Gefallene Wirte-Legende

Süßmeier: „Für mich war die Wiesn nie ganz erledigt“

+
Fürs Foto hat sich Süßmeier noch einmal vor sein früheres Zelt gestellt.

München - Wie fühlt sich das an: von der Wiesn fliegen, so wie gerade erst Sepp Krätz? Richard Süßmeier hat genau das erlebt. Im Merkur-Interview spricht er über das "Plötzlich-Nur-Noch-Gast-Sein".

Er sitzt an einem Tisch ganz hinten im Eck der Gaststätte Großmarkthalle. Von 1962 bis 1968 war er hier selbst Wirt. Lange her. Die Bedienung, die ihm die Schweinswürstl mit Kraut bringt, erkennt ihn natürlich trotzdem. Jeder in der Münchner Gastronomie kennt Richard Süßmeier, den gefallenen Wiesn-Wirt, den Wirte-Napoleon, den Mann, der sich mit dem damaligen Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler (CSU) anlegte.

Inzwischen ist der 84-Jährige im Ruhestand. „Ich hab’ die Seiten gewechselt“, sagt Süßmeier. „Ich bin jetzt Gast.“ Dann erzählt er, wie das war, als er 1984 von der Wiesn flog, auf der er seit 1958 Wirt gewesen war. Und wie sich Sepp Krätz fühlen muss, dem heuer das Gleiche passiert ist.

Herr Süßmeier, wie fühlt sich das an, wenn man als Wirt nicht mehr auf der Wiesn sein darf?

Die Wiesn geht trotzdem weiter.

Gibt es eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Wiesn-Wirte?

Ich kenne keinen Ex-Wiesn-Wirt außer mir, der noch lebt.

Was ist mit Sepp Krätz?

Den würde ich als Wiesn-Wirt im Wartestand bezeichnen. Der will noch eine Chance – zumindest für seine Familie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sepp Krätz die Wiesn für alle Zeit abgeschrieben hat.

Wie war das bei Ihnen, als sie zum ersten Mal auf der Wiesn wieder zuschauen mussten?

Damit muss man sich schnell abfinden.

Geht das so einfach?

Einfach geht’s nicht. Ich hab’ ja gehofft, dass ich wieder raus darf und mich 1989 wieder beworben, als das Hackerzelt frei wurde. Ich habe nie gesagt, für mich ist die Wiesn ein für alle Mal erledigt.

Wie haben Sie den Anstichtag im ersten Jahr nach Ihrem Rauswurf verbracht?

Da hat eine Zeitung geschrieben: Der Herr Süßmeier sitzt zuhause vorm Bildschirm und weint. Das hat nun wirklich nicht gestimmt. Aber auf die Wiesn bin ich die ersten Tage nicht gegangen.

Was haben Sie stattdessen gemacht?

Ich war daheim oder hab’ gearbeitet. Ich hab’ ja zu tun gehabt. Business as usual, wie der Altbayer sagt. (lacht)

Sind Sie bewusst nicht auf die Wiesn gegangen, weil es Ihnen schwerfiel?

Ich hatte da ja nichts verloren. In den ersten Tagen während des größten Trubels sind alle in höchster Anspannung. Alles muss gleich funktionieren. Man kann bei der Wiesn nicht sagen: Warten wir auf die dritte Woche – die gibts nicht.

Hat Ihnen denn nichts gefehlt ohne die Wiesn?

Ein bisschen wehmütig war ich schon, das kann ich nicht abstreiten. Einfach weil ich das Geschäft mühsam aufgebaut hatte. Das Armbrustschützenzelt gab es ja damals gar nicht, das war eine Baracke, als ich es übernommen habe. Außer mir hatte sich niemand darum beworben.

Ein Wiesn-Zelt, das keiner haben wollte?

Das war nicht so wie heute. Die meisten wussten gar nicht, dass es die Baracke überhaupt gab. Mein Vorgänger hat gesagt: Erhoff’ dir nicht zu viel, ich habe mir damit jedes Jahr meinen Urlaub verdient. Ich hab’ aber nicht gefragt, wo der so hinfährt. (lacht) Für mich war wichtig, dass ich überhaupt raus auf die Wiesn komm’.

Wie lange hat es gedauert, bis Ihr Armbrustschützenzelt richtig lief?

Sieben Jahre. Am Anfang hab’ ich sogar draufgezahlt – das erzähl’ ich sonst nicht, weil mir das sowieso niemand glaubt. Ab 1965 ging es dann aufwärts.

Wie viele Plätze hatten Sie anfangs?

Das war unterschiedlich. Die Hälfte der Baracke brauchten die Schützen bis zur Mitte der zweiten Woche. Mein Vorgänger hat gesagt, die ersten Tage brauchst du gar nicht aufsperren, das lohnt sich nicht. Damit hat er nicht unrecht gehabt. Am ersten Montag hab’ ich keinen Hektoliter Bier verkauft, den Rest hab’ ich sogar der Kapelle geschenkt. Die Schützen haben ja nicht viel getrunken. Während meiner ersten Wiesn hab’ ich insgesamt nur 330 Hektoliter Bier verkauft – immerhin 30 mehr als mein Vorgänger.

Was hat die Mass damals gekostet?

1,55 Mark ohne Bedienung. Mit Bedienung hat sie dann 1,70 Mark und einen halben Pfennig gekostet.

Es heißt immer: Wer als Wirt auf die Wiesn kommt, ist ein gemachter Mann. Stimmt’s?

