Wirte in Bedrängnis

Mindestlohn: Schießen die Wiesn-Preise in die Höhe?

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Welche Auswirkungen hat das neue Mindestlohngesetzt auf die Wien-Preise?

München - Die Wiesn-Wirte sind in Aufruhr, die Krisengespräche laufen bereits: Die Auswirkungen des neuen Mindestlohngesetzes könnten die Gäste schon beim nächsten Oktoberfest deutlich zu spüren bekommen.

Mehr Lohn für harte Arbeit – das ist die gute Seite für Angestellte. Der neue Mindestlohn hat aber auch eine Kehrseite: Die Arbeitgeber beklagen die Bürokratie. Sogar auf der Wiesn: Müssen bald alle für Oktoberfest-Mass und Hendl tiefer in die Tasche greifen?

Die Schausteller hatten schon vergangenes Jahr Alarm geschlagen. Der Deutsche Schaustellerbund rechnet wegen des Mindestlohns mit steigenden Preisen für die Fahrgeschäfte. Der Lohn von mindestens 8,50 Euro die Stunde bereitet den Wirten kein Magengrummeln, denn Wiesn-Angestellte verdienen nach deren Aussage ohnehin schon lange mehr. Das Problem sind vielmehr die Arbeitszeiten der Bedienungen, Spüler und Köche. Die tägliche höchstzulässige Zeit auf Volksfesten beträgt laut Bundesarbeitszeitgesetz zehn Stunden. Und für Sonn- und Feiertagsarbeit müssen Angestellte Ersatzruhetage innerhalb von zwei Wochen gewährt bekommen. Hier gab es durch das Mindestlohngesetz keine Veränderungen. Allerdings: Bei den Pflichten für die Dokumentation gibt es Neuerungen. Generell muss nun die Arbeitszeit inklusive Pausen ganz genau protokolliert werden.

"Der Aufwand für die Verwaltung ist viel höher", sagt Wirt Christian Schottenhamel.

„Der Verwaltungsaufwand ist dadurch um ein Vielfaches höher“, sagt Christian Schottenhamel, Wirt vom gleichnamigen Zelt. In seinem Löwenbräukeller hat er bereits eine zusätzliche Kraft für die Dokumentationspflicht eingestellt, auf der Wiesn wäre der Aufwand noch größer. Die Zelte haben oft ein paar hundert Angestellte – ein Wirt rechnet vor, dass er mit dem neuen Gesetz bis zu einem Fünftel mehr Leute braucht! Mehr Personal bedeutet mehr Kosten. Und die werden für gewöhnlich auf den Wiesn-Gast umgelegt. Schottenhamel schließt das nicht aus: „Das kann schon kommen …“ Löwenbräuzelt-Wirt Wiggerl Hagn sieht die Sache sogar „mehr als dramatisch“. Im Zeltbetrieb mit 400 Mitarbeitern bräuchte er ein Extra-Büro mit mehreren Mitarbeitern für die Dokumentationspflicht. „Soll ich dafür etwa 50 Sitzplätze opfern?“ Die Wirte haben nach tz-Informationen schon im Arbeitsministerium angeklopft.

"Das hätte Auswirkungen auf die Verkaufspreise", sagt Hofbräuzelt-Wirt Günter Steinberg.

Eine Extrawurst für die Wiesn? Das wünschen sich auch die Bedienungen, die – und das ist kein Geheimnis – gerne freiwillig mehr als die erlaubten zehn Stunden pro Tag und sechs Tage hintereinander arbeiten (siehe unten), um in kurzer Zeit viel Geld zu machen. Das Problem: Dann könnte ihnen der Zoll aufs Dach steigen, der heuer erstmals auch die Arbeitszeit kontrolliert. „Wenn das wirklich so bleibt, müssten wir mehr Leute einstellen“, sagt Günter Steinberg vom Hofbräuzelt. „Und das könnte sich auch auf die Preise auswirken. Wir brauchen eine politische Lösung, eine Sonderregelung für die Wiesn.“ Wirte-Sprecher Toni Roiderer (Hackerzelt) sagt: „Ich kann derzeit nichts sagen, die Gespräche laufen. Es geht darum, nicht die Struktur unseres gut funktionierenden Oktoberfests kaputt zu machen.“

"Es geht um die Struktur des Festes", sagt Wirtssprecher Toni Roiderer.

Was sagt Bayerns Arbeitsministerin Emilia Müller (CSU)? Sie erklärt der tz: „Die Klagen der Wiesnwirte bestätigen mich darin, dass die Dokumentationspflichten abgeschafft werden. Wir brauchen ein Gesamtkonzept zur Entbürokratisierung des Mindestlohns.“

Wiesn-Bedienung: „Wir wollen viel arbeiten“

Wiesn-Bedienung Silvia Gruber (53).

Seit 15 Jahren läuft sich Silvia Gruber (53) jedes Jahr 16 Tage als Wiesn-Bedienung die Hacken wund. „Am Wochenende kann es passieren, dass ich um 8 Uhr starte – und um 22.30 Uhr fertig bin. Aber das tue ich freiwillig. Denn ich weiß wofür: Wie alle Bedienungen will ich in kurzer Zeit viel Geld verdienen.“ Deshalb ist eine strenge Arbeitszeit-Einhaltung während des Oktoberfestes für sie ein Horrorszenario. „Wenn deshalb mehr Leute eingesetzt würden und sich dadurch unser Umsatz verringern würde, dann würde sich der Job für mich gar nicht mehr lohnen.“ Die zweifache Mutter, die hauptberuflich im Büro einer Zimmerei arbeitet und sich fürs Oktoberfest frei nimmt, will das nicht auf sich sitzen lassen. „Notfalls protestieren wir gemeinsam dagegen.“

-Stichwort: Mindestlohn

Seit 1. Januar gilt in Deutschland ein allgemeiner, flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Bislang müssen laut Bundesgesetz die Unternehmen auch die Arbeitszeiten von allen Beschäftigten mit Monatseinkommen bis zu 2958 Euro dokumentieren. Darunter fällt die Einhaltung von Höchstarbeitszeiten, Pausen und Ruhezeiten. Arbeitgeber kritisieren den zusätzlichen Bürokratieaufwand, über eine Korrektur wird heiß diskutiert.

D. Costanzo, N. Bautz

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