappt. „Ich wollte da etwas mehr Leben reinbringen. Leben und leben lassen, das war meine Devise.“ Bei diesen Worten lächelt er. „Neben meinen Niederlagen war das, glaube ich, mein Erfolg: Das friedliche Zusammenleben zu vermitteln. Ich wollte weg von einer Behörde, die alles ständig nur kontrolliert.“

tz-Redakteur Armin Geier unternahm mit dem KVR-Chef einen Stadt-Spaziergang.

Gastronomen können davon ein Lied singen. Besonders die Wiesn-Wirte. Jeder, der ein bisserl Ahnung vom größten Volksfest der Welt hat, weiß: Laut Vorschriften müsste zwischen jedem Zelt ein Abstand von 25 Metern sein. Zudem darf in diesem Bereich keine Bude, kein Standl stehen. Natürlich ist es jedes Jahr anders. Ein Alptraum für jeden Sicherheitsbeamten. „Ich liebe die Wiesn“, sagt Blume-Beyerle dazu. Seit seinem vierten Lebensjahr war er jedes Jahr dort. „Dieses Fest ist einmalig auf der Welt.“ Und dafür braucht man anscheinend einmalige Regeln. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen atmet er jedes Mal auf, wenn die Monster-Party wieder ohne Vorfälle vorübergeht.

Gut 3500 Beschäftigte unterstehen Blume-Beyerle in seiner Behörde. Neben dem Oberbürgermeister dürfte der dreifache Vater, der jeden Tag mit dem Radl zur Arbeit fährt, der wichtigste Mann in der Stadt sein. Dennoch merkte man ihm das nie an. Er spielt sich nicht in den Vordergrund, sonnt sich nicht im Rampenlicht wie mancher ehemalige Stadt-Chef. Oft wirkt er eher steif, unbeholfen. „Ich bin lieber im Hintergrund“, betont er. „Die Bühne brauche ich nicht.“ Wunderbar zeigt sich dies vor ein paar Jahren bei einer Veranstaltung von BMW. Der KVR-Chef soll eine Rede zur Eröffnung irgendeines Anbaus halten. Vorher liest Kabarett-Genie Gerhard Polt einige seiner Sketche. Der ist in Hochform. Tosender Applaus. Dann kommt Blume-Beyerle auf die Bühne. Man spürt regelrecht die Angst im Raum vor einer trockenen Behörden-Rede. „Da bin ich ans Mikro und habe gesagt: ‚Heute habe ich gelernt, dass man nach Gerhard Polt keine Rede hält. Daher verzichte ich auf meine.“ Dann verlässt er die Bühne. Tosender Applaus. „Die beste Rede, die ich je gehalten habe“, sagt er heute lachend.

Der Job war seine Berufung

Nett ist auch die Geschichte, als der KVR-Boss im Jahre 2005 den neuen Fitnessraum für seine Angestellten eröffnet. Um selbst als Sport-Vorbild zu glänzen, wirft er sich in einen modisch-grenzwertigen Trainingsanzug in Rosa-Rot. „Pretty in Pink“ stichelt unsere Zeitung damals. „Ich habe da über den optischen Eindruck gar nicht nachgedacht“, verteidigt sich Blume-Beyerle. Unprätentiös ist er. Dieses Bodenständige, das Normale – es ist wieder seine eigene Art, die viele Münchner an ihm mögen.

Keine Frage – das Kreisverwaltungsreferat wird grauer werden ohne den Unbestechlichen. Der Job war seine Berufung: „Schon als Student wollte ich ins KVR“, gibt der 67-Jährige heute zu. „Aber ich dachte nie, dass ich mal Chef werde.“ Dann fügt er an: „Ich werde die Arbeit vermissen. So wie die lieben Kollegen.“

Zu seinem Abschiedsfest am 29. Juni wird der Jurist in seinem Kreisverwaltungsreferat an alle Mitarbeiter zum Dank einen Button verteilen. So einen Anstecker, den man in den 80er Jahren an der Jeansjacke trug. Auf diesem wird stehen: „I love KVR!“ Ehrlich gesagt, ist das nicht sehr einfallsreich. Aber immerhin: Wenn man jemandem diese Worte abnimmt – dann Wilfried Blume-Beyerle.

Zur Person

Wilfried Blume-Beyerle wurde am 11. Dezember 1948 in Neumarkt-Sankt Veit geboren. Nach dem Abitur 1969 studierte er Jura in München und Speyer. Seine Karriere bei der Stadt begann 1984: Da wurde er Büroleiter des Oberbürgermeisters Georg Kronawitter (SPD) – und das bis 1992. Überregional bekannt wurde Blume-Beyerle vor allem durch den Rechtsstreit um die Ausweisung des jugendlichen Serienstraftäters Mehmet sowie durch die besondere Konsequenz bei der Durchsetzung verschiedener gesetzlicher Bestimmungen in München: insbesondere der Waffenkontrolle, des Nichtraucherschutzes und des Versammlungsgesetzes.

Armin Geier

Armin Geier

E-Mail:Armin.Geier@tz.de

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