Christian Ude und der Euro-Schreck

Varoufakis in München: "EU-Politiker sind wie Kinder"

Christian Ude und Yanis Varoufakis in der Muffathalle.
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Christian Ude und Yanis Varoufakis in der Muffathalle.

München - Wenn Yanis Varoufakis, der ehemalige griechische Finanzminister, in München redet, dann ist das kein Null-Acht-Fünfzen-Polit-Termin. Dann spricht da ein Pop Star.

Plakate zur Europa-Diskussion hängen Seite an Seite mit den Ankündigungen der nächsten Rock-Konzerte, eine lange Warteschlange bildet sich vor dem Kassenhäuschen von Leuten, die trotz des "Ausverkauft"-Schildes noch eine der 19 Euro teuren Karten wollen…

Und Varoufakis (54) enttäuschte sein Münchner Publikum im Muffatwerk nicht: Im perfekt sitzenden, trotzdem lässigen Anzug erklärt der als griechischer Finanzminister zurückgetretene Wirtschafts-Professor, warum die Euro-Rettungspolitik von Merkel, Juncker und Co. zum Scheitern verurteilt sei: "Die EU-Politiker verhalten sich wie kleine Kinder, die meinen, sie könnten ihre Fehler dadurch ungeschehen machen, dass sie sie unter den Teppich kehren."

Yanis Varoufakis in München: Er lobte die US-Politik

Varoufakis lobte im Gegensatz dazu die US-Politik, die die Finanzkrise wirklich überwunden habe. General Motors etwa sei nun wieder voll da, nachdem Washington den Autobauer durch zeitweilige Verstaatlichung vor der Pleite gerettet habe. Europa hingegen drohe der nächste Crash, wenn nicht bald – im Sinne von Varoufakis – gehandelt werde. Und das heißt: Erst eine "Stabilisierung" der Schuldensituation durch einen Schuldenerlass, dann die "2,1 Billionen Euro, die in den Banken faul herumliegen, zum Arbeiten bringen: durch Investition in grüne Technologie."

Christian Ude moderierte die Ökonomie- und Polit-Lehrstunde – auf Englisch, obwohl "ich der Schlechteste in Englisch nicht nur in meiner Klasse, sondern in der ganzen Schule war", warnte der Münchner Ex-OB das Publikum. Auch den hohen Eintrittspreis nahm der SPD-Mann in Ude-typischer Ironie aufs Korn: In Anspielung auf Peer Steinbrück frotzelte Ude, "Reden von Ex-Finanzministern sind sehr teuer" – und Varoufakis respektiere da halt die "deutsche Tradition".

Der griechische Ex-Minister, der am 9. Februar in Berlin seine neue, europaweite Bewegung "Democracy Europe Movement 2025" vorstellen will, machte die Misere seines Heimatlandes am Beispiel von Udes Lieblings-Insel Mykonos deutlich: Trotz Verdoppelung der Touristen-Zahlen seien dort die Steuereinnahmen gesunken. Der Grund: Auf der Insel gebe es keinen einzigen Steuerbeamten.

Christian Ude weiß, wie schwer es ist, in Griechenland Steuern zu zahlen

Ude, der auf Mykonos ein Haus besitzt, ergänzte seufzend: "Ich weiß, wie schwierig es ist, dort Steuern zu zahlen." Bei seinen Bemühungen, die Steuertricks reicher Oligarchen zu bekämpfen, sei er von der Troika aus EU-Kommission, Zentralbank und Währungsfonds nur behindert worden, so Varoufakis: "Die Troika ist der beste Freund der Steuerbetrüger." Seine Vorschläge, die Steuerflucht mittels eines einfachen Computerprogramms in den Griff zu bekommen, seien von "einem hochrangigen Troika-Vertreter" erst per Handschlag abgesegnet, später von Brüssel wieder abgelehnt worden. Udes Einwand, warum die Syriza-Regierung nicht wenigstens die Rüstungsausgaben als "Zeichen des guten Willens" zurückgeschraubt habe, konterte Varoufakis: "Wir mussten langfristige Verträge einhalten, auch mit deutschen Rüstungsunternehmen."

Der griechische Salon-Linke überraschte mit seinem Eingeständnis, wenn er Deutscher wäre, würde er Angela Merkel wählen – trotz aller Streitereien mit ihr in wirtschaftlichen Fragen. Denn: "Merkels Haltung zu den syrischen Flüchtlingen macht mich stolz, Europäer zu sein." Varoufakis wie Ude fürchten jedoch, dass die Flüchtlingsfrage in Kombination mit der immer noch ungelösten Euro-Krise einen dramatischen Rechtsruck in Europa auslösen könnte. Das Publikum in der Muffathalle bestand aus Varoufakis-Anhängern, aber auch aus Neugierigen, die Euro-Schreck Varoufakis durchaus kritisch gegenüberstehen. Aber nach dem dreistündigen Euro-Parforceritt waren sich Skeptiker wie Fans in einem einig: A Hund is er scho, dieser Grieche!

Klaus Rimpel

Christian Ude - Der Mykonos-Liebhaber

Seit mehr als 20 Jahren haben Christian Ude und seine Frau Edith ein Haus auf Mykonos. Der Münchner Alt-Oberbürgermeister ist sogar Ehrenbürger der griechischen Urlauber-Insel. Als großer Griechenlandliebhaber hatte sich Ude immer wieder auch in die Diskussion um die Griechenland-Rettung eingemischt. Im tz-Interview hatte der 68-Jährige die Syriza-Regierung auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer scharf kritisiert: "Wer Milliardäre und Multimillionäre weiter schont und nicht zu Kürzungen im absurden Verteidigungshaushalt bereit ist, aber die arbeitende Bevölkerung ins Elend stürzt, ist keine linke Regierung! Es ist eine Tragödie, die jedem Griechenlandliebhaber, und das bin ich und das bleibe ich, wirklich körperlich weh tut."

Yanis Varoufakis - Der gescheiterte Minister

Offenes Hemd, nie mit Krawatte – und zu den Kabinettssitzungen düste Yanis Varoufakis gerne mal mit dem Motorrad, seine attraktive Frau Danae hinten drauf. Dafür, dass Yanis Varoufakis so überhaupt nicht dem Klischee eines Politikers entspricht, lieben ihn (noch immer) viele Griechen. Doch die große Hoffnung seiner Wähler, der Wirtschaftsprofessor würde als Finanzminister die Sparpolitik beenden können, ging nicht auf. Nach vielem hin-und-her trat er nach nur fünf Monaten im Amt im Juli zurück. Am Schluss zerstritt sich der 54-Jährige auch mit Syriza-Chef Alexis Tsipras, mit dem er seit August kein Wort mehr gewechselt hat, wie er bei seinem Auftritt im Muffatwerk bestätigte.

Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

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