"... dann klatsche ich sie weg"

So mies werden Frauen nach der Wiesn angemacht: Er klagt an

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Peter (Name geändert) mit zwei seiner drei Begleiterinnen.

München - Fallen bei einigen Männern nach der Wiesn alle Hemmungen? Ein Münchner klagt den "womöglich salonfähigen Sexismus" an.

Die Wiesn 2016 ist nun schon seit einigen Tagen vorbei. Es war ein weitestgehend schönes, erfolgreiches Fest. Aber es gibt auch Dinge, die negativ in Erinnerung blieben - etwa bei Peter, der sich an unsere Redaktion gewandt hatte und darum bat, seinen echten Namen nicht zu veröffentlichen.

Er war mit drei Freundinnen erst auf dem Oktoberfest und dann bei einer After-Wiesn-Party. Deren gibt es viele in München. Für alle, die um halb elf, wenn die Zelte schließen, eben noch nicht genug haben und die bis in die Nacht oder den Morgen durchfeiern wollen.

Allerdings hat viel von dem dort feiernden Klientel schon sehr viel Alkohol intus. Und bei manchem fallen dort nicht nur die Hemmungen, sondern auch die guten Manieren. Das klagt Peter in einer langen E-Mail an unsere Onlineredaktion an.

"Ich habe den Text zunächst für mich geschrieben, freue mich aber auch, wenn er einer breiteren Masse zugänglich wird", schreibt er. Und betitelt das Ganze mit: "Die Würde der Frau: ein Nachruf im Jahre 2016". Thema der Beschwerde sei der "bagatellisierte Sexismus".

Die Anklage des After-Wiesn-Partygängers im Wortlaut

Seine weitere Schilderung möchten wir hier ungekürzt wiedergeben:

"Als Münchner war ich mit drei Damen im Schlepptau bei einem „After-Wiesn-Event“ direkt an der Theresienwiese. Es ist Oktoberfest, die meisten sind schwer alkoholisiert, Frauen präsentieren ihre Brüste in engen Dirndln. So weit, so normal.

Aus Männersicht (und hier schließe ich mich mit ein) spricht also nichts dagegen, hier mal eine Dame in den Arm zu nehmen, dort etwas zu flirten oder auch selbst mal zu einem Busserl anzusetzen. Womöglich bagatellisiere ich selbst gewisses Sexismus-Verhalten. Umso schockierender ist es aber, dass selbst ich, ein häufig gesehener Gast auf Volksfesten, das Verhalten zahlreicher (hier muss tatsächlich auf die hohe Anzahl hingewiesen werden!) Männer als unerträglich wahrgenommen habe.

Besonders ist mir ein Kandidat in Erinnerung geblieben, der geschlagene sechs Mal zu einer meiner Freundinnen ankam, um sie entweder nur anzusprechen, ihre Hände zum Tanzen ergriff oder sie einfach direkt von hinten antanzte. Dass besagte Freundin einen Verlobungsring trug und klar darauf hinwies, dass sie nicht interessiert sei, kommentierte der junge Herr ganz nüchtern mit: 'Wenn sie verlobt ist, freut mich das wirklich für sie, aber wenn ich herausfinde, dass das nicht stimmt, klatsche ich sie weg.' Puh.

Bezeichnend war die Szenerie, als sich um unseren kleinen Vierer-Tanz-Kreis ein etwas größerer 'Tanz-Kreis' bestehend aus sieben Männern gebildet hatte, von denen immer mindestens einer sein Glück bei einer der drei Damen versuchen wollte. Erschreckend war dabei, dass das 'Nein!' der Frauen viele erst so richtig zu motivieren schien. Auch wenn ich als einziger Mann der Gruppe dazwischentrat, half dies nur bedingt.

Viel schwerer als die Liste der vielen Ereignisse wiegt jedoch die Dynamik, die sich innerhalb der Männergruppen bildete: Man schien sich an einem Ort aufzuhalten, an dem penetrantes Anmachen gängig und vor allem akzeptiert war. Anders als bei sonstigen Veranstaltungen schienen solche Annäherungen keine Ausnahme zu sein, sondern wirkten viel eher wie die Regel. Entsprechend erschien es auch aussichtslos, den Sicherheitsdienst an der Tür darauf hinzuweisen.

Wie sollte man eine zweistellige Anzahl an Personen, die es nicht auf konkrete Damen sondern ganz unspezifisch auf Frauen abgesehen hatte, verteilt über einen dunklen riesigen Raum der Party verweisen? Aussichtslos. Auch heute komme ich nur zu dem Schluss, dass man in einer solchen Situation wohl nur selber das Feld räumen kann. Dass dies jedoch den einzigen Ausweg darstellt, empfinde ich persönlich als beschämend.

Interessant, jedoch noch viel eher erschütternd war, dass die Männer gefühlt aus allen sozialen Schichten kamen. Das vermittelt mir heute das Gefühl, dass diese Art des Sexismus‘ schlicht salonfähig ist, spitzzüngig getreu dem Motto: 'ganz egal wo du herkommst oder was du machst, der fehlende Respekt vor einem Nein der Frau eint uns alle'.

