In Umfragen liegt der parteilose Kandidat hinter Hofer

Gewinnt Alexander Van der Bellen noch einmal die Wahl in Österreich?

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Der frühere Grünen-Politiker Alexander Van der Bellen geht bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich als unabhängiger Kandidat ins Rennen.

München - Alexander Van der Bellen kandidiert bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich als unabhängiger Bewerber. Kann der frühere Grünen-Politiker wieder gewinnen?

Update vom 4. Dezember 2016: Van der Bellen oder Hofer? Wir berichten im Live-Ticker von der Bundespräsidentenwahl in Österreich. Außerdem erklären wir, wann es die ersten Ergebnisse gibt. Und: Wir haben zusammengefasst, wie Sie die Berichte zur Österreich-Wahl heute live im TV und im Live-Stream sehen können.

An diesem Sonntag, 4. Dezember müssen die Österreicher wieder an die Wahlurne. Sie müssen sich entscheiden zwischen dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer und dem Ex-Grünen Alexander Van der Bellen.

Die Österreicher hatten bereits im April entschieden und stimmten mit

  • jeweils 11,2 Prozent für die Kandidaten der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP
  • 36,4 Prozent für FPÖ-Kandidat Norbert Hofer
  • 20,4 Prozent für van der Bellen
  • 18,5 Prozent für die unabhängige Ex-Richterin Irmgard Griss
  • 2,4 Prozent für den Baulöwen Richard Lugner

Danach folgte die Stichwahl zwischen Van der Bellen und Hofer. 50,3 Prozent der Österreicher stimmten für den parteilosen und Ex-Grünen Alexander Van der Bellen, 49,7 Prozent für Norbert Hofer. 

Dann focht die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) die Wahl wegen fehlerhafter Briefumschläge an - und bekam vor der Obersten Gerichtshof recht. Seit Juli 2016 hat Österreich deshalb keinen offiziellen Bundespräsidenten mehr.

Die Wahl wurde zunächst auf 2. Oktober verschoben, aber wieder abgeblasen. Der Grund dafür: defekte Wahlkarten. Die Folge aus der Mega-Panne: Österreich verschob die Präsidentenwahl noch einmal.

Wird die österreichische Bundespräsidentschaftswahl nun auch ein Kopf-an-Kopf-Rennen wie die US-Wahl 2016? Es sieht danach aus: In aktuellen Umfragen zur Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich liegt zeitweise der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer knapp vorne - und dann wieder Alexander Van der Bellen.

Alexander Van der Bellen: Der Parteilose und Ex-Kandidat der Grünen

Die Wahl am 4. Dezember sei „die wichtigste Bundespräsidentenwahl der Zweiten Republik“, so Alexander Van der Bellen. Er richtete einen flehenden Appell an die Menschen, die beim ersten Durchgang noch nicht auf seiner Seite waren: Wenn Hofer das Amt bekomme, würde das eine Staatskrise auslösen, vor allem wegen der Europa-Feindlichkeit der FPÖ. „Wir haben verdammt noch mal die Pflicht, uns zu überlegen, wie Österreichs Rolle in Europa aussieht.“ Van der Bellen stehe „für Europa“.

Van der Bellen ist glühender Anhänger eines multikulturellen, toleranten Europas. Seine Botschaft kommt vor allem in den großen Städten an, auf dem Land ist er eher unbeliebt. Daher versuchte er zuletzt, volkstümlicher zu erscheinen und hat sich ein neues Trachten-Sakko gekauft.

Alexander Van der Bellen: Sein Lebenslauf

Als Sohn einer Familie mit estnischen und russischen Wurzeln, die im Zweiten Weltkrieg vor den Russen ins Deutsche Reich flüchtete, wuchs Alexander Van der Bellen in Wien und Tirol auf. Seine Mutter ist gebürtige Estin, der Vater gebürtiger Russe mit niederländischen Vorfahren, daher auch sein Nachname Van der Bellen. Am liebsten liest er nach eigenem Bekunden „die großen Russen Gogol, Tschechow und Dostojewski. Die interessieren mich allein schon wegen der Herkunft meiner Eltern“.

In Österreich machte der Mann, der sehr bedächtig spricht und sehr besonnen wirkt, Karriere als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Innsbruck.

Der zweifache Vater entschied sich erst spät für eine Laufbahn in der Politik. Die Besetzung der Hainburger Au von linken Aktivisten, die ein Wasserkraftwerk an der Donau verhindern wollten, wurde 1984 zum politischen Wendepunkt für Van der Bellen. Zu dem Zeitpunkt noch Mitglied der Sozialdemokraten, entschied er sich, zu den Grünen zu wechseln. 1994 zog er schließlich ins Parlament ein und wurde bald danach für elf Jahre Parteichef. Er schaffte es, die zerrissenen Grünen zu einen und zu ersten Erfolgen zu führen.

Von 1997 bis 2008 war er Bundessprecher der Grünen und von 1999 bis 2008 Klubobmann des Grünen Klubs im österreichischen Nationalrat, dem er seit 1994 angehörte. Von 2012 bis 2015 war er Mitglied des Wiener Gemeinderats und Landtags. Seit dem 23. Mai (also am Tag nach der Stichwahl, die er zunächst gewann) ruht seine Parteimitgliedschaft bei den Grünen.

