Liege-Fahrräder: Weniger strampeln, mehr rollen

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Schnell, bequem und gewöhnungsbedürftig sind Liegefahrräder, die es mit zwei und drei Rädern gibt.

Wir haben die Bilder von der Tour de France vor Augen. Männer, die sich mit heraushängender Zunge im Wiegetritt die Serpentinen von Alpe d’Huez hinaufquälen. Für Laien kaum vorstellbar ist, dass diese Strecke sich auch mit einem Liegerad fahren lässt.

Doch es geht – und sogar außerordentlich gut.

Einfach draufsetzen? Ganz so einfach ist das nicht. Stellen Sie sich vor, Sie wollen auf einem kniehohen Hocker ohne Lehne Platz nehmen. Also: die Beine davor positionieren, vorsichtig das Gesäß absenken, sich sanft aus der Kniebeugestellung fallen lassen. Ist man im Liegerad angekommen, verschwindet rasch der Irrglaube, der für Normal- Radfahrer ungewohnte Sitz mit Rückenlehne und hochgelegten Beinen habe etwas mit Gemütlichkeit zu tun. Nein, so ein Liegerad ist verdammt schnell. So schnell, dass der Radsport-Weltverband diese Konstruktion schon vor 80 Jahren von Wettbewerben ausgeschlossen hat. „Aber natürlich sind alle Routen der Tour de France schon mit Liegerädern gefahren worden – nicht langsamer als mit einem Rennrad“, berichtet Josef Reinholz (55), der in München das Fachgeschäft „Parzival“ betreibt.

Der „Trick“ liegt im geringeren Luftwiderstand, der Liegerädern ein durchschnittliches Plus von fünf km/h beschert. „Ab Tempo 25 wirkt die Aerodynamik“, erläutert Reinholz. Bei der Bauart gibt es Unterschiede: „Je höher das Tretlager gegenüber der Sitzposition liegt, desto schneller fährt ein Liegerad.“

Schneller als ein Rennradfahrer im Windschatten

Die anfänglichen Tücken stecken im Detail. Das fängt schon mit der Beinmuskulatur an, die sich an die ungewohnte Belastung gewöhnen muss. Auch das Lenken fühlt sich anders an als bei einem gewöhnlichen Fahrrad. „Viele machen am Anfang den Fehler, dass sie zu viel am Lenker ziehen – immer ruhig bleiben“, rät Reinholz. Gegen die eingeschränkte Sicht nach hinten – ein Schulterblick gestaltet sich schwierig – helfen im Straßenverkehr Rückspiegel. Und beim Anfahren gilt es, ein Pedal in Zwei-Uhr-Position zu bringen und beherzt loszufahren. Beim Rollen oder bergab haben sich Klickpedale als zweckmäßig erwiesen, um mit den Füßen nicht abzurutschen. „1500 bis 3000 Kilometer dauert es, bis man beim Handling absolute Routine drinhat“, schätzt Reinholz.

Warum also liegend radeln, wenn es doch sitzend auf Anhieb geht? In München tauschen die Liegeradler einmal pro Monat (am zweiten Mittwoch ab 19 Uhr im „Hacker- Pschorr-Bräuhaus“, Theresienhöhe 7) ihre Erfahrungen aus. Christoph Moder (33), der die Internetseite vom Münchner Liegerad-Stammtisch verantwortet, beschreibt den Reiz des etwas anderen Radfahrens so: „Ich kann lange Strecken schnell, bequem und mit Gepäck fahren. Auf dem Liegerad bin ich allein genauso schnell wie ein Rennradler im Windschatten.“

Der Rausch der Geschwindigkeit, dieses andere, durch die Tiefliegergeometrie bedingte Dahingleiten: Das zieht eine verhältnismäßig kleine, aber stetig wachsende Gruppe von Radsportlern in ihren Bann. „Weniger strampeln, mehr rollen. Weniger lenken, mehr in die Kurve kippen“, sagt Moder über das einzigartige Fahrgefühl. Jochen Pietscher, einer der Stammgäste beim Liegeradstammtisch, ergänzt: „Der hohe Fahrspaß rührt vor allem vom enormen Geschwindigkeitspotenzial her. Hinzu kommt die bequeme und gleichzeitig aerodynamische Sitzposition – daher sind lange und weite Tagesetappen schmerzfrei möglich.“

Genau aus diesem Grund erfreuen sich Liegeräder bei Weltreisenden großer Beliebtheit. Kein wund gescheuerter Po, kein Drücken zwischen den Beinen – das Radeln wie im Fernsehsessel macht auch lange Strecken zum Genuss. Vorausgesetzt, das Liegerad ist gut gefedert (eigentlich ein Muss), denn das körpereigene Abfedern mit den Knien, wie beim Aufrechtradeln, entfällt. Auch bei speziellen Erkrankungen kann das Liegerad eine Alternative sein, weiß Reinholz: „Unter den Umsteigern befinden sich beispielsweise auch ältere Männer mit Prostata- Problemen.“

