Oktoberfest 2016

Sicherheit auf der Wiesn: Nur der Regen vermiest die Stimmung

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Was haben’S denn da drin? Ein Ordner kontrolliert am Eingang zum Festgelände eine Frau. Auf der Wiesn wurden aber auch Gäste mit Rucksäcken gesichtet.

München - Die Bilanz nach zwei Tagen Oktoberfest mit den neuen Sicherheitsmaßnahmen: Wenn etwas die Stimmung vermiest hat, dann der Regen.

Punkt zwölf Uhr am Samstag knallt es an der Bavaria. Laut. Viele Wiesn-Besucher zucken zusammen, kurz huscht Panik über die Gesichter. Aber dann entspannen sich die Nackenmuskeln der Lederhosenträger und der amerikanischen Touristen wieder: Ach so, nur die Böllerschützen! Sie verkünden über die Festwiese, dass der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter die erste Mass Bier angezapft hat.

Zum 183. Mal startete am Wochenende die Wiesn – erstmals mit Zugangskontrollen und Zaun, eine Folge der Anschläge in Würzburg und Ansbach und auch des Amoklaufs in München. Wie geht das – eine Wiesn hinter Gittern?

Am Eingang an der Bavaria ist mit Absperrungen ein Gang abgetrennt. Hier stehen die Wiesnbesucher Schlange. Nur wer ein Reservierungsbändchen hat, darf an der Schlange vorbei und direkt vor zur Kontrolle. Die Menge drängt sich unter bunte Regenschirme. Die meisten haben sich trotz Nieselwetters für Dirndl und kurze Lederhose entschieden und frieren. Neben der Menschenschlange sammeln sich leere Bier- und Schnapsflaschen – Spuren der Vorglüher. Trotzdem bleiben die Wartenden geduldig, es dauert ja auch nur wenige Minuten. „Zähfließender Verkehr“ hieße das in den Verkehrsnachrichten.

Oktoberfest 2016: Die meisten Besucher nehmen die Kontrollen gelassen hin

Die Sicherheitsleute bilden eine Kette vor dem Eingang, sie tasten nur wenige Leute ab, bevor sie aufs Gelände dürfen. Die Ordner inspizieren zügig die Taschen der Besucher: einmal aufmachen bitte, ein kurzer Blick und fertig. Die meisten Besucher nehmen die Kontrollen gelassen hin. „Im Fußballstadion wird man ja auch kontrolliert“, sagt einer (siehe auch Umfrage). Kein Grund, Angst zu haben oder sich aufzuregen.

Aber ganz konsequent sind die Ordner nicht: An der Bavaria darf ein Vater seinen Sohn im Kinderwagen mit reinnehmen, am Eingang Goetheplatz muss eine Familie den Buggy draußen absperren. Sperrige und spitze Gegenstände sind natürlich verboten. Doch ein amerikanischer Tourist im Sepperl-Kostüm will unbedingt seinen Spazierstock mitnehmen, er habe Probleme mit den Knien. Weil der Stock sich wie eine Zeltstange zusammenfalten lässt, winken ihn die Ordner durch. Das ist tatsächlich der Eindruck von den ersten zwei Wiesn-Tagen: Wer wie kontrolliert wird, das hängt stark vom Ordner ab. Die Polizei teilt am Sonntag mit, man werde das mit der Stadt München besprechen.

Eigentlich sind die Regeln eindeutig: Nur kleine Täschchen sind erlaubt. Es gilt die goldene Milchtüten-Regel, die Josef Schmid, zweiter Bürgermeister und Wiesn-Chef, ausgegeben hat – Rucksäcke und Taschen, in die mehr reinpasst als drei Milchtüten, dürfen nicht mit aufs Festgelände. Die meisten haben das mitbekommen und ohnehin keine Lust, sich mit großem Rucksack durch das Gewühl zwischen den Zelten und Fahrgeschäften zu drängen. Aber wer eine zu große Tasche dabei hat, kann diese bei einer der Gepäckaufbewahrungsstellen abgeben.

