Neue Reifengrössen

Mountainbike: Was kann das neue Mittelmaß 650B?

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Auch klein gewachsene Biker haben mit den Riesenrädern Spaß. Bietet das neue 650B-Mittelmaß etwa die optimale Lösung?

Mountainbikefahrer haben in dieser Saison die Auswahl: Neben den gängigen 26-Zoll-Reifen, gibt's schon die 29-Zoll-Riesenräder. Und heuer kommt noch eine dritte Laufradgröße auf den Markt: 27,5 Zoll.

Die Mountainbikefahrer haben also noch mehr Auswahl. Aber die Größenvielfalt sorgt bei vielen für Verunsicherung. Welche Größe soll’s denn nun sein?

Das Rad kann man nicht neu erfinden, aber an seiner Größe tüfteln, das kann und macht die Fahrradindustrie seit einigen Jahren eifrig. Neben den traditionellen 26-Zoll-Reifen, auf denen (noch) die meisten Mountainbikes fahren, findet man immer häufiger die großen 29-Zöller (genannt Twentyniner). Sie haben die Kleinen zwar noch nicht überrollt, aber angegriffen darf sich der Standard schon fühlen. In der neuen Saison hält nun eine weitere Dimension Einzug: das Mittelmaß. Die dritte Laufradgröße mit 27,5 Zoll (oft nach dem französischen Maßsystem als 650B bezeichnet) soll den optimalen Kompromiss bieten, sorgt aber zunächst bei der Industrie für viel Diskussionsstoff und bei den Bikern für noch mehr Qual der Wahl.

Auf 26-Zoll-Reifen rollt aktuell noch fast jedes Mountainbike. Als vor einigen Jahren die Twentyniner aus Nordamerika nach Europa schwappten, waren die Zweifel groß. Der Mountainbiker witterte Geschäftemacherei und Marketing-Hype. Die Industrie fürchtete sich vor der großen, aufwendigen Entwicklungsarbeit, die dann beim Kunden womöglich auf Ablehnung stößt. Doch heute sind zumindest die größten Bedenken ausgeräumt. In den USA haben sich die 29er bereits fix etabliert – Zahlen besagen, dass hier inzwischen die Hälfte der Biker auf großen Rädern unterwegs ist. Vielleicht auch, weil die Trails dort zumeist weniger zackig und anspruchsvoll sind als im Alpenraum und das Flow-Gefühl im Fokus steht. Aber auch in Europa waren die Verkaufszahlen im vergangenen Jahr sehr stark. Alle renommierten Bike-Marken führen Twentyniner im Programm, und es gibt sogar Segmente, wo sie „die Kleinen“ schon verdrängt haben. Die US-Marke Specialized präsentiert beispielsweise inzwischen alle Hardtails sowie das Renn-Fully Epic ausschließlich mit 29-Zoll-Reifen. Die Entscheidung, erklärt Marketing-Manager Sebastian Maag, habe der Endverbraucher selbst getroffen: „Wir hatten vergangenes Jahr diese Bikes in beiden Größen im Laden. Es war tatsächlich so, dass der Kunde sich in diesem sehr sportlichen Segment kaum noch für 26 Zoll entschieden hat. Da war für uns klar, dass wir diesen Schritt gehen können. Schließlich glauben auch wir absolut an die Zukunft der Großen.“

Größere Räder bieten einige Vorteile

Hat man sie erst einmal beschleunigt, rollen sie besser dahin bzw. bergauf. Generell liegt die Stärke der Großen im Überrollen. Man prallt nicht so sehr gegen die Hindernisse, sondern schluckt sie regelrecht, und in Löcher taucht das große Rad natürlich entsprechend weniger tief ein. Dank der größeren Auflagefläche greifen zudem mehr Stollen und die Traktion, der Reifengrip, verbessert sich. Für ein ruhiges, stabiles Fahrempfinden sorgt zudem die tiefere Position zwischen den Radachsen. All das verleiht dem 29er-Fahrer mehr Sicherheitsgefühl und die erhöhte Laufruhe und der Komfort sind spürbar.

Aber warum kommen dann nicht gleich alle auf großen Rädern dahergerollt? Die Kehrseite der Twentyniner: Sie bedeuten mehr Gewicht (ca. ein Kilogramm extra), und man muss vor allem in Sachen Wendigkeit und Agilität Abstriche machen. Außerdem: Ein großer Reifen benötigt natürlich mehr Platz, und so wird an Federweg gespart. Zwar schluckt das angenehme Überrollverhalten viele Unebenheiten, aber die Federung des Bikes ersetzen kann es nicht. Je nach Größe des Radrahmens muss bei 29ern der Federwegsriegel vorgeschoben werden. Bei den kleinen Damenrahmen ist das oft schon bei 80 bis 90 Millimetern der Fall, bei Standard-Fullys pendelt sich der maximale Federweg derzeit bei 130 Millimetern ein.

Die Mountainbikes mit der Zwischengröße 650B sollen nun die (Markt-)Lücke schließen. Griffiger und besser rollend als der kleine 26- Zoll-Standard. Gleichzeitig leichter und weniger träge als die Großen. Außerdem bietet das Mittelmaß natürlich mehr Raum für den Federweg. Vereint es also tatsächlich das Beste aus zwei Welten? Ist es gerade für kleinere Fahrer der optimale Kompromiss?

Dirk Janz von der kanadischen Bike-Schmiede Rocky Mountain ist überzeugt von dem Mittelweg, „weil wir glauben, dass es das beste Konzept für ein All-Mountain-Bike ist, das eben alles können soll“. Bei den Profis wurden die 650B-Modelle bereits im Renngeschehen eingesetzt, unter anderem bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Sabine Spitz gewann mit dem Mittelmaß Silber, und auch bei den Herren fuhr der Schweizer Nino Schurter auf 27,5-Zoll auf den zweiten Platz.

Bedeutet das etwa, dass der Mountainbiker sich von dem gewohnten 26-Zoll-Bike verabschieden muss? Bei der Marke Scott haben die Großen tatsächlich bereits ein Kleines verdrängt: Das Modell Genius, eines der beliebtesten All-Mountain-Bikes der Firma, gibt es ab diesem Jahr nur noch als 650B- oder 29er-Modell.

Die aktuellen Entwicklungen sind spannend, da sind sich alle einig, und viele ziehen den Vergleich zur Entwicklung der vergangenen Jahre im Bereich der Skitechnologie. Entsprechend liefern die Reifenhersteller passendes Material und die Federgabel-Spezialisten tüfteln an der optimalen Lösung für die neuen Konstruktionen. Doch gegenüber den 650B-Modellen hegen auch innerhalb der Industrie noch viele Zweifel. Ist der Unterschied zu den kleiner Bereiften tatsächlich prägnant? So sind auch die Experten vorsichtig, wenn es um eine 650B-Zukunftsprognose geht. Ob sich das neue Mittelmaß durchsetzen kann, wird sich erst zeigen. Käufer sollten bei der Entscheidungsfindung vor allem auf eines vertrauen: aufs Fahrgefühl. Also: testen, testen, testen!

Von Sissi Pärsch

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