Facebook-Star auf Überholspur

Sargnagel: Jetzt gewinnt sie auch noch einen Literaturpreis

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Im Netz erfolgreich: Stefanie Sargnagel nimmt kein Blatt vor den Mund.

München - Über das Internet wurde Stefanie Sargnagel berühmt. Jetzt mischt sie auch die Literatur-Szene auf. Ihren ersten Preis feiert sie auf ihre ganz eigene Art.

Stefanie Sargnagel (30), Facebook­e­rin aus Wien, hat es urplötzlich in die Beletage der Literatur gebracht. Wie das? Eine Jurorin hatte sie für den Ingeborg-Bachmann-Preis vorgeschlagen, wo sie auch prompt den Publikumspreis gewann - diese Stefanie Sargnagel, bürgerlich Sprengnagel, hat Selbstironie genug, um das selber absurd zu finden. Noch.

Sie ist drauf und dran zu glauben, dass diese Literaten und Professoren, die sie auf einmal wichtig finden, diese Feuilletonredakteure, die sie umwerben und Interviews wollen, recht haben könnten. Dass sie womöglich wirklich eine bemerkenswerte Autorin sei.

Sargnagel, immer mit roter Baskenmütze, die Selbstgedrehte in der einen, die Dose Bier in der anderen Hand, war doch die Galionsfigur der abgerockten Wiener Kneipen, der Drogen-Szene. Intellektuelle hatte sie gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Aber seit ihre von massenweise Followern gelikten Facebook-Splitter in kleinen Büchern bei kleinen Verlagen erscheinen (etwa In der Zukunft sind wir alle tot, mikrotext, Berlin 2016, 100 S., 8,99 Euro), überspringt sie die Untergrund-Szene.

Rotzfreche Aussagen

Formulieren kann sie. Glasklar und rotzfrech: "Der Bachmann-Preis ist wie Deutschland sucht den Superstar für Streber", "Männer sind einfach over", "Sport ist mir zu rechts". Sie hat Zivilcourage, eine messerscharfe Beobachtungsgabe, und zu ihrer Auffassung von Ehrlichkeit gehört auch ihre Fäkalsprache. Alles muss raus. Das kann man mögen, blöd oder jung finden. Mit der Masche quetschen sich ja heute mehrere junge Frauen zwischen Buchdeckel.

Aber nun schicken seriöse Zeitungen Stefanie auf Reportage. Den Wiener Opernball hat sie sich prima vorgenommen, auch Wiens rechte Szene gnadenlos abgemeiert. Aber dass ausgerechnet die Zeit, ihrer eigenen Seriosität müde, diese Facebook-Rose nach Bayreuth geschickt hat, um einen Prominenten jenseits des Kritikerblicks auf die Festspiele schauen zu lassen, das gibt dann doch zu denken.

Fressen und Hodenkraulen

Steffis langweiliges Genöle über fünf Tage Bayreuth ist das mit Abstand Schlechteste, das sie je geschrieben hat. Nur Fresserei und Angeödetsein, und manchmal hat sie ihrem Freund die Hoden gekrault. Was mögen die von der Zeit-Redaktion gesagt haben, als dieser Text ankam?

So kann's gehen, wenn man die Felle der Print-Medien wegschwimmen sieht und auf Teufel komm raus "junge Leser" gewinnen will.

Steffi, die sich selber als "personifizierte Wohlstandsverwahrlosung" bezeichnet, ist als Kellerkind mit feiner politischer Haltung besser. Von der "Hochkultur" sollte sie sich nicht aus der Bahn loben lassen.

Beate Kayser

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