Lastwagen mit Schließfächern für Taschen auf dem Oktoberfest 2016 

Rund um die Theresienwiese sind Lastwagen aufgestellt, in deren Laderaum Schließfächer sind. Für vier Euro am Tag kann man hier kleinere Taschen einsperren, große für sieben Euro. Aber: Schon am Vormittag, noch vor dem Anstich, ist die Gepäckaufbewahrung im ehemaligen Toilettenhäusl am Haupteingang halbvoll. „Wer später am Tag kommt, hat wahrscheinlich Pech“, vermutet ein Helfer. Und: „Es ist gut, wenn man Englisch kann“, sagt er. Die meisten, die zu große Gepäckstücke dabei hätten, seien Touristen. „In Amerika stand nichts vom Verbot in der Zeitung.“ Ärgerlich: „I’m pissed“, sagt eine Touristin aus den USA. „Ich bin genervt.“ Sie habe in ihrer großen Handtasche Sachen für ihre Kinder, und eine kleinere Tasche habe sie nicht dabei. Ratlos steht sie in der Schlange vor den Schließfächern.

Einen der unangenehmsten Jobs an diesem Samstag haben wohl die Ordner auf der Theresienhöhe. Seit sieben Uhr stehen sie hier auf der Wiese, die zu Oktoberfest-Zeiten ironisch „Kotzhügel“ genannt wird. Sie tragen Regencapes über den Sicherheitswesten und bewachen den neuen Zaun, der den bisher letzten freien Zugang auf die Theresienwiese in diesem Jahr versperrt. Er soll verhindern, dass jemand unkontrolliert auf die Wiesn kommt, und er soll auch dabei helfen, die Wiesn vor Überfüllung zu schützen: Da die Festwiese jetzt komplett umzäunt ist, können die Sicherheitskräfte kontrollieren, wie viele Menschen auf der Theresienwiese sind, wann das Gelände wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Im Fall der Fälle sind die Ordner am Kotzhügel diejenigen, die in weniger als einer Minute den Zaun einrollen müssen.

Doch der Andrang hält sich in Grenzen. Wer keine Reservierung hat, überlegt es sich an diesem verregneten Samstag gut, ob er sich raus auf die Wiesn wagt. Das macht es für die Sicherheitskräfte leicht. „Bisher ist alles ruhig“, sagt einer der Ordner am Eingang Richtung Goetheplatz. Die Leute kommen in Wellen, immer, wenn eine neue U-Bahn ankommt. Mehr Aufregung gibt es an den Eingängen, die nur für Rettungskräfte sind. Dass man nicht überall einfach aufs Festgelände spazieren kann, ist noch ungewohnt für die Wiesngänger. Zwar zucken manche nur mit den Schultern und machen sich auf den Weg zum nächsten Eingang, andere ziehen murrend von dannen, aber einige versuchen, mit den Ordnern zu diskutieren, ob nicht für sie vielleicht eine Extrawurst gelten könnte. „Ich hab’ einen Tisch im Schottenhamel, das wäre jetzt hier wirklich viel kürzer als von der Bavaria aus.“ Die Ordner bleiben hart. Doch gegen Mittag öffnen sie einen der Eingänge für Rettungsfahrzeuge auch für Besucher. Der Andrang war zu groß, weil der Haupteingang wegen des Einzugs der Wiesnwirte zwischenzeitlich gesperrt war.

Im Vorfeld wurde auch viel über den Trachten- und Schützenzug diskutiert. Zwei Gruppen haben ihre Teilnahme abgesagt – von 168. „Die Plätze konnten wir gleich wieder auffüllen“, sagt Manfred Newrzella vom Festring München, der den Umzug organisiert. Am Sonntag, acht Uhr, ist die Stimmung zum Beispiel bei der Stadtkapelle Freising bestens. Sie treffen sich am Bahnhof, um nach München zu fahren. „Es stand für uns nie zur Debatte, ob wir heuer mit dabei sind oder nicht“, sagt eine Musikerin.

Für den Umzug wurden extra Sicherheitskräfte abgestellt, um Taschen und Rucksäcke der knapp 9200 Teilnehmer zu kontrollieren. „Keine Nagelschere, kein Haarspray dabei?“ Das werden vor allem Trachtlerinnen gefragt. Auch Pompadours, Körbe und Leiterwagen werden genau angeschaut, die Marketenderinnen der Marktkapelle Au in der Hallertau müssen herzeigen, was in ihrem kleinen Schnapsfassl drin ist. Schnaps. Sicherheitscheck bestanden, die Frauen bekommen das blaue Bandl – damit dürfen sie nach dem Zug auf das Wiesn-Gelände.

