Psychologe und Therapeut

„Ängstliche Menschen schotten sich immer ab“

Stephan Lermer (67), Psychologe und Therapeut.

München - „Die sind doch irre!“ Nicht selten ist dieser Satz in letzter Zeit im Zusammenhang mit AfD-Anhängern, Trump-Wählern oder Brexit-Befürwortern gefallen. Aber ist das so? Sind die alle verrückt? „Nein“, sagt der Münchner Psychotherapeut und Coach Stephan Lermer.

Psychologisch gesehen seien solche Reaktionen durchaus erklärbar.

Die menschliche Natur: Lermer führt eine Studie in Kindergärten an. „Da klingelte es an der Tür. Der eine Teil der Kinder bekam Angst, der andere Teil freute sich. Es gibt zwei Arten von Menschen.“

Die Angst vor dem Neuen: Der Mensch versucht von Natur aus, Strukturen zu schaffen, die ihm Halt, Konstanz, Sicherheit und Ordnung bringen. „Das können Freundschaften, Gesetze oder auch der Glaube sein“, sagt der Psychologe. „Wir wohnen in Gewohnheiten. Denn bei Gewohnheiten müssen wir nichts neu hinterfragen oder neu entscheiden. Das macht Angst.“

Die generelle Unsicherheit: Vor 100 Jahren waren 75 Prozent der Menschen selbstständig. Sie waren Bäcker, Tischler, Schneider und konnten tagtäglich sehen, wie sie gebraucht werden. „Heute sind 9 Prozent der Menschen selbstständig tätig. Sie sind angestellte Werbetexter oder Webdesigner“, erklärt Lermer. „Der moderne Mensch kann aber nicht sicher sein, wieviel seine kreative Leistung wert ist. Er kann nicht wissen, ob er morgen noch gebraucht wird oder durch einen Roboter ersetzt wird. Auch das macht Angst.“

Die große, abstrakte Bedrohung: Terror, Flüchtlingsströme, Kriege, Globalisierung: Die Bedrohungen von heute sind global und schwer fassbar. Lermer: „Früher beim Bauernaufstand ist der Bauer einfach mit dem Traktor losgefahren und hat sich selbst geholfen. Heute könnte überall ein Terrorist lauern. Der einzelne Bürger ist machtlos und lebt in einer ständigen Verunsicherung.“ Zudem erfährt er natürlich heutzutage von jeder Gefahr in der Welt.

Die Reaktion: Stabile Menschen reagieren auf Zukunftsangst und Verunsicherung mit Vernunft. „Sie beruhigen sich im Gespräch mit Freunden oder denken daran, dass sie mit Panik wieder andere verunsichern“, sagt Stephan Lermer. „Labile Menschen aber können die Angst nicht regulieren, sie nehmen die Bedrohung persönlich. Für sie ist der Rückzug ins Private oder ins Nationale, die Abschottung vor allem Unbekannten eine vermeintliche Rettung, durch die sie scheinbar wieder Sicherheit zurück erlangen.“

Vielfältige Bedrohung führt zu Ängsten

Von Charlotte Knobloch.

„Ursächlich für die Zunahme von Ängsten ist einerseits die Bedrohung durch den international agierenden islamistischen Terrorismus. Zum anderen haben wir es mit einem erstarkenden Rechtsextremismus zu tun. Nationalistische, völkisch rassistische und antisemitische Thesen und Tiraden werden wieder massentauglich, halten Einzug in die politische und gesellschaftliche Debatte und in immer mehr Parlamente. Der Antisemitismus wird seit Jahren immer öfter und offener ungeniert geäußert. Nicht nur am rechten Rand, sondern auch im linken Spektrum, seitens der hier lebenden Muslime und auch in der Mitte der Gesellschaft. Die Flüchtlingssituation lässt darüber hinaus befürchten, dass noch mehr Judenhass importiert wird, wenn dies bei der Integration in unsere Werte nicht mit Nachdruck verhindert wird.“

tz

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