Kritik an den Experten

Brisantes Buch: Das Versagen der Politberater

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Umweltproblem Klimawandel: Was taugen die Lösungsvorschläge der Ökonomen?

München - Nicht nur Politiker und Medien stehen europaweit im Kreuzfeuer der Kritik vieler Bürger. Auch die Experten, die als Berater der Politik großen Einfluss haben, stehen unter Beschuss.

Der Autor Frank Niessen promovierte mit einer Arbeit zum Verhältnis von Ökonomie und Ökologie – und bekam dabei seine Zweifel an der Arbeitsweise der Wirtschaftswissenschaften. Das Ergebnis: Sein Buch „Entmachtet die Ökonomen!“ (Tectum Verlag).

Die Gesellschaft steckt viel Geld in die Ausbildung von Ökonomen – warum wollen Sie diese jetzt entmachten?

Frank Niessen.

Frank Niessen : Weil die meisten Ökonomen trotz des vielen Geldes nicht dazu in der Lage sind, die tieferen Ursachen unserer Wirtschaftskrisen richtig zu erfassen, geschweige denn Entscheidendes zur Überwindung dieser Krisen beizutragen. So gesehen könnte man fast schon von einer Verschwendung von Steuergeldern sprechen.

Warum gelingt es der Wissenschaft nicht, große Krisen vorherzusehen?

Das brisante Buch von Frank Niessen.

Niessen: Dafür mache ich zwei Dinge verantwortlich. Zum einen eifern Ökonomen unsinniger Weise der Methodik von Mathematik und Naturwissenschaften nach. Sie treffen theoretische Annahmen und konstruieren auf deren Basis haufenweise Formeln und Modelle, die allesamt sehr abstrakt sind, die mit der erfahrbaren Realität aber mitunter nur sehr wenig zu tun haben. Zum zweiten forschen die allermeisten Ökonomen mit ideologischen Scheuklappen. Damit meine ich, dass sie bestimmte Strukturen, auf denen unser Wirtschaftssystem fußt, nicht hinterfragen. Das Privateigentum, das Gewinn- und Wachstumsstreben, der Marktmechanismus und unser zins- und kreditbasiertes Geldsystem werden von den führenden Ökonomen einfach als gegeben oder gar als natürlich angenommen. Somit stützen die führenden Ökonomen das herrschende Wirtschaftssystem, und es kommt ihnen gar nicht erst in den Sinn, die genannten Systemmerkmale selbst als mögliche Krisenursachen in Betracht zu ziehen. Je nach politischer Position mag man diese Systemtreue begrüßen oder bedauern. Vom Standpunkt der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit aus betrachtet, ist das aber auf jeden Fall problematisch.

Warum hört die Politik denn immer noch auf den Rat derselben Ökonomen, die zuvor versagt haben?

Niessen: Weil die Politiker keine Alternativen haben. An den Unis gibt es keine große Vielfalt an theoretischen Sichtweisen und Forschungsansätzen, sodass man kaum zwischen verschiedenen ökonomischen Beratern wählen könnte.

Der Titel „Wissenschaft“ verleiht den Volkswirten neutrale Autorität. Warum sprechen Sie das den Ökonomen ab?

Niessen: Wer beim Versuch, Krisen zu verstehen, sämtliche systembedingten Ursachen ausblendet, der ist nicht unvoreingenommen und neutral, der betreibt also keine wahrhaftige Wissenschaft. Dabei unterstelle ich unseren Ökonomen übrigens keine bösen Absichten. Das hat etwas mit Gewohnheiten und sozialen Normen zu tun.

Wäre eine Welt ohne Armut und Umweltzerstörung denkbar?

Niessen: Selbstverständlich. Rein ökonomisch betrachtet wäre das überhaupt kein Problem. Allerdings müsste dazu das bestehende Wirtschaftssystem geändert werden. Denn Gewinnstreben und Wachstum lassen sich auf Dauer unmöglich mit dem Erhalt unserer natürlichen Ressourcen vereinbaren. Wir müssen lernen, uns in Grenzen zu organisieren und den bestehenden Reichtum gerechter zu verteilen.

Warum raten Ökonomen der Politik nicht zu echten Veränderungen?

Niessen: Die meisten Ökonomen sind sich ihrer ideologischen Denkschranken wohl nicht bewusst. Den wenigen Ökonomen, denen der Perspektivenwechsel gelingt, droht das Außenseitertum und damit der Verlust ihrer wissenschaftlichen Reputation. Interview: Marc Kniepkamp

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