„Das lief im Großen und Ganzen reibungslos“, heißt es beim Festring. Das ist in etwa auch die Bilanz der Münchner Polizei und der Bundespolizei, die am Hauptbahnhof und an den S-Bahnhöfen keine nennenswerten Störungen verzeichnen – außer die üblichen betrunkenen Pöbler und Masskrug-Diebe.

Ach ja: Die Bierzelte wurden am Samstagnachmittag geschlossen – wegen Überfüllung. So wie in jedem Jahr.

Umfrage unter Oktoberfest-Besuchern: Sind Sie genervt vom Zaun?

Andrea Kresky, 56, und Sabine Ringel, 48, aus Nürnberg.

Andrea Kresky, 56, und Sabine Ringel, 48, aus Nürnberg: Natürlich kann überall was passieren, hier oder in der U-Bahn. Aber wir fühlen uns sicherer, wenn hier keiner unkontrolliert auf das Gelände kann. Wir hätten auch eigentlich nicht warten müssen an den Kontrollen, aber unser Freund hatte einen Rucksack dabei, den musste er abgeben. Er ist Tourist aus den USA: Er hat nichts von dem Verbot mitbekommen und wir haben vergessen, ihm Bescheid zu sagen.

Matthias Höller, 37, aus München.

Matthias Höller, 37, aus München: Ich finde die ganze Debatte um den Zaun, die wir in den letzten Wochen hatten, völlig übertrieben. Die Sicherheitskräfte geben sich die beste Mühe, das Anschlagsrisiko zu minimieren. Wenn man da bei den Kontrollen ein bisschen länger warten muss, finde ich das nicht dramatisch. Ich muss da an den Anschlag in Ansbach denken – wenn der Täter aufs Festivalgelände gekommen wäre, wäre das noch viel schlimmer ausgegangen.

Kristina Schmidt, 49, aus München.

Kristina Schmidt, 49, aus München: Die Kontrollen sind völliger Humbug. Wer etwas reinschmuggeln will und böse Absichten hat, wird trotzdem einen Weg finden. Aber ich fühle mich auf der Wiesn trotzdem sicher, sonst wäre ich ja nicht hier. Aber als gerade die Böllerschützen geschossen haben, habe ich einen Witz gemacht, dass das hoffentlich nur das Zeichen für den Anstich war. Die Angst ist immer dabei, aber sie muss sich so in Grenzen halten, dass man normal weiterleben kann.

Olaf Johannson, 59, aus Oslo, Norwegen.

Olaf Johannson, 59, aus Oslo, Norwegen: Von dem Zaun wusste ich gar nichts, aber auf dem Weg vom Goetheplatz hierher habe ich viel Polizei gesehen. Die Sicherheitsleute haben mich nur kurz angeschaut und entschieden, dass ich ein netter Mensch bin. Bei meiner Frau haben sie in die Handtasche geschaut. Ich fühle mich sicher hier. Ich habe gar nicht daran gedacht, nicht zu kommen. Ich vertraue da der deutschen Polizei, dass sie die richtigen Maßnahmen trifft.

Oktoberfest 2016: Öffnungszeiten, Wiesn im TV und Übersichtsseite

Beim Oktoberfest 2016 gibt es erstmals Eingangskontrollen und ein Rucksackverbot. Was Sie mit aufs Festgelände nehmen dürfen, erfahren Sie hier. Was kostet heuer die Mass Bier und welche Öffnungszeiten hat die Wiesn? Hier beantworten wir Ihnen alles, was Sie zum Oktoberfest wissen müssen. Sie schaffen es selbst nicht aufs größte Volksfest der Welt? Kein Problem: Hier läuft die Wiesn im TV und im Stream. Natürlich gibt es auf der Theresienwiese einige Regeln - hier erklären wir Ihnen, was Sie niemals auf dem Oktoberfest tun sollten. Alle News zur Wiesn finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

Von Judith Issig, Teresa Pancritius & Carmen Ick-Dietl

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