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Trump-Wahl: Ein Warnschuss für uns alle

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tz-Chefredakteur Rudolf Bögel.

München - So schockierend die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten auch ist: Sie macht Hoffnung und ist Auftrag zugleich. Ein Kommentar vom Chefredakteur der tz.

Der 9.11. (welch zynische Zahlensymbolik) ist ein bitterer Tag! Und zwar nicht, weil Donald Trump der 45. Präsident der USA geworden ist – sondern wie. Trump hat mit peinlichem Populismus und platten Parolen gewonnen! Aber: Er hat die Menschen erreicht. Mehr als seine Gegnerin Hillary Clinton

Wer das Ganze jetzt als politischen Treppenwitz abtun will, als einmaligen Ausrutscher, der nur auf die volksverführerischen Fähigkeiten eines zunächst unterschätzten Politclowns zurückzuführen ist, dem muss man ganz klar entgegenhalten: Trump hat nicht nur eine hauchdünne Mehrheit geholt, sondern ganz glatt gewonnen und sogar auch so urdemokratische Staaten wie Wisconsin und Michigan (nach der Farbe der Demokraten Blau auch blue wall genannt) erobert. Außerdem haben die Republikaner – trotz oder wegen Trump – die Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigt und auch im Senat behalten sie die Macht.

Die US-Wahl 2016 ist auch Anlass zur Hoffnung

Und dann wollen wir bei all der Kritik und dem Gejammer über den Wahlausgang nicht vergessen: Diese Wahlen waren zutiefst demokratisch und wurden nach den demokratischen Spielregeln der USA abgehalten. Das muss man akzeptieren, auch wenn der schon beim Brexit beobachtete Reflex „Es darf nicht sein, was nicht sein darf“ wieder zuckt.

Dieser 9.11. mag zwar bitter sein, aber er gibt auch Anlass zur Hoffnung, denn oft sind es die bitteren Erfahrungen, die zu mehr Einsicht führen, wenn man nur die richtigen Schlüsse daraus zieht. Denn sowohl der völlig überraschende Brexit-Entscheid Englands als auch die nicht minder unerwartete Wahl des amerikanischen Enfant terrible zeigen, dass es neben der Realität, die wir glauben zu kennen, eine zweite Wirklichkeit gibt, die offensichtlich nicht wahr- und ernst genommen wird. 

Weder von den traditionellen Parteien, noch von den Eliten und dem Establishment und wohl auch nicht von den traditionellen Medien. Denn sie alle waren es ja in den USA, die mit aller Macht versucht haben, Trump zu verhindern. Und je mehr versucht wurde, das Schmuddelkind zu verdrängen, desto mehr haben sich die Unentschlossenen und die Zaudernden unter den Wählern offensichtlich zu einem trotzigen „Jetzt erst recht“ entschlossen. Wer ist diese Mehrheit, die plötzlich nicht mehr das tut, was von ihr erwartet wird? 

Trumps Wahl ist ein Auftrag an unsere Politiker

Offenbar gibt es einen beträchtlichen Anteil an Menschen, die nicht verstanden und von der traditionellen Politik nicht mehr abgeholt werden. Diese Menschen stehen in einer sich immer schneller drehenden Welt, die immer grenzenloser wird, in einer Gesellschaft, die immer offener wird, und haben dabei offenbar große Angst um die eigene Zukunft. 

Nur so ist es zu erklären, dass sie sich – das haben sowohl die Brexit-Gegner als auch die Trump-Wähler getan – denen in die Arme werfen, die ihnen einen sicheren Hafen versprechen, sei es mit Protektionismus, tatsächlichem oder geistigem Mauerbau. Solche Verführer wie Brexit Johnson oderDonald Trump gibt es überall. Und sie alle wittern jetzt Morgenluft. Le Pen in Frankreich oder die AfD in Deutschland. Und sie werden auch bei uns gewinnen, wenn es uns nicht gelingt, den verunsicherten Bevölkerungsschichten wieder zuzuhören, ihre Sorgen ernst zu nehmen und sie wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Das ist die Aufgabe, die uns dieser bittere 9.11. mit auf den Weg gegeben hat.

Rudolf Bögel, Chefredakteur der tz

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