"Lasst die Geldangebote einfach bleiben"

Das hat ein Zelt-Security den Wiesn-Gästen zu sagen

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Jedes Zelt auf der Wiesn hat Sicherheits-Mitarbeiter.

München - Jeden Abend sind fast alle Zelte auf der Wiesn brechend voll. Die Gäste wollen trotzdem rein. Die Security soll das verhindern. Wir haben mit einem Mann gesprochen, der das seit 19 Jahren macht.

Seit fast 20 Jahren arbeitet Manuel (Name geändert) als Security in einem kleinen Zelt auf der Wiesn. Der Bürokaufmann macht das nebenher, geht nach seiner eigentlichen Arbeit noch für einige Stunden auf das Oktoberfest, um für Sicherheit zu sorgen. Auch an den Wochenenden ist er vor Ort, je nachdem wie er gebraucht wird. Am Zelteingang kontrolliert er, dass keine missliebigen Gegenstände wie Messer oder Pfefferspray und volltrunkene Besucher ins Zelt kommen.

Uns erzählt er, wie er Security-Mann wurde, wie ein Wiesn-Tag üblicherweise bei ihm abläuft welche kuriose Geschichte ihn nicht mehr loslässt.

Wiesn-Security kann diese eine Ausrede nicht mehr hören

Wir müssen in der Früh um sieben oder acht Uhr antreten und dann dauert die Schicht meistens zwischen sieben und acht Stunden mit Mittagspause. Am Abend bleiben wir so lange, bis das Zelt schließt und der letzte Gast draußen ist. Mein Job ist es, an der Tür zu stehen und die Gäste zu begrüßen. Manchmal schicke ich sie auch weiter ins nächste Zelt, zum Beispiel dann, wenn es voll ist oder die Gäste nicht der Hausordnung entsprechen, also zu angetrunken oder aggressiv sind. Aber immer mit einem Lächeln im Gesicht.

Je höher der Alkoholpegel ist, desto penetranter und aufdringlicher sind die Leute. Die Lieblingsausrede: "Meine Freunde sind schon drin und ich werde erwartet." Auch dreist: Manchmal arbeitet das Zelt mit Stempeln und dann kopieren Besucher diese Stempel, indem sie die Handflächen aneinanderdrücken. Andere glauben, dass der Kauf von Marken auch automatisch zum Einlass berechtigt. Natürlich bekommen wir täglich Geld angeboten, dass wir die Leute reinlassen. Aber das geht gar nicht.

Sobald wir auch nur einen Schein annehmen, sind wir unseren Job los. Letztes Jahr meinte eine Truppe, 500 Euro würden reichen, uns zu überzeugen. Aber da müssten schon 3000 Euro her, damit ich auch gleich kündigen könnte. Spaß beiseite, solche Geldannahmen sind tabu und werden unter Kollegen nicht gern gesehen. Wenn das ein KVR-Mitarbeiter oder Undercover-Gast ist, dann sind wir arbeitslos. 

An alle Wiesn-Gäste: Lasst solche Offerten einfach bleiben.

Es ist etwas anderes, wenn uns Gäste beim Rausgehen einen Fünf-Euro-Schein zustecken. Das melden wir dem Chef und der entscheidet dann: ab in die Gemeinschaftskasse oder behalt' es selbst.

So penetrant wie dieser Wiesn-Tourist war bisher keiner

Die meisten aufdringlichen Gäste können wir durch gutes Zureden beschwichtigen, dass das Zelt wirklich voll ist. Aber manchmal reicht das nicht. Dann versuchen sie sich durchzudrängeln, die meist betrunkenen Leute werden laut und beleidigend. Dann haben sie aber gar keine Chance mehr, an uns vorbei ins Zelt zu kommen.

Geben sie gar nicht nach, drohen wir mit der Polizei. Das reicht meistens. Aber nicht immer. Wir hatten mal einen kuriosen Fall: Ein Russe ließ und ließ sich nicht abwimmeln. Wir haben die Polizei geholt, die ihn abtransportierte. Nach einer Stunde stand er wieder da. Wir haben also wieder die gleiche Streife geholt, sie hat ihn wieder mitgenommen. Nach einer Stunde stand er wieder vor unserem Zelt. Also haben wir ein drittes Mal die Polizei gerufen, die ihn dann in Gewahrsam nahm.

In den 19 Jahren wurde ich natürlich auch einige Male angegriffen. An einem Samstagabend waren wir fünf Security-Mitarbeiter und uns standen 25 Italiener gegenüber, die sternhagelvoll waren. Es kam zu einer Keilerei, weil sie unbedingt genau in dieses Zelt wollten. Nachdem wir die Polizei gerufen haben, löste sich das rasch auf.

Dank dieses Tricks am Eingang sind die Besucher weniger aggressiv

Seit einigen Jahren haben wir es einfacher, weil es Empfangsdamen gibt, die schon gut zureden, bevor die Leute zu uns durchkommen. Dadurch, dass es Frauen sind, sind die Gäste meist weniger aggressiv. Sie wirken auf ihre Art und Weise deeskalierend. Wir greifen dann ein, wenn wir merken, dass die Besucher wirklich aufdringlich werden und gar nicht nachgeben.

