Die großen Wiesn-Wirte

Fischer-Vroni: Ein Metzgermeister wird Fischbrater

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Vor dem Kutter im Zelt: Johann Stadtmüller (r.) mit Frau Monika und den Kindern Melanie und Hans. Die Fischer Vroni ist schon seit 1904 auf der Wiesn. Ihren Namen hat sie wohl von einer Bedienung namens Veronika, die seinerzeit dort arbeitete.

München - Im ersten Teil unserer Serie über die großen Wiesn-Wirte erzählt Fischer-Vroni-Wirt Johann Stadtmüller, wie er vom Fleisch zum Fisch kam.

Einfach der Nase folgen... mhhh, Steckerlfisch! Das rauchige Aroma weist den Weg zur Fischer Vroni – mit nur 4030 Plätzen dem kleinsten der sogenannten großen Zelte. Schon seit 1904 gibt es das Fachwerkzelt mit dem Storchennest auf dem Dach auf der Wiesn. Damals allerdings hatte noch nicht der Stadtmüller-Kustatscher-Rettenmeier-Clan das Sagen.

Karl und Philippine Winter, die Großeltern vom heutigen Wirt Johann Stadtmüller, verkauften erst ab 1914 Steckerlfische auf dem Oktoberfest – seinerzeit eine Neuheit. Sie hatten gerade einen Fischgroßhandel in Sendling gegründet. Von hier aus belieferten sie ihre Kunden mit Handkarren. Auf der Wiesn standen sie mit einem bescheidenen Imbisswagen. Freilich träumten sie von einem richtigen Zelt. Sie sparten eisern – und beantragten 1949, als sie genügend Geld beisammen hatten, die Konzession für die Fischer Vroni. Das Originalzelt war während des Kriegs an seinem Lagerort abgebrannt, die Winters ließen es nach alten Fotografien wiederaufbauen.

Ihr Enkel Johann Stadtmüller hatte ursprünglich nicht geplant, Wiesnwirt zu werden: „Was mir eigentlich gefallen hätte, wäre ein Hotel mit eigener Metzgerei und Wirtschaft gewesen“, erzählt er. In der Metzgerei vom Spöckmeier machte er eine Ausbildung zum Metzger. Doch dann starb sein Vater – und er musste Fleisch gegen Fisch tauschen und im Familienbetrieb mitanpacken. Schon als 15-Jähriger verkaufte er Steckerlfische auf dem Oktoberfest. An der Seite seiner Mutter Eva und deren Schwester Anita – von den Münchnern liebevoll Fischer Vronis genannt – lernte er das Wiesngeschäft von der Pike auf.

Mitte der 80er-Jahre verkauften die beiden Damen den Fischgroßhandel jedoch an die Deutsche See, nur die Fischer Vroni behielten sie. In der Folge klapperte Stadtmüller mit einem Wagen Wochenmärkte ab und verkaufte dort Fische. Im Sommer grillte er Makrelen in Biergärten. Ein mobiles Leben, das er nicht auf Dauer führen wollte. Eines Tages traf er im Hirschgarten Ferdinand Schmid, den inzwischen verstorbenen Chef der Augustiner Brauerei. „Da habe ich geäußert, dass ich gerne Wirt werden würde“, sagt Stadtmüller. Schmid erwiderte: „Ja, dann schau ma mal, ob ich was für dich finde.“ Es dauerte eine Weile, dann bekam Stadtmüller das Jagdschlössl am Rotkreuzplatz übertragen. Endlich ein eigenes Wirtshaus! Inzwischen führt er auch den Schweizer Hof in Pasing.

Seit 2004 ist er Wirt der Fischer Vroni. „Das war meine erste Wiesn ohne die Damen“, sagt Stadtmüller. Seine Mutter Eva und seine Tante Anita starben 2002 kurz nacheinander. „Es war keine leichte Wiesn“, erinnert sich Stadtmüller. „Überall im Zelt wurde ich an meine Mutter und meine Tante erinnert. Sie haben mir sehr gefehlt.“

Zumindest weiß Stadtmüller seine Frau Monika und die Kinder Hans und Melanie hinter sich. Und weitere Familienmitglieder: Stadtmüller führt die Karl Winter OHG, der das Wiesnzelt gehört, mit seiner Schwester Silvia, seiner Cousine Kornelia Kustatscher und seinem Cousin Karl Rettenmeier. Auch hinter denen stehen Familien, die mit anpacken. Das ist wichtig, schließlich gibt’s Fischer Vronis Steckerlfisch nicht nur auf der Wiesn: Auf der Auer Dult und anderen bayerischen Volksfesten sowie in zahlreichen Münchner Biergärten grillt die Familie Makrelen und Lachsforellen.

Auch wenn die Fischer Vroni von außen noch so aussieht, wie vor Jahrzehnten – innen hat sie sich gewandelt. Bis in die 80er-Jahre war sie kein Bier-, sondern ein Speisezelt. „Mit Wirtshausbestuhlung und ohne Biergarnituren“, erzählt Stadtmüller. Das Schiff, das Sepp Folgers Kapelle als Bühne dient, ließt Stadtmüller in den 90er-Jahren bauen. „Ich war damals in Cuxhaven und habe gesehen, dass in den Markthallen alte Kutter als Verkaufsstände dienen“, erzählt er. „Das hat mir gefallen.“

In Sachen Dekoration ist die Fischer Vroni eines der schönsten Zelte. Die Gäste, darunter Schauspielerin Jutta Speidel und Rosenheim-Cop Christian Schaeffer, kommen aber auch wegen des Augustiner-Bieres aus dem Holzfass. Und freilich wegen der Schmankerl: Am Spieß grillen hier auch Saibling, Wolfsbarsch und Lachsforelle. Zudem gibt’s in der Fischer Vroni fleischige Wiesn-Klassiker wie Hendl und Haxn. Da lässt sich der Metzger Johann Stadtmüller nicht lumpen – auch wenn es aufwändig ist, zwei separate Küchen zu führen.

Ob er wehmütig ist, wenn die Wiesn zuende geht? „Nein, wir sind ja das ganze Jahr über im Geschäft. Am letzten Wiesntag denke ich schon wieder an das kommende Oktoberfest. Daran, was wir verbessern oder anders machen können.“

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Bettina Stuhlweißenburg

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