Zuflucht in Notloagen

"Sichere Wiesn": Eine Rettungsinsel für Frauen

München - Auf dem Münchner Oktoberfest geht es nicht immer nur friedlich zu. Jedes Jahr kommt es auch zu sexuellen Übergriffen auf Mädchen und Frauen. Die "Sichere Wiesn" gibt weiblichen Festbesuchern in Notlagen Zuflucht. Der Bedarf ist groß.

Brauchtum, Tradition, Genuss - das verbinden viele Besucher und Wirte mit dem Münchner Oktoberfest. Doch die fröhliche Ausgelassenheit kann auch ins Gegenteil umschlagen. Im Gedränge werden junge Frauen begrapscht oder sexuell genötigt. Seit zwölf Jahren gibt es deshalb die Anlaufstelle „Sichere Wiesn“. Übergriffsopfer erhalten dort Beistand.

Das Risiko eines sexuellen Übergriffs steige, wenn Mädchen und Frauen die Fähigkeit zum Selbstschutz verlieren, erklärt die Sozialpädagogin Julia Jäckel: „Etwa, wenn sie den Anschluss an ihre Gruppe von Freunden verlieren und den Weg zum Hotel nicht mehr wissen. Gerade wenn sie ein oder zwei Bier getrunken haben, schlecht Deutsch sprechen und vielleicht der Handy-Akku leer ist, sind die Frauen im ersten Moment hilflos - und werden leichter Opfer sexueller Gewalt.“

Ein Raum im Gebäude des Servicezentrums zu Füßen der Bavariastatue bietet Zuflucht und Hilfe. „Unser Ziel ist, den Klientinnen in ihrer Notlage zu helfen und einen sicheren Nachhauseweg zu ermöglichen“, sagt Kristina Gottlöber, die bei „Sichere Wiesn“ für die Logistik zuständig ist. Im Raum gibt es eine Sitzecke zur Beratung, zwei Telefone und Arbeitstische mit Internetanschluss, außerdem stehen Tee und Kaffee bereit.

Den Klientinnen steht ein mehrsprachiges Team aus fünf Fachfrauen und 45 ehrenamtlichen Helferinnen, meist Studentinnen sozialer oder pädagogischer Fächer, zur Seite. Alle Fachfrauen haben eine Ausbildung für dem Umgang mit psychischen Traumata sowie jahrelange Beratungserfahrung. Die Helferinnen werden von den Organisatoren in einem mehrtägigen Seminar zur Krisenintervention geschult. An jedem Abend sind ab 18.00 Uhr sechs bis acht Helferinnen und eine Fachfrau im Einsatz - oft bis in die frühen Morgenstunden. „Wir haben auch schon bis 10 Uhr morgens eine Klientin in die Klinik begleitet“, sagt Jäckel.

Der Bedarf ist groß: Im Jahr 2013 hat „Sichere Wiesn“ 156 Opfer betreut, darunter zwei Vergewaltigungsopfer. Von Jahr zu Jahr wachse die Zahl der Klientinnen, die Fälle würden auch beratungsintensiver und zeitaufwendiger. „Das liegt wohl nicht daran, dass mehr Taten stattfinden - sondern dass mehr bedrohte Mädchen und Frauen den Weg zu uns finden“, vermutet Gottlöber.

„Uns fällt alles vor die Füße“, sagt sie. Das können auswärtige Touristinnen sein, die den Reisebus nach Hause verpasst haben und eine Nachtunterkunft brauchen. Andere Frauen sind vor einem eskalierenden Ehestreit geflüchtet oder müssen ihr Handy aufladen, um Kontakt zu ihren Freunden aufzunehmen.

90 Prozent der Klientinnen sind unter 30 Jahre alt. Über ein Drittel kam im vergangenen Jahr aus dem Ausland. An den besucherstarken Samstagen öffnet die Hilfsstation schon um 15.00 Uhr, außerdem steht eine zweite Fachfrau bereit.

Gegründet wurde die Anlaufstelle von drei Münchner Organisationen: dem Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch AMYNA, der Initiative für Münchner Mädchen IMMA und dem Frauennotruf München. Hilfe erhält die von der Stadt München getragene Aktion von vielen Seiten. Die Taxizentrale IsarFunk stellt zum Beispiel ein Taxi-Rufgerät und ein Kontingent an Taxigutscheinen zur Verfügung. Die Wiesn-Wirte liefern Geldspenden.

Dabei wurde die Initiative anfangs noch belächelt. „In den ersten Jahren haben wir oft gehört: „Wir haben doch die Polizei!““, berichtet Gottlöber. „Doch die Wiesnwache kann nur Strafanzeigen aufnehmen, aber keine Nachsorge leisten. Auch das Rote Kreuz hat nicht genug Kapazität, um die Opfer länger psychologisch zu betreuen.“ Deshalb arbeiteten die Helfer auf der Wiesn eng zusammen: Viele Klientinnen werden von Polizisten oder Sanitätern zum Stützpunkt im Servicezentrum gebracht.

„Eine unschätzbare Hilfe sind für uns auch die Festzelt-Bedienungen“, betont Gottlöber. „Die kriegen Übergriffe unmittelbar mit und schreiten ein.“ Genauso wichtig sei die Hilfe aufmerksamer Wiesn-Besucher. Viele sexuelle Übergriffe könnten verhindert werden, wenn orientierungslose oder in Tränen aufgelöste Mädchen und Frauen rechtzeitig zur Station gebracht werden.

Update: So kommen Sie sicher zur Wiesn

Ob MVV, MVG, Radl oder Taxi: Damit auch bei der An- und Abreise alles gut geht, haben wir für Sie eine Übersicht zu allen wichtigen Verkehrswegen zum Oktoberfest erstellt. Wer lieber selbst mit dem Auto anreist, sollte ganz genau wissen, wo die besten Parkplätze zu finden sind. Die Übersicht zu allen umliegenden Park-and-Ride-Anlagen gibt es bei uns.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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