Auch wenn es einige Vorurteile gegen Security-Mitarbeiter gibt, in unserem Team mussten alle den Paragrafen 34a erfüllen. Das ist die Sicherungsausbildung für Objekt- und Wachschutz. Die jeweiligen Fortbildungskurse werden von der IHK geleitet. Dort lernt man überwiegend, wie man mit aggressiven, betrunkenen Menschen umgeht und den Dampf rausnimmt sowie seine Rechte und Pflichten.

Eine Kampfausbildung ist nicht notwendig. Klar, manche haben sie, ich nicht. Ich habe sie aber bisher auch nicht gebraucht. Denn man kennt die typischen Türsteher, das sind große Bullen, bei denen meist die Erscheinung schon Eindruck macht. Auch die Frauen in unserem Team haben keine Kampfausbildung. Dafür reden sie mehr und gehen auf die Leute ein.

Reden ist die erste Deeskalationsstufe

Es ist erstaunlich, wie viel es hilft, wenn man mit den Menschen spricht und sie nach ihrem Namen fragt. Dann lässt die Aggressivität nach, weil Sätze wie "Hey Typ, hau ab" mehr Würze reinbringen als der Satz "Hey Peter, lass gut sein. Komm doch morgen einfach wieder." Deswegen ist es auch wichtig, dass wir als Securitys mehr als nur ein paar Brocken Deutsch sprechen können. Ein einfaches "Du kommst hier nicht rein" entschärft selten eine Situation. Die meisten Security-Mitarbeiter werden dann grob, weil sie ihre Argumente nicht in Worte fassen können.

Wenn man ein bisschen Vernunft walten lässt, dann braucht man keine Fäuste. Man kann mit den Gästen reden, egal wie besoffen sie sind. Wenn sie kein Deutsch verstehen, hilft Englisch weiter. Ich selbst musste nur dreimal zulangen - und das in 19 Jahren. Andere schlagen innerhalb einer Wiesn so oft zu.

Stammgast in den USA

An den Job im kleinen Zelt bin ich durch Freunde gekommen. Ich war damals noch Lehrling und der Nebenjob auf der Wiesn brachte einen erheblichen Zuverdienst. Seitdem mache ich das aus Gewohnheit - und natürlich weil es mir Spaß macht.

Man knüpft viele Kontakte. Ich habe einen Stammgast aus den USA, der immer bei meiner Tür reinkommt, mich begrüßt und am letzten Abend auf eine Mass einladen möchte. Wir schreiben uns auf Facebook. Das ist der Vorteil unseres Zelts: Es ist nicht so groß, die Gäste sind meistens Stammkunden. Alkoholtouristen hat bei uns nichts verloren.

Es hat sich einiges geändert, seit ich als Security auf der Wiesn arbeite. Seit 2001, nach den Terroranschlägen in New York, gibt es immer mehr Polizeipräsenz und mehr Taschenkontrollen. Deshalb habe ich auch dieses Jahr wenig Bedenken um meine Sicherheit. Anders als einer meiner Kollegen. Die Freundin macht sich Sorgen um ihn.

Meine Erfahrung ist: Je größer das Zelt, desto mehr Ärger gibt es. Weil viele reingelassen werden und drinbleiben dürfen, auch wenn sie sich daneben benehmen. Wenn die dort nackt auf den Bänken tanzen, und man sieht das im Fernsehen, dann zieht man mehr von diesen Leuten an.

Masskrug-Schlägereien sind kaum vermeidbar

Gegen Masskrug-Schlägereien kann man aber kaum etwas machen. So schnell kann man gar nicht gucken, wie der Krug fliegt. Auch sexuelle Belästigungen kommen jedes Jahr öfter vor. Unser Zelt wird zum Glück von Videokameras überwacht. Wenn eine Frau zu uns kommt, dann halten wir den potenziell Schuldigen, die Zeugen und das Opfer fest. Die Ermittlungsgewalt, wie das so schön heißt, bleibt bei der Polizei, die wir dann hinzurufen.

Ich hatte mal eine kuriose Geschichte vor ein paar Jahren. Eine Österreicherin kam zu mir und behauptete, auf der Toilette von einem Mann sexuell belästigt worden zu sein. Am Ein- und Ausgang des WCs standen jeweils zwei meiner Kolleginnen, da meinte ich zu ihr: "Das kann nicht sein, dafür stehen die ja dort." Sie blieb jedoch bei ihrer Ansicht und wurde schnell grob. Als wir ihren Mann hinzuzogen, brachte das jedoch auch keine Lösung. Der war so besoffen, dass er die ganze Zeit beseelt lächelte.

Sie beklagte sich weiter lauthals, krakelte und zack, kurz darauf flog der Masskrug in meine Richtung. Ein Jahr später haben wir uns dann vor Gericht wiedergesehen. Wir erstatteten eine Anzeige wegen versuchter Körperverletzung, weil sie zum Glück niemanden erwischt hatte. Teuer wurde es trotzdem für sie.

Deswegen mein Aufruf an die Wiesn-Gäste: Bleibt's friedlich, habt euren Spaß und kommt sicher nach Hause.

Protokolliert von Michael Sapper.

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sap

Michael Sapper

Michael Sapper

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