Briten stimmen am Donnerstag ab

Brexit-Referendum: Glasgow wählt "Remain" - im Osten Londons dominiert "Leave" 

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Ein Wahllokal in London.

London/Glasgow - Die Gründe, warum Wähler für oder gegen den Brexit stimmen, sind vielfältig. Was sie verbindet, ist die Hoffnung, die Zukunft Großbritanniens positiv zu gestalten.

"Wir werden die Ersten sein, die gehen. Und die anderen europäischen Länder werden uns folgen", sagt Joan, bevor sie im Wahllokal von Havering mit "Leave" stimmt. In dem besonders europaskeptischen Vorort im Osten Londons will die Mehrheit der Einwohner einen Austritt aus der Europäischen Union. Auch viele junge Leute, die sonst landesweit laut Umfragen überwiegend für den Verbleib sind, befürworten in Havering den Austritt des Königreichs aus dem Staatenbund. "Ich habe die Schnauze voll von all dieser Propaganda", sagt die 19-jährige Emma, die mit einer Zigarette in der Hand vor dem Wahllokal erscheint und direkt vor der Stimmabgabe noch unentschlossen ist. Nach kurzem Zögern entscheidet sich die junge Frau aber für "Leave". "Gehen wird besser für uns sein", sagt sie. 

"So viele Dinge werde von Europa kontrolliert. So viele Medikamente können wir wegen ihrer Bürokratie nicht erhalten." Die Rentnerin Diane Booth sagt, nach dem Austritt werde sie sich "wieder britisch fühlen". Sie ärgert sich, dass es in den Supermärkten nur noch Hühnchen und Schwein aus Frankreich oder Deutschland gebe, aber kein Fleisch mehr "Made in Britain" zu finden sei. "Wir haben Schweine in diesem Land, wir haben Hühner. Wir sollten unseren eigenen Bedarf abdecken können", sagt die 69-Jährige, die sich um die britischen Landwirte sorgt. 

"Man hätte uns nicht die Verantwortung überlassen dürfen"

Kate Garnham dagegen sorgt die Pro-Brexit-Stimmung in Havering. "Die Kampagne war wirklich konfus. Ich denke, die Botschaft war nicht klar genug. Die Leute haben nicht verstanden, wie schrecklich es wird, wenn wir austreten", sagt die 47-Jährige, die überrascht ist, wie viele junge Erwachsene mit "Leave" stimmen. "Sie verstehen nichts von Wirtschaft. Man hätte uns nicht die Verantwortung überlassen dürfen, die Regierung hätte selbst entscheiden sollen." 

Anders als in Havering wollen in Glasgow die meisten Wähler für den Verbleib in der EU stimmen. "Die Europäische Union zu verlassen wäre idiotisch", sagt die 24-jährige Gemma Rosaria, die am Morgen als erste Wählerin zu einem Wahllokal im Osten der schottischen Großstadt kommt. Sollte es zu einem Brexit kommen, wäre das aus ihrer Sicht aber eine Chance, erneut ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands abzuhalten. Die Scottish National Party (SNP) war im Jahr 2014 mit einem Referendum über die Loslösung des nördlichen Landesteils vom Vereinigten Königreich gescheitert, doch wird eine erneute Abstimmung nicht ausgeschlossen. "Sollten wir die EU verlassen, würde ich vorziehen, dass wir uns von Großbritannien trennen", sagt auch der 23 Jahre alte Wirtschaftsstudent Michael Renfrew. Andernfalls würde die Macht zu sehr in London zentralisiert werden. 

Schotten sind der EU weit stärker zugeneigt

Die Lehrerin Amanda Walker, die mit ihrer kleinen Tochter in Schuluniform zum Wahllokal kommt, sagt, die Abstimmung sei wichtig für ihr Kind. "Es ist besser, bei dem zu bleiben, was wir haben, statt ein Wagnis einzugehen", sagt die 42-Jährige. Vor dem Wahllokal versucht der örtliche SNP-Politiker David Turner derweil noch, die letzten Unentschiedenen zu überzeugen. "In Schottland wird das 'Remain' deutlich siegen", ist er überzeugt. 

Umfragen zeigen, dass die Schotten weit stärker der EU zugeneigt sind als der Rest Großbritanniens. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon äußerte die Hoffnung, dass die Schotten durch ihr mehrheitliches "Remain"-Votum die Abstimmung entscheiden. "Ich denke, es ist wirklich wichtig, Schottland und das Vereinigte Königreich in der EU zu halten", sagt die SNP-Chefin bei der Stimmabgabe. Zu viele Jobs und Investitionen hingen davon ab.

afp

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