Und wo liegen – bei allen Annehmlichkeiten – die Nachteile? „Man kann keinen Rucksack tragen“, fällt Christoph Moder spontan ein. Außerdem, nicht ganz unwichtig: Liegeräder sind generell teurer (ab 1900 Euro), vor allem Spezialteile kosten einiges. Nuancen wie ein drahtloser Tacho zum Beispiel, der ganz anders seine Funkwellen ausstrahlen muss. Oder ein am Rahmen arretiertes Schnellschloss fürs Kurzzeit-Abstellen – herkömmliche Schlösser, wie bei Hollandrädern, passen nicht zu den Liegeradschwingen. Wobei, gestohlen werden die Tieflieger so schnell nicht, denn sie sind viel zu auffällig, und auch die anders angebrachte Technik (Bremshebel, Schaltung) schreckt Radldiebe eher ab.

Ein gängiges Vorurteil indes lautet, Liegeräder böten weniger Sicherheit als normale Fahrräder. Das mögen die Nutzer aus der Praxis heraus nicht bestätigen. Zwar ist das Sichtfeld ein anderes (man kann nicht nach vorn um die Ecke lugen oder über die Schulter nach hinten blicken), doch bei Sitzhöhen von 50 bis 60 Zentimetern befinden sich Liegeradler in der Regel auf Augenhöhe mit Autofahrern. Das Bremsen klappt sogar besser, weil man selbst bei einer Vollbremsung nicht über den Lenker fliegen kann. Und falls doch mal jemand stürzt (oder bei zu langsamer Fahrt bzw. beim Anfahren umkippt): Die Fallhöhe ist vergleichsweise gering.

Von Velomobil bis Tandem: Vielfalt an flotten Flitzern

Weitere Informationen:

www.parzival-gmbh.de

www.pedalium.de

www.traumvelo.de

www.flux-fahrraeder.de

www.hasebikes.com

www.hpvelotechnik.com

www.icletta.com

www.liegeradmagazin.de

www.spezialradmesse.de

www.liegeradstammtisch.falt-freunde.de

In puncto Konstruktion weisen Liegeräder ein breites Spektrum an Varianten auf. Es gibt Modelle mit zwei Rädern und mit drei. Bei Dreirädern wiederum ist zu differenzieren zwischen Modellen mit zwei Vorderrädern, den „Tadpoles“, die eine Kurvenführung wie auf Schienen ermöglichen, und den quirligen „Delta-Trikes“ mit zwei Hinterrädern. Für spezielle Schlechtwetter-Bikes lässt sich im Handumdrehen ein faltbarer Aufsatz aufbringen, der für Rennauto-Optik sorgt und nochmals die Aerodynamik verändert – die Experten sprechen dann von „Velomobilen“.
Lenker oben oder unten, Geometrie und Position des Tretlagers, Klapp-Modelle und welche mit E-Bike-Zusatzantrieb, unterschiedliche Tandemlösungen – die Vielfalt an flotten Flitzern ist groß. An ihre Grenzen stoßen sie, wenn absolute Wendigkeit gefragt ist oder bergab tiefer Schotter nicht zum hohen Tempo passt. Ein Liegerad ist halt kein Mountainbike, aber „bei diesem faszinierenden Fahrgefühl geht es ja auch nicht um einen Ersatz, sondern um die Erweiterung der Möglichkeiten“, findet Reinholz.

MARTIN BECKER

Tipps für Einsteiger

Moderne Liegeräder sind so ausgereift, dass auch Einsteiger relativ problemlos damit losfahren können. Der Fahrrad-Experte, Fachjournalist und Buchautor Peter Barzel aus Düsseldorf gibt Tipps:

  • Zur ersten Probefahrt empfiehlt sich eine freie, verkehrsarme Fläche, beispielsweise ein leerer Parkplatz.
  • Liegerad-Neulinge sollten zunächst ein Modell wählen, bei dem die Füße niedriger positioniert sind.
  • Unbedingt das Liegerad auf die Körpergröße einstellen (Sitz oder Ausleger entsprechend verstellen).
  • Sitzlehne am Anfang möglichst steil stellen. - Zum Anfahren und für die ersten Meter einen kleinen Gang wählen, bei dem man mit höherer Frequenz treten muss.
  • Höheres Tempo und/oder Trittfrequenz wirken stabilisierend.
  • Nicht über Schwächegefühle oder Muskelkater wundern – es werden andere Muskeln belastet, die erst trainiert sein wollen. 
  • Gelassen bleiben, wenn man angestarrt oder angesprochen wird – Liegerad-Einsteiger waren zuvor ja auch noch in der Rolle des staunenden Passanten.

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