Alexander van der Bellen: Sein Privatleben

Mit seiner Frau Doris Schmidauer gab Alexander Van der Bellen seine Stimme ab.

Van der Bellen ist seit Dezember 2015 bereits zum zweiten Mal verheiratet: Seine jetzige Ehefrau und langjährige Freundin heißt Doris Schmidauer und ist Geschäftsführerin im grünen Parlamentsklub. Zuvor war er rund fünf Jahrzehnte mit Brigitte Van der Bellen verheiratet.

Eine Rolle als First Lady will seine aktuelle Frau nicht übernehmen, kündigte Van der Bellen an: „Meine Frau ist berufstätig und will das auch weiterhin bleiben.“

Er hat zwei Söhne aus erster Ehe und lebt in Wien und im Kaunertal in Tirol. Von Freunden, Kollegen und innerhalb der Partei wird Van der Bellen auch „Sascha“ genannt. Sascha ist der russische Spitzname für Alexander. 

Van der Bellen trat als junger Mann aus der evangelischen Kirche aus, weil er sich über seinen lokalen Pfarrer geärgert habe. Nach eigener Aussage glaubt er nicht an den einen Gott, aber an die „Botschaft oder Vision“, vor allem den Inhalt der Bergpredigt und die Nächstenliebe.

Außerdem war Alexander Van der Bellen Freimaurer. Mitte der 1970er Jahre sei er in der damals einzigen Freimaurerloge in Innsbruck aufgenommen worden. Die Idee der liberalen Freimaurerei ist mit dem Humanismus und dem Naturrecht aus dem Zeitalter der Aufklärung eng verbunden.

„Danach habe ich als rein passives Mitglied noch etwa 10 Jahre lang den Mitgliedsbeitrag bezahlt und bin schließlich auf meinen expliziten Wunsch hin ausgeschieden“, sagte Van der Bellen in einem Interview im Mai 2016. Auf die Frage, ob er immer noch Freimaurer sei, antwortete Van der Bellen: „Meines Wissens nicht. Ich bin dann nach Wien gegangen und da hab ich einfach andere Interessen entwickelt.“

Alexander Van der Bellen: Seine Ziele als Bundespräsident

Auch Hofers Konkurrent Van der Bellen will sich als Bundespräsident aktiv einmischen. Der 72-Jährige wirbt damit, einen FPÖ-Kanzler nicht mit der Regierungsbildung zu beauftragen, auch wenn er eine Mehrheit hinter sich hat. 

Das lehnen aber 80% der österreichischen Bevölkerung ab. Sie sind der Meinung, ein Staatschef sollte jede Regierung akzeptieren und keine Tabus haben.

Zudem kritisiert Van der Bellen Hofer scharf dafür, mit dem Öxit zu werben.

Ein stabiles, gemeinsames Europa ist für mich aus wirtschaftlichen und friedenspolitischen Gründen unverzichtbar. „Zehntausende Arbeitsplätze in der Industrie, im Tourismus hängen direkt von der Mitgliedschaft Österreichs in der EU ab und wären bei einem Austritt in Gefahr“, sagte Van der Bellen der Nachrichtenagentur dpa. „Schon das Gerede von einem EU-Austritt schadet Wirtschaftsstandort und Arbeitsmarkt. Ich werde als Bundespräsident daher alles tun, damit Österreich von einer pro-europäischen Regierung geführt wird und sich nicht aufs Abstellgleis begibt.“

Auch in der Flüchtlingspolitik steht Van der Bellen für Offenheit. Flüchtlinge müsse Österreich „nach Möglichkeit“ aufnehmen. Der Brenner müsse offen bleiben, sagte Alexander Van der Bellen in einem Interview mit der ARD-Wien. Denn der Grenzpass hätte symbolische Bedeutung für offene Grenzen in ganz Europa, er dürfe nicht wieder zum „Grenzwall“ werden. Statt einer Obergrenze für Flüchtlinge will er eine „gesamteuropäische Lösung“, wie er gegenüber der dpa betonte. „Ich bin zuversichtlich, dass es bei Bemühen aller Seiten zu einer breit akzeptierten Lösung kommt. Solange sich die Kriegssituation im Nahen Osten nicht ändert, müssen darüber hinaus die Bemühungen auf EU-Ebene verstärkt werden, solidarisch vorzugehen. Bundeskanzler, Vizekanzler und Außenminister sind gefordert, sich auf europäischer Ebene stärker für eine gesamteuropäische Lösung einzusetzen.“

verteidigte Alexander van der Bellen zudem das Motto von Bundeskanzlerin Angela Merkel „Wir schaffen das“.

Von Rechtsradikalen wird der Ex-Grüne wegen diesen Äußerungen angefeindet. Im Oktober bekam Van der Bellen deshalb sogar Polizeischutz, weil er eine Morddrohung aus Neonazi-Kreisen erhalten hatte.

Update vom 26. November 2016: Exakt eine Woche vor der erneuten Wahl in Österreich treten die Kandidaten Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen im TV-Duell gegeneinander an. Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie das TV-Duell Hofer gegen Van der Bellen live im TV und im Live-Stream sehen können.

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