Verhüllungskünstler (80) baut derzeit Stege über den Iseosee

Balanceakt lässt Christo übers Wasser gehen

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Christo ist 80 Jahre alt, aber immer für einen Balanceakt zu haben. Hier steht er auf einem Steg seines neuen Projekts „Floating Piers“ im Iseo-See (Italien) – ab 18. Juni kann jeder drauf spazieren gehen.

Der bulgarische Künstler Christo macht einen Balanceakt auf dem Iseosee in Italien. Es entstehen Stege, auf denen man buchstäblich übers Wasser gehen kann. Im Interview erklärt er seine Idee dahinter.

Seit er 1995 den Berliner Reichtstag verhüllt hat, ist der bulgarische Künstler Christo (80) auch in Deutschland berühmt. Seit Jahrzehnten ist der Mann für seine XXXL-Kunstaktionen rund um die Welt unterwegs. Nach seinen safrangelben Gates (Toren) im New Yorker Central Park macht er jetzt einen Balanceakt auf dem Iseosee in Italien (Lombardei): Hier entstehen gerade riesige, mit orange-gelbem Stoff bezogene Stege, auf denen man ab 18. Juni buchstäblich übers Wasser gehen kann. Was Christo sagt und alles über die Floating Piers, die schwimmenden Stege:

Christo, wann hatten Sie die Idee, schwimmende Stege zu schaffen?

Christo: Schon fast seit 50 Jahren. Ich liebe die Vorstellung, Menschen auf einem wunderschönen Stoff über Wasser spazieren zu lassen. Ursprünglich war in den 70ern der Rio de la Plata in Argentinien angedacht, aber wir haben keine Erlaubnis bekommen. In den 90ern haben wir es in Tokio versucht – ebenfalls vergeblich. Für so ein Projekt braucht man die perfekte Location mit ruhigem Wasser.

Und wie kamen Sie auf den Iseosee?

Christo: Ich bin im vergangenen Jahr 80 geworden, und ich habe mir gesagt: Jetzt muss schnell etwas geschehen. Da gab es schon die Chance, das Projekt in Europa durchführen zu können und nach 40 Jahren nach Italien zurückzukehren. Wir haben uns dann alle norditalienischen Seen angeschaut und uns für den Iseosee entschieden, weil er in der Mitte die große Insel hat, die Monte Isola. Zudem gibt es noch eine kleinere Insel, Sao Paolo. Die Stege werden diese Inseln mit dem Festland verbinden und einmal ganz um Sao Paolo führen.

Wie lange dauern die Vorarbeiten insgesamt?

Christo: Es gab nur zwei Jahre Vorlaufzeit, das kam also sehr schnell zustande. Zum Vergleich: Bei der Verhüllung des Reichstags waren es fast 25 Jahre.

Wie funktionieren die Floating Piers?

Christo: Die Stege sind drei Kilometer lang und 16 Meter breit und wirken fast wie ein Strand. Der Stoff ist Dahliengelb-Golden und wird je nach Einfall der Sonne fast in einem dunklen Rot oder tiefen Orange erscheinen. Das Gewebe leuchtet teilweise so stark, dass man eine Sonnenbrille tragen muss. Selbst wenn ein Boot vorbeifährt, werden die Stege nicht schaukeln, sondern die Wellen werden in den Stoff einfließen. Die Menschen werden das Wasser unter ihren Füßen spüren und sehen, wie sich die Wellen unter der Oberfläche des Stoffes bewegen. Das ist sehr sexy und sehr aufregend.

Wie groß wird die Resonanz werden?

Christo: Darüber denken wir nie nach. Der Besuch kostet nichts, und die Stege sind rund um die Uhr geöffnet.

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