Münchner Mediziner erklären

Leistungssport Oktoberfest - so wird unser Körper auf der Wiesn gefordert

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Hoch die Tassen: Auch auf dem 183. Münchner Oktoberfest tanken die Gäste ordentlich Bier.

München - Auch ein Besuch auf der Wiesn ist mit körperlicher Anstrengung verbunden. Gemeinsam mit Münchner Medizinern erklären wir, was der Körper auf dem Oktoberfest mitmacht.

Der Herzschlag steigt kurzfristig auf bis zu 160 Schläge pro Minute, das Gehirn schießt sein ganzes Hormonregister aus Adrenalin, Kortisol und Endorphinen ab. Die Schweißproduktion steigt von dem normalen halben Liter pro Tag auf mehrere Liter an - das alles passiert im Körper von Leistungssportlern bei einem Wettkampf - oder wenn Sie das Dirndl bzw. die Lederhose aus dem Schrank holen und auf die Wiesn gehen! Die tz hat mithilfe leitender Medizinerinnen und Mediziner der Münchner Helios Kliniken zusammengestellt, wie sich unser Körper anstrengt, wenn wir feiern gehen - zum Staunen und nicht so ganz (bier)ernst gemeint.

Teil 1: Der Kopf

Spezialisierte Nervenzellen im Hippocampus, das im Gehirn unter anderem für die Orientierung im Raum zuständig ist, messen die Geschwindigkeit, mit der ein Mensch unterwegs ist. Diese Speedzellen arbeiten mit dem benachbarten Mandelkern (zuständig u. a. für Angst) und dem Gleichgewichtsorgan im Ohr zusammen. Bei einer Looping-Fahrt kommt es zu Hormonexplosion - es wird das ganze Register gezogen und der Körper mit Adrenalin, Kortisol und Endorphinen geflutet: Man ist gleichzeitig voller Angst und Freude.

Flirten ist harte Arbeit fürs Gehirn! Schon Platon sagte: Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit. Wer dem anderen tief in die Augen schaut, und Gefallen daran findet, bringt sein Belohnungszentrum im Gehirn in Schwung, das massenhaft vom Glückhormon Dopamin ausschüttet. Frisch Verliebte sind wie im Drogenrausch.

Alkohol greift zusätzlich in die Biochemie des Gehirns ein und wirkt dämpfend. Ab 0,3 Promille nimmt die Aufmerksamkeit ab, das Sehfeld wird eingeschränkt, ab 0,8 Promille kommt es zu Gleichgewichtsstörungen, bei einem Promille beginnt das Lallen und bei vielen steigt die Risikobereitschaft. Schwindel und Übelkeit beim Trinken werden übrigens nicht vom Magen verursacht, sondern sind direkte Folgen des Alkohols auf das Kleinhirn.

Bei einem einzigen intensiven Zungenkuss tauschen wir rund 80 Millionen Bakterien aus - in gerade einmal zehn Sekunden. Küssen gilt zwar allgemein als förderlich fürs Immunsystem. Aber die Gefahr einer Ansteckung ist groß. Denn die großen Menschenansammlungen in den Bierzelten sind ein idealer Nährboden für Erkältungsviren. Je länger man sich dort aufhält, desto größer wird das Risiko.

Rechnen Sie damit, am Tag nach der Wiesn heiser zu sein: Unsere Stimme entsteht im Hals, durch einen Luftzug entlang der Stimmlippen, umgangssprachlich Stimmbänder genannt. Einen Abend lautes Reden und mitsingen bei den Wiesn-Hits reicht, damit die Stimmlippen überlastet sind. Einige Tage schonen ist angesagt. Erst bei andauernder Überbeanspruchung entstehen die gefürchteten Knötchen.

Die Wiesn-Kapellen dürfen tagsüber unter der Woche nicht lauter als 85 Dezibel aufdrehen, am Abend und Samstag sind ganztags 90 Dezibel erlaubt. Das ist die Schwelle, wo es langfristig zu Schäden kommen kann. Die empfindlichen Haarzellen im Innenohr können durch den Druck des Schalls abgeknickt werden. Ruhe nach der Party hilft den Hörzellen, sich zu erholen.

