Missverständnis im Internet

"Wiesn meiden": Die Wahrheit hinter dem Satz eines Risikoforschers

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Soll ich's wirklich machen, oder lass ich's lieber sein? Manche Oktoberfest-Stammgäste hadern mit der Entscheidung, ob sie 2016 auf die Wiesn gehen sollen. 

München - Es gibt einen Aufsehen erregenden Satz des renommierten Risikoforschers Klaus Heilmann. Er würde die Wiesn aus Sicherheitsgründen meiden. Doch bitte nicht falsch verstehen.

Der Wirt des Hofbräuzelts, Günter Steinberg, hat 26 Video-Kameras im Zelt und draußen installieren lassen. Gegen das "mulmige Gefühl", sagt er. Und mit diesem schwer greifbaren Gefühl ist er nicht allein. Es gibt Oktoberfest-Stammgäste, die mit sich hadern, ob sie diesmal hingehen oder nicht. Die Nachrichten und verstärkten Sicherheitsregeln haben sie verunsichert. Manche Trachtenvereine haben sich gegen ihren Besuch entschieden, Traditionsveranstaltungen wie Regine Sixts Damen-Wiesn fallen aus. Leser von tz.de und Merkur.de gaben in einer Umfrage mehrheitlich an (38 Prozent), dass sie wegen des Gefühls der Unsicherheit diesmal nicht auf die Wiesn gehen werden. 30 Prozent gaben dagegen an, der Wiesn seit Wochen entgegen zu fiebern und natürlich hinzugehen. 17 Prozent waren zum Zeitpunkt der Abstimmung unentschlossen (Stand: 12. September, 13.30 Uhr).

Als der Business Insider online titelte "Terror in Deutschland: Diese Orte und Situationen meidet ein Risikoforscher", fühlten sich die Wiesn-Zweifler vermutlich bestätigt. Dem Bericht zufolge meidet Klaus Heilmann Großveranstaltungen wie das Oktoberfest. Manche Menschen interpretieren, das würde wie eine Aufforderung klingen, daheim zu bleiben. Doch in dem Satz, die Wiesn zu meiden, steckt ein großes Missverständnis. Der renommierte Experte fühlt sich von den Menschen, die ihn auf diesen einen Satz ansprechen, missverstanden.

Gegenüber unserem Nachrichtenportal erklärt Heilmann, dass er den Menschen niemals einen Ratschlag geben würde, ob sie die Wiesn 2016 besuchen sollen oder nicht. "Bei Risiken, die man freiwillig auf sich nimmt, kann man niemandem einen allgemein gültigen Ratschlag geben", sagt er. "Jeder muss seine Entscheidung selbst fällen, sich selbst wie bei jeder Abwägung zwischen Chance und Risiko, Nutzen und Schaden entscheiden, wobei 'Nutzen' im Fall der Wiesn Freude an dem Fest, Karussell fahren und Bier bedeutet." Jeder Einzelne überlege sich daher, ob dieser Nutzen es wert sei, das Risiko einzugehen, dass etwas passieren könnte. Und diese Entscheidung könne einem niemand abnehmen, nicht die Stadt und nicht die Polizei

Wenn Heilmann also damit zitiert wird, er als Risikoexperte würde die Wiesn meiden, ist in Wahrheit nur seine persönliche Entscheidung gemeint - keine Empfehlung an alle Wiesn-Gäste. Er persönlich habe für sich entschieden, Massenveranstaltungen wie Fußballspiele im Stadion, Public Viewing oder eben Volksfeste wie das Oktoberfest zu meiden. "Solche Veranstaltungen geben mir nicht genug, um dafür Risiken einzugehen", sagt er. 

Und mit diesen Risiken meint Heilmann etwa eine Massenpanik. Es reiche ja schon, dass irgendjemand aus Spaß Hilfe ruft oder dass irgendjemand schreit, weil er glaubt, es sei etwas passiert. Es reiche auch schon, dass ein Luftballon mit einem lauten Knall zerplatzt. Und schon würden die Menschen reflexartig in Panik davonlaufen wollen, was in einer Masse schreckliche Folgen haben kann (wie beim Loveparade-Unglück in Duisburg vor sechs Jahren mit 21 Toten und mehr als 600 Verletzten).

Der Risikoforscher kennt Umfragen, die heute eine gesteigerte Angst der Menschen belegen. Gleichzeitig hätten Umfragen aber auch ergeben, dass die Menschen nicht auf ihre persönlichen Freiheiten verzichten wollen. "Dies ist unrealistisch. Will man terroristisches Risiko reduzieren, dann kostet das nicht nur Geld, es geht notgedrungen auch auf Kosten persönlicher Freiheiten." Die Frage könne nicht lauten Wollen wir unsere persönlichen Freiheiten uneingeschränkt erhalten?, denn das wollen wir alle, sondern sie müsse heißen: Wie viel Entzug persönlicher Freiheit ist uns die Reduzierung von Gefahren wert?

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Voting: Gehen Sie 2016 auf die Wiesn - ja, nein, vielleicht?

Diese Karte zeigt den Wiesn-Zaun

Video: Rucksäcke und große Taschen verboten - wohin mit dem Übergepäck auf der Wiesn?

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Miriam Sahli-Fülbeck

Miriam Sahli-Fülbeck

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