Ohel-Jakob-Medaille

Merkel erhält jüdische Auszeichnung in München

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Rabbi Arthur Schneier (l.) überreicht Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit Charlotte Knobloch die Ohel-Jakob-Medaille.

München - Die israelitische Kultusgemeinde hat am Mittwoch in München Angela Merkel geehrt. Die Kanzlerin erhielt in der Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz die Ohel-Jakob-Medaille in Gold.

Der gestrige Mittwoch war im ohnehin sehr ereignisreichen Terminkalender der Kanzlerin trotzdem ein ganz besonderer Tag. Morgens die weltbewegende Nachricht, dass Donald Trump neuer US-Präsident wird, weshalb sogleich die Diplomatin Merkel (CDU) gefragt war: Einerseits die Gratulation an den Wahlsieger, andererseits der dezente Hinweis an Trump, demokratische Grundwerte zu achten. 

So begann der Tag für die Kanzlerin an diesem denkwürdigen 9. November. Doch der 9. November ist in Deutschland auch aus anderen Gründen ein Tag des Gedenkens. Des stillen Gedenkens. Am 9. November 1938 brannten jüdische Synagogen in ganz Deutschland. Die Reichspogromnacht war der Auftakt zur systematischen Verfolgung der Juden mit deren Entrechtung. Bis zum Ende des Krieges wurden sechs Millionen Juden deportiert und ermordet.
Oder, wie es Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, gestern ausdrückte: „Am 9. November 1938 stießen die Nationalsozialisten das Tor zu Auschwitz auf.“
Doch mit dem Tag werde heute auch der Mauerfall von 1989 verbunden – „die friedliche Revolution und die Deutsche Einheit, die den Menschen in der ehemaligen DDR die Freiheit gebracht hat“.

Merkels Besuch ein feierlicher sowie nachdenklicher Termin

Am gestrigen 9. November, nach der spannenden US-Wahlnacht, war die Bundeskanzlerin also von Berlin nach München geeilt – zu einem gleichermaßen feierlichen wie nachdenklichen Termin in der jüdischen Hauptsynagoge am St.-Jakobs-Platz.
Für ihre Verdienste um das Judentum wurde Merkel dort die Ohel-Jakob-Medaille in Gold der Israelitischen Kultusgemeinde verliehen. Die neue Münchner Hauptsynagoge war vor exakt zehn Jahren, am 9. November 2006, eröffnet worden.

Charlotte Knobloch sagte in ihrer Rede, Merkel stehe „in unverrückbarer Entschlossenheit, Eindeutigkeit und Glaubwürdigkeit, beherzt und kämpferisch an der Seite der jüdischen Menschen in Deutschland und des Staates Israel“. Dies seien für sie keine leeren Worte und es sei niemals verhandelbar, betonte Knobloch, die bis 2010 auch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland war. 

Die 84-Jährige nutzte den Festakt auch für einen Vermittlungsversuch zwischen den Vorsitzenden der Unionsparteien, die sich in den vergangenen Monaten immer wieder in heftigen Debatten vor allem wegen der Flüchtlingsfrage auseinandergesetzt hatten. Gezielt sprach Knobloch die Kanzlerin und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) an: „Wir alle kennen die Nachrichtenlage. Ich glaube: Das Einzige, was Sie trennt, ist unsere Sitzordnung.“ 

Knobloch über Merkel und Seehofer: „Unser Land braucht sie“

Sie erinnerte daran, dass dem Judentum hitziges Ringen um die bessere Meinung wohl bekannt sei. Es sei der Demokratie inhärent und unter Geschwistern wie CSU und CDU gesunde Normalität. „Fakt ist: Sie beide stehen für alles, was unser Land ausmacht“, betonte die Präsidentin. Denn es gebe nur wenige, die wie Merkel und Seehofer für die freiheitliche Demokratie einstünden. „Sie teilen diese Leidenschaft – unsere Überzeugungen und unsere Werte. Also machen Sie weiter – beide gemeinsam. Unser Land braucht Sie“, sagte Knobloch. 

Deutschland benötige eine starke Union und parteiübergreifende Lösungen für die anstehenden historischen Herausforderungen, nicht zuletzt nach den Ereignissen der vergangenen Nacht. Knobloch erinnerte so an den Ausgang der US-Präsidentenwahl, ohne den Namen Donald Trump zu nennen. Deutschland brauche ein „starkes selbstbewusstes, souveränes Wir“. 

In seinem Grußwort ging Seehofer auf die Worte von Knobloch ein. Zur Sitzordnung meinte er, in den vergangenen Tagen habe es mit Merkel in Berlin eine „Serie von Besprechungen und Konferenzen“ gegeben. Dort sei man sich „räumlich und inhaltlich bedeutend näher“ gewesen als heute. 

Kanzlerin zeigt sich tief bewegt über Auszeichnung

Der Holocaust-Überlebende Rabbi Arthur Schneier, der extra aus New York angereist war, erinnerte in seiner Laudatio an prophetische Worte des großen Dichters Heinrich Heine aus dem Jahre 1821: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Er habe das als Kind in Wien mit eigenen Augen gesehen. Deutschland und die USA seien heute Wächter der Freiheit, der Demokratie und der Menschenrechte. Kanzlerin Merkel stehe als Person für diese Werte. „Sie sind immer Ihrem moralischen Kompass treu geblieben. Sie sind ein Segen.“ 

Die Kanzlerin zeigte sich bewegt: „Die aufrichtigen Worte des Laudators haben mich tief im Herzen berührt – noch dazu an einem so denkwürdigen Datum wie heute.“ Die Medaille erfülle sie mit großer Freude. Merkel sicherte der jüdischen Gemeinde zu, sie werde immer an ihrer Seite stehen. Antisemitismus dürfe in keiner Weise bagatellisiert werden. 

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) warnte, Antisemitismus sei kein Randgruppen-Phänomen und nicht auf Neonazi-Kreise beschränkt. Auch Charlotte Knobloch hatte zuvor vor einer braunen Renaissance gewarnt. Doch die überwiegende Mehrheit der Münchner zeigt laut Reiter klare Kante: „Wir werden es nie wieder zulassen, dass sich die Brandstifter mit ihrem Hass durchsetzen. Auch daran soll uns die Synagoge Ohel Jakob erinnern.“

Klaus Vick

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