Vor allem erweckt es in mir das Gefühl, dass das Ausmaß einer solchen Dynamik, wie wir sie erlebt haben, kaum eingeschränkt werden kann (weder durch Gesetz noch moderne Überwachungstechnik). Hier nützt lediglich das Anstandsgefühl und die Vernunft der entsprechenden Herren. Ein tollkühner Traum. Und so wird sich wohl auch in Zukunft nicht viel ändern – außer, dass wir beim nächsten Mal vielleicht noch schneller die Party verlassen ..."

Das sagt der Party-Veranstalter

Peter prangert in seiner Anklage ganz offensichtlich nicht den Club-Betreiber an, sondern einen Teil der Männerwelt. Und wer sich auf After-Wiesn-Partys herumtreibt, der kann durchaus beobachten, dass  dieses Verhalten mancher Männer unabhängig von der Location zu beobachten ist.

Dennoch haben wir natürlich den Party-Veranstalter mit der Zuschrift unseres Users konfrontiert. Es handelte sich um den Wiesnclub an der Theresienhöhe. Matthias Rösch betont, dass der Wiesnclub "mit Sicherheit zu den niveauvollsten After-Wiesn-Partys gehört und den höchsten Sicherheitsstandards entspricht. Wir haben im Gegensatz zu allen anderen After-Wiesn-Partys ein spezielles Sicherheitskonzept abgegeben und erhalten seit zehn Jahren beste Referenzen der Polizei München und der Münchner Ämter KVR und Bezirksinspektion."

Rösch verweist auf die lange Geschichte der Veranstaltung: "Nicht umsonst gibt es den Wiesnclub seit zehn Jahren. Wir haben zu über 60% Firmenkunden, die im Vorfeld reservieren und einen entsprechenden Standard geboten bekommen, es kommt nahezu zu keinen Problemen im Wiesnclub und sogar im Umfeld. Wenn wir oder unser Personal von Ihnen geschilderte Vorfälle erkennen oder zugetragen bekommen, reagieren wir sofort." Auch durch das Kamerasystem könne man Probleme schnell erkennen und klären.

Allerdings: Gegen Massen an alkoholisierten Männern nach der Wiesn ist jeder Club-Betreiber ein Stück weit machtlos, weiß der Veranstalter. "Dass einzelne Gäste, die nach der Wiesn auch manchmal beträchtlich alkoholisiert sind, verbal ausfallend werden und evtl. auch Ihre Kinderstube vergessen, kommt leider auch im Wiesnclub vor, wenn auch selten." Man versuche, solche Vorfälle zu verhindern. 

Mitbetreiber Sebastian Flaskamp ergänzt: "Selbstredend werden stark alkoholisierte Besucher an der Türe abgewiesen, unser Team von professionellen Securities, mitunter Personenschützer befinden sich nicht nur an der Türe sondern auch in allen anderen Bereichen der Alten Kongresshalle und kümmert sich um reibungslosen Ablauf." Sein Appell: Betroffene mögen sich "umgehend an das anwesende Sicherheitspersonal wenden, um derartige Vorkommnisse zu unterbinden, auch bietet sich an, das Service und Bar-Personal zu informieren."

Polizei liegen keine Anzeigen zu After-Wiesn-Partys vor

Der Polizei sei jedenfalls keine einzige Anzeige zu einem sexuellen Übergriff bei einer After-Wiesn-Party 2016 bekannt, wie Sprecherin Constanze Spitzweck auf Rückfrage erklärt. Sie erläutert: "Der Begriff 'sexuelle Übergriffe' erfasst in diesem Zusammenhang sowohl sämtliche Sexualdelikte, als auch die nicht zu den Sexualdelikten zählenden Beleidigungen auf sexueller Grundlage."

Offensichtlich ist die Hemmschwelle bei den Opfern hoch, eine sexuelle Belästigung anzuzeigen. Und die Unklarheit groß: Zählt ein Bussi von einem Fremden, der vorher nicht gefragt hat, noch zur Wiesn-Kultur? Wie ist es mit Anmachsprüchen? Was ist moralisch verwerflich, was gar strafbar? Was sollte man tolerieren, was auf keinen Fall?

Diese Fragen sollte wohl jeder auch für sich selbst klären - und sich bei einem unguten Gefühl eben doch überlegen, sich an die Polizei oder den Sicherheitsdienst zu wenden. Die Sensibilisierung dafür steigt offenbar langsam, wie auch die gestiegene Zahl der Anzeigen für Sexualdelikte auf dem Oktoberfest zeigt. Diese könne laut Polizei-Vizepräsident Werner Feiler "mit einer besonderen Sensibilisierung der Einsatzkräfte und daraus resultierender Steigerung der 'eigenen Wahrnehmungen' wie auch mit einem geänderten Anzeigeverhalten erklärt werden." Vielleicht auch vor dem Hintergrund der Silvester-Übergriffe in Köln.

Klar ist, dass Wiesn-Besucher auch mit viel Alkohol im Blut ihre guten Manieren nicht vergessen und anderen Menschen mit Respekt begegnen sollten. Oder um es in einem Aufruf festzuhalten: Leute, benehmt's Euch!

lin

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