Null Prozent für das Tagesgeld

Zins-Schock: Das sagen die Münchner Sparkassen-Kunden

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Die Filiale der Stadtsparkasse im Tal.

München - Schock für die Sparer der Stadtsparkasse München: Es gibt nun Null Prozent auf das Tagesgeld. Die tz hat sich bei den Kunden umgehört.

Das Guthaben ist jeden Tag verfügbar, es gibt keine Kündigungsfrist: Das Tagesgeldkonto zählt mittlerweile zu den beliebtesten Anlageformen. Doch bei der Stadtsparkasse München trifft die Sparer jetzt der Zinsschock: Die Bank zahlt keine Zinsen mehr aufs Tagesgeld! Null Prozent – so wie es auch schon bei vielen weiteren Geldinstituten gilt.

Am Mittwoch hatte die Stadtsparkasse die Zinsen fürs Tagesgeld von 0,01 auf 0,00 Prozent abgesenkt. „Für auf Tagesbasis kündbare Einlagen gibt es ab gewissen Anlagesummen ja bereits seit längerem keine Zinsen mehr“, sagt Dr. Joachim Fröhler, Sprecher der Stadtsparkasse. Jetzt sei das Ganze eben vereinheitlicht worden.

Schuld hat auch die Politik der EZB

Auslöser dafür ist Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), so Experten, und das anhaltend herrschende Negativ-Zinsniveau. Die EZB hatte im März überraschend den so genannten Leitzins auf 0,0 Prozent gesenkt. Draghi spült aber nicht nur immer mehr billiges Geld in die Märkte. Es gibt mittlerweile auch Strafzinsen für die Banken: „Für Einlagen bei der EZB werden den Banken inzwischen Negativzinsen in Höhe von bereits 0,4 Prozent berechnet“, erklärt Fröhler. „Anlagen an den Kapitalmärkten in Pfandbriefe bis fünf Jahre Laufzeit haben negative Zinsen, ebenso Bundeswertpapiere mit einer Laufzeit bis zu acht Jahren.“

Die Stadtsparkasse steht mit ihrer Nullrunde nicht alleine da: Wie das Vergleichsportal Verivox feststellte, bekommen Kunden bei 96 von über 800 untersuchten Banken keine Zinsen mehr aufs Tagesgeld. Bevor die EZB den Leitzins senkte, hatten das nur 55 Banken getan – und vor zwei Jahren war es laut Verivox nur zwei.

Und wie sieht die Zukunft für die bayerischen Sparer aus? Da bleibt der Stadtsparkassensprecher skeptisch. Fröhler: „Wir sehen derzeit keine Anzeichen dafür, dass diese historisch einmalige Negativ-Zinsphase endet und wir kurz- bis mittelfristig wieder zu einem normalen Zinsniveau gelangen.“

Die tz hörte sich bei betroffenen Kunden um:

Wohnung gekauft

Diese 0,00 Prozent sind für mich indiskutabel! Ständig will die Stadtsparkasse jetzt mit mir Termine zur Beratung ausmachen, wie ich mein Geld anlege. Aber das brauche ich nicht mehr bei diesen niedrigen Zinssätzen. Ich habe lieber Schulden gemacht und mir eine Wohnung in der Stadt gekauft. Michael M. (50), Beamter aus München

Spare für den Führerschein

Schade, dass man nichts mehr fürs Tagesgeldkonto bekommt. Ich bin noch in der Ausbildung und spare gerade für meinen Führerschein. Deshalb achte ich auf jeden Euro. Hoffentlich wird es bald besser, damit sich das Sparen wieder lohnt. Sophia Eberl (17), Azubi zur Zahntechnikerin aus München

Man verliert nur

Ich habe ein Tagesgeldkonto und überlege, was ich jetzt mache. Denn beim Sparen verlierst Du nur! Und keiner weiß, wie es weitergeht. Vielleicht investiere ich in Wertanlagen, denn der Sparer schießt sich am Ende selber ins Bein.

Maximilian Röttle (19), Student der Gesundheitswissenschaft aus München

Bei anderen genauso

Das ist traurig, hat aber nichts mit der Stadtsparkasse zu tun. Bei den anderen Banken ist es genauso. Man wird dazu verleitet, dass man Geld ausgibt. Aber es ist doch illusorisch, sich mit 60 oder 70 noch ein Haus zu kaufen – das kann man ja gar nicht mehr abbezahlen. Helga Hausladen (69), frühere Stadtsparkassenangestellte aus München

tz-Interview mit Wolfgang Gerke, Bayer. Finanz Zentrum

Seit 2006 ist er Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums: Die tz sprach mit Bankenexperte Prof. Wolfgang Gerke (72):

Wie beurteilen Sie die null Prozent beim Tagesgeld?

Prof. Wolfgang Gerke: Der Zinssatz ist jetzt schon so niedrig, dass der Unterschied kaum fühlbar ist. Das Ganze ist eher psychologischer Natur, indem man erkennt, wie sehr man auf dem Tagesgeldkonto Geld verliert.

Die Stadtsparkasse hat erst vorgestern die Zinsen gesenkt...

Gerke: Die Stadtsparkasse konnte gar nicht anders. Sie steht wie alle Sparkassen und Genossenschaftsbanken unter extremem Kostendruck. Der entsteht durch die Regulierungskosten, die niedrigen Zinsen und die Kosten für die Digitalisierung. Folge: Die Sparkassen müssen entweder die Gebühren erhöhen oder die Einlagezinsen senken. Voraussichtlich werden sie beides tun.

Was heißt das für die Sparer?

Gerke: Ihre Altersvorsorge ist extrem gefährdet. Zähneknirschend müssen die Sparer akzeptieren, dass die EZB die Politik der Umverteilung vom Gläubiger zum Schuldner betreibt. Sie beschädigt nicht nur Bankkunden, sondern schaufelt auch auf Staatenebene das Geld vom Norden in den Süden.

Ihr Tipp für eine gute Anlage?

Gerke: Einen höheren Zins gibt es nur mit höherem Risiko. Da muss sich der Sparer fragen: Kann ich dieses Risiko eingehen? Es ist kein Wunder, dass sich im Moment viele lieber verschulden und Immobilien erwerben. Das macht durchaus Sinn – wobei dann wieder die Immobilienpreise angetrieben werden.

Wie lautet Ihr Fazit?

Gerke: Ich fürchte, dass selbst bei steigenden Zinsen für die Sparer der Realzins negativ bleibt. Staaten und Notenbanken versuchen, die aktuellen Probleme auf dem Rücken der Sparer langfristig zu lösen. Und der Sparer bekommt real auch langfristig nichts mehr.

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