Vom Henker zum Einschenker

Schichtl-Scharfrichter schenkt nun im Hippodrom ein

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Bei ­Bestellung: Kopf ab! Henker Ringo köpft seit 32 Jahren auf der Wiesn – jetzt zapft er Bier auf dem Frühlingsfest.

München - Das ist mal ein Jobwechsel. Auf der Wiesn köpft Ringo Praetorius täglich Leute, nun auf dem Frühlingsfest zeigt er ganz neue Qualitäten.

Hinten im Hippodrom, im abgetrennten Schankbereich, verborgen vor den Augen der feinen Gesellschaft, arbeitet einer, der hat gut 15 000 Hinrichtungen auf dem Kerbholz. Ein Mannsbild, groß wie zwei gewaltige Bier-Hirschen, mit einem Mordstrumm von einem Schnurrbart. Ganz ruhig steht er da, eine Hand am Zapfhahn, die weiße Plastikschürze um den Bauch. Ringo Praetorius (72), bekannt und berüchtigt als der „Henker vom Oktoberfest“, als Biedermann. Das Frühlingsfest als Resozialisierungsmaßnahme?

Nachgefragt bei Tina Krätz, Hippodrom-Chefin und Teilzeit-Bewährungshelferin: „Sie wissen, dass Sie einen Henker beschäftigen?“ Krätz: „Selbstverständlich. Der Ringo ist ja schon seit sieben Jahren dabei. Und er macht seine Arbeit tadellos!“ Ein Henker, der seine Arbeit „tadellos“ macht – sollte das den Gästen nicht zu denken geben? „Schmarrn“, sagt Tina Krätz und lacht. „Der Ringo ist ein ganz ein Lieber!“

Ringo ist nun "Herr über 3000 Bierkrüge"

Nachgefragt bei Ringo, der 1,95-Meter-Eiche am Zapfhahn: „Herr Ringo, was machen Sie hier?“ Und Ringo lacht, bis sein Bauch wackelt. „Im Schichtl bin ich Herr über Leben und Tod. Hier bin ich eben Herr über 3000 Bierkrüge!“ Beim legendären Schichtl auf der Wiesn köpft mit Ringo mit seiner Guillotine und seinen Kollegen seit bald 32 Jahren japanische Touristen, Großkopferte, amtierende Bürgermeister und Dirndl-Schönheiten. Richtig gestorben wird beim Schichtl natürlich nicht …

Wie es Ringo ins Hippodrom verschlagen hat? „Die Bezahlung eines Henkers ist nicht so gut“, brummt er. „Da kann ich auch ein paar Glaserl waschen.“ Außerdem sei es hier schön ruhig im Schankbereich, besonders unter der Woche. Viel ruhiger als auf dem Oktoberfest. Ringo, der gelernte Bildhauer, Ex-Türsteher und Henker, ist im Hippodrom „Hanswurscht für alles“, wie er sagt. Was ihn am Schank-Job reizt? „Es gibt hier weniger Verletzte“, brummt Ringo. „Obwohl – auch hier gibt’s genügend Kopflose...“ Ringo lacht, sein weißer Schnurrbart zittert.

Heißt das, der Ringo wird jetzt anständig auf seine alten Tage? Das Fallbeil endgültig an den Nagel gehängt? „Nein, das Beil werd’ ich weiter sausen lassen!“, verspricht er. „Da gibt’s kein Limit – vom Alter her.“ Dann nimmt der Ringo einen Masskrug in die Hand und lässt das schäumende Bier ins Glas sprudeln. „Als Henker nehme ich den Menschen ihr Blut“, sagt Ringo. „Als Schankkellner gebe ich ihnen frisches zurück.“

Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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