Teil 2: Die Arme und Beine

Rauf auf die Bank und abtanzen - nicht immer finden die Gelenke das gut. Einmal aufstehen z. B. belastet das Kniegelenk mit dem 2,45-Fachen Ihres Körpergewichts. Wenn Sie 70 Kilo wiegen, hievt Ihr Gelenk also mal locker 171 Kilo in die Senkrechte.

Müde Füße am Abend? Kein Wunder: Binnen eines Tages tragen die Füße einer 70 Kilogramm schweren Person etwa 2520 Tonnen Gewicht.

Man glaubt es kaum, aber Verstauchungen und Brüche an den Händen kommen häufig auf der Wiesn vor: Gerät beim Tanzen der Nachbar ins Stolpern oder tritt man selbst daneben, kommt es zum freien Sturz auf die Hand, die mit ihren fünf Fingern, 27 Knochen, 36 Gelenken und 39 Muskeln recht empfindlich ist.

Teil 3: Der Körper

Schon das Gedränge und Geschubse in der U-Bahn ist für den menschlichen Körper purer Stress. Im Bierzelt kommen Lärm und Wärme dazu, das Herz pumpt schneller, der Körper kommt ins Schwitzen. Eine Fahrt mit der Achterbahn lässt das Herz unkontrolliert rasen - bis zu 160 Schläge pro Minute wurden gemessen und auch zehn Minuten nach der Fahrt klopfte es noch aufgeregt weiter. Die Beschleunigung beim Looping drückt das Blut in die Füße. Um es wieder ins Gehirn zu befördern, muss der Körper Schwerstarbeit leisten. Ist er dazu nicht fähig, kann er ohnmächtig werden.

Ohne körperliche Anstrengung benötigen wir pro Stunde etwa 12 bis 15 Liter Luft, das entspricht etwa 21 Gramm Sauerstoff. Bei Anstrengung erhöht sich der Sauerstoffbedarf drastisch. Mit bis zu 40 bis 60 Atemzügen pro Minute saugen wir dann bis zu 100 Liter Luft in die Lunge!

Damit unser Köper nicht überhitzt, verlieren wir täglich einen halben Liter Schweiß, auch wenn wir uns nicht bewegen. Im überhitzten Wiesn-Zelt läuft unsere körpereigene Klimaanlage im Vollbetrieb. Sechs Liter Schweiß können so zusammenkommen!

Übrigens: Lebensmittel werden in der gleichen Reihenfolge verdaut, wie sie gegessen werden. Kohlehydrate wie in einer Breze bleiben etwa zwei bis drei Stunden im Magen liegen, ein Wiesn-Hendl wird dort für vier Stunden bearbeitet und die Kruste vom Schweinsbraten sogar für sechs bis sieben Stunden. Eine Mass Bier schlägt mit 470 kcal zu Buche. Dafür verbraucht tanzen jedoch ordentlich Energie - in einer Stunde etwa 300 kcal.

Reichlich fettes, saures und scharfes Essen sowie Alkohol und Rauchen regen die Säureproduktion an und können sich sprichwörtlich direkt auf den Magen schlagen und Gastritis oder Sodbrennen hervorrufen.

Der Körper baut Alkohol mit gleichbleibender Geschwindigkeit ab, weder Kaffee, Wassertrinken noch Sport können das beschleunigen. Zuständig dafür ist die Leber, die größte Drüse des Körpers. Bei Jugendlichen ist sie weniger leistungsfähig, daher dauert es bei jungen Leuten länger, bis sie wieder ganz nüchtern sind. Die Leber wandelt den Alkohol in mehrere Schritten letztlich in Essigsäure um.

Eine volle Blase ist etwa so groß wie ein Softball. Bis zu 1,5 Liter Urin scheiden wir täglich aus, in durchschnittlich sechs bis sieben Klogängen.

Nach einer durchzechten Nacht schlafen wir meist schlecht: Dann fällt der Blutdruck besonders stark ab, was zu Schwindel und Kopfschmerz führen kann.

Susanne Stockmann

Herzlichen Dank für die spannenden Informationen an Dr. Robert Spies, Dr. Christian Lechner, Prof. Brigitte Mayinger, Dr. Gisela Breindl, Elvira Pflügner, Dr. Bernhard Witzenbichler aus den Helios Kliniken München West, München Perlach und dem Helios-Amper-Klinikum Dachau

Susanne Stockmann

Susanne Stockmann

E-Mail:Susanne.Stockmann@tz.de

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