Dass man Geld verdient, ist klar, sonst würde man’s nicht machen. Aber es gibt ein Risiko: Es könnte ja 16 Tage lang regnen, dann fallen die Plätze im Garten weg und es gibt auch im Zelt keinen Wechsel der Gäste mehr. Wenn das Wetter gut ist, macht man in den 16 Tagen einen Riesenumsatz, den man in einem normalen Geschäft in der Zeit nie machen könnte – und der Gewinn ist immer mit dem Umsatz verbunden.

Als Sie sich 1989 noch mal um ein Zelt beworben haben, hat es da eine Rolle gespielt, dass Sie schon mal von der Wiesn geflogen waren?

Ich gehöre nicht zu denen, die sich den Kopf zermartern, was die anderen denken. Ich habe schon genug damit zu tun, was ich mir denke.

War das damals Ihr letzter Versuch?

Ja. Ich hab’ dann gewusst: Da geht nix. Ich hatte es auch satt, ein freundliches Gesicht zu machen, wenn ich mit irgendwelchen Leuten zusammensaß.

Haben Sie es jemals bereut, dass Sie sich mit Peter Gauweiler angelegt haben?

Niemals, kein einziges Mal. Im ersten Jahr war ich wehmütig, weil ich das Zelt selbst aufgebaut hatte. Aber ich würde mich heute noch wieder mit ihm anlegen. Meine Kinder und Kollegen sagen manchmal, dass ich eine Dummheit gemacht hätte. Aber da sage ich: Nein, ich habe versucht, mit Gauweiler zusammenzuarbeiten, aber dann hab’ ich gemerkt, aus was für einem Holz der ist.

Haben Sie es nicht übertrieben mit Ihrer Kabarett-Nummer über Gauweiler? War das nicht zu viel Provokation?

Da hat mich der Hafer gestochen. Ich habe meine Popularität überschätzt. Man lernt halt nicht aus.

Haben Sie später noch einmal mit Peter Gauweiler zu tun gehabt?

Nein, ich bin der Meinung, solche Leute muss man – wie es im Verkehrsbericht heißt – weiträumig umfahren.

Nicht einmal ausgesprochen haben Sie sich?

Nein, nie. Das wollte er auch gar nicht. Es sei denn, ich hätte mich einsichtig gezeigt, aber das wollte ich nicht. Ich muss sagen: Ich war froh, als er die Wahl damals verloren hat und nicht Oberbürgermeister geworden ist. Seitdem bin ich beruhigt.

Ist es nicht kurios, dass Gauweiler inzwischen Sepp Krätz vor Gericht verteidigt?

Das ist ein Treppenwitz. Aber ich will nichts gegen Sepp Krätz sagen. Er mag seine Fehler haben, aber was er aus dem Hippodrom gemacht hat, muss man anerkennen. Bevor er es übernommen hat, war ein Friedhof im Vergleich zum Hippodrom eine Vergnügungsgaststätte. Der hat einen Betrieb, der dem Tod geweiht war, wieder zum Leben erweckt. Respekt.

Was würden Sie Sepp Krätz jetzt raten?

Dem muss ich nichts raten.

Aber Sie kennen die Wehmut im ersten Jahr nach der Wiesn. . .

Es ist weniger Wehmut als Zorn, weil man etwas so mühsam aufgebaut hat und es einem mit einem Federstreich und einer gewaltigen Inszenierung genommen wird.

Aber diesen Zorn wird Sepp Krätz doch auch spüren.

Ja, aber man muss dann den Verstand einschalten. Man muss sich sagen: Es ist jetzt nun mal so, du kannst nichts ändern, denk’ nicht dran.

Sollte man im ersten Jahr lieber nicht auf die Wiesn gehen?

Ich bin im ersten Jahr kaum rausgegangen. Ich hatte keine Lust.

Wann hatten Sie wieder Lust?

Ich gehe nur noch mittags raus zum Essen. Ich hab’ meine Stammtische, da sind wir recht gut drauf. Es ist nicht so, dass ich mit Widerwillen rausgehe, ich geh’ schon gern auf die Wiesn. Letztes Jahr war ich glaub ich zehn Mal draußen. Abends geh ich nicht mehr. Ich bin jetzt 84. Im Altersheim gibt’s keinen Aufruf, auf’d Nacht zusammen auf die Wiesn zu gehen. (lacht)

Sind Sie eigentlich nach Ihrem Rauswurf noch mal beim Wirteeinzug mitgefahren?

Ja, einmal. Das war glaube ich im zweiten Jahr nach meiner Wiesn-Zeit, da bin ich auf der Kutsche von den Kufflers mitgefahren. Aber ich kam mir wirklich deplatziert vor. Von der ersten Minute an, als ich oben auf der Kutsche saß, hab’ ich gedacht: Da hast du nix verloren, du spielst in dem Spiel nicht mehr mit. Ich hab mich einfach nicht wohl gefühlt.

Vermissen Sie die Zeit als Wiesn-Wirt heute noch manchmal?

Ich war 28 Jahre draußen. Das war eine schöne Zeit. Das Entscheidende auf der Wiesn ist ja, dass alle mit dem Vorsatz rausgehen, einen fröhlichen Abend zu haben. Und alle tragen selbst dazu bei, da wartet keiner darauf, dass er unterhalten wird. Das ist die Stimmung, die es sonst nirgendwo gibt. Das ist, was die Wiesn so begehrenswert macht.

Das Interview führten Bettina Stuhlweißenburg und Philipp Vetter.

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Himmel der Bayern: Die Vorteile des neuen Hackerzelt
Himmel der Bayern: Die Vorteile des neuen Hackerzelt

Kommentare