Im Untergrund der "Metro"

Metro-Autor Glukhovsky spricht bei tz Klartext

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Dmitry Glukhovsky mit tz-Politikchef Klaus Rimpel in unserer Redaktion

München - Die Metro-Romane sind in 35 Sprachen übersetzt und mehr als zwei Millionen Mal verkauft worden. Beim tz-Besuch spricht der Top-Autor Dmitry Glukhovsky Klartext.

Die Welt von Dmitry Glukhovsky (37) ist dunkel - zumindest in seinem Romanzyklus Metro: Nach einem Atomkrieg vegetieren rund 40.000 der einst 15 Millionen Einwohner Moskaus im gigantischen Netz der U-Bahn vor sich hin. Der Held des Buches, Artjom, hört nicht auf die Lügen der Mächtigen und macht sich in Teil 3 (Metro 2035) wie einst Odysseus auf den Weg: Er will wissen, ob es jenseits der geschlossenen Luken der U-Bahn noch Leben gibt. Die Metro-Romane sind in 35 Sprachen übersetzt und mehr als zwei Millionen Mal verkauft worden. Beim tz-Besuch spricht der Topautor Klartext:

Herr Glukhovsky, Sie beschreiben die Moskauer Metro extrem realistisch. Haben Sie als Ex-Journalist da vor Ort recherchiert?

Dmitry Glukhovsky: Von klein auf! Als Kind musste ich täglich mit der Metro zur Schule fahren. Ich habe hier über 3000 Stunden meiner Kindheit verbracht! Mit 17 fing ich mit dem ersten Band der Trilogie an: Metro 2033. Damals, Mitte der 90er, elektrisierte mich, dass es neben dem offiziellen Metro-Netz ein geheimes U-Bahn-Netz gibt – zur Evakuierung der Regierung und bedeutender Wissenschaftler: Stalin ließ Ende der 40er die U-Bahn zum größten Atombunker der Welt ausbauen!

Ist „Metro 2035“ eine Parabel auf Russland 2016?

Glukhovsky: Ja, dieses Buch ist kein Science-Fiction, sondern sieht sich in der Tradition von Orwells 1984. Es geht um das heutige Russland unter Putin. Metro 2035 ist meine Antwort auf die Niederschlagung der Anti-Putin-Proteste vor zwei Jahren. Die Demonstrationen, bei denen ich dabei war, waren ein Moment der Hoffnung. Aber als Putin die Krim annektierte und eine gigantische Propaganda-Maschinerie anwarf, verdoppelte sich im nationalen Rausch die Zustimmung zu Putin. Das war eine riesige Enttäuschung für mich.

Haben auch Freunde, die mit Ihnen gegen Putin demonstrierten, sich von dieser Nationalismus-Welle anstecken lassen?

Glukhovsky: Leider ja, gut die Hälfte derer, die gegen Putin demonstrierten, glauben inzwischen sein Märchen von der westlich-schwulen Verschwörung. Das zerreißt Freundschaften und Familien. Ich denke viel darüber nach, warum wir Russen den Rückfall in den Nationalismus gegenüber der persönlichen Freiheit vorziehen, warum wir so dringend ein Feindbild brauchen, wie leicht wir zu manipulieren sind: Um das alles geht es in Metro 2035.

Die Mächtigen im Buch sagen: Verlasst die sichere Metro nicht, geht nicht raus – eine Parabel für Putin, der sagt: Glaubt nicht den Verlockungen des Westens?

Glukhovsky: Durchaus. Die russische Propaganda verhöhnt die europäischen Werte unaufhörlich als unmoralisch und dekadent. Die EU ist im russischen TV ein Königreich der ­Homosexuellen, die schwachen Europäer lassen sich von Horden von Syrern vergewaltigen. Gleichzeitig wird im russischen TV jeder Rechtsaußen-Wahlerfolg in Europa als Beleg dafür genommen, dass in Westeuropa alle Faschisten sind. Die Propaganda sagt: Wir Russen sind die letzte Bastion gegen den Verfall der moralischen Werte – und die meisten Russen schlucken das …

Können Sie so etwas in russischen Medien sagen?

Glukhovsky: Es gibt noch ein paar Internetseiten, die nicht blockiert werden. Aber die Beschränkungen werden immer größer. Es gab zuletzt noch einen Kabel-TV-Sender und einen Internet-TV-Sender, die Kritik wagen. Nachdem dieser Kabelsender über Putins Verwicklung in Panamagate berichtete, musste dessen Besitzer ihn an einen Putin-Vertrauten verkaufen.

Wie konnten Sie denn in Russland überhaupt für Ihr Buch werben?

Glukhovsky: Ich habe anfangs nicht erzählt, worum es geht. In der Werbung war es ein Abenteuerbuch. So konnten wir immerhin 120 000 Exemplare verkaufen. Das ist zwar nichts im Vergleich zu den 40 Millionen durch das russische Staatsfernsehen manipulierten Russen – aber mich lesen vor allem die Jungen. Wenn ich ein paar von ihnen zum Nachdenken bringen kann, bin ich zufrieden.

Müssen Sie Konsequenzen fürchten?

Glukhovsky: Man weiß nie. Bislang darf ich ins Ausland reisen, ich wurde noch nie inhaftiert. Aber es gibt Dutzende von Bloggern, die verhaftet wurden. Politiker und Journalisten wurden ermordet! Wir sind noch nicht in Stalins UdSSR. Russland ist keine Diktatur – aber der Trend dorthin macht mir Sorge. Wir mussen uns jetzt wehren, solange es noch möglich ist.

Ihre Buchreihe soll in Hollywood verfilmt werden. Falls das erfolgreich wird, werden Sie noch mehr in Putins Visier geraten …

Glukhovsky: Alle russischen Schriftsteller seit Puschkin und Tolstoi wollen Macht über die Gehirne der Menschen. Über Hollywood will ich mehr Aufmerksamkeit für meine Bücher.

Andere Autoren schreiben Ihre Metro-Geschichte fort – haben Sie Kontrolle darüber? 

Glukhovsky: Nichtkommerzielle Nutzer können einfach schreiben. Wer sein Buch aber veröffentlichen will, braucht meine Erlaubnis. Die Autoren müssen sich an ein paar Regeln halten, damit keine Widersprüche zu meiner Metro-Welt entstehen. Bisher sind 77 Bücher veröffentlicht worden, in Polen, Italien, der Ukraine… Alle Autoren schreiben über ihre Heimat im Spiegel des Metro-Universums, beim Italiener Tullio Avoledo etwa geht es um Theologie und den Vatikan. Die ersten 25 Bücher habe ich noch selbst gegengelesen, aber dann wurde das so zeitraubend, dass ich das an meinen russischen Verlag delegiert habe. Das Metro-Projekt ist ein spannendes, einzigartiges kreatives Experiment!

Dmitry Glukhovsky: „Metro 2035“, Heyne, 784 Seiten, 14,99 Euro.

Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

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