Gefundene DNA-Spuren sind Thema im NSU-Prozess

Zschäpe will sich schriftlich zum Fall Peggy äußern

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Beate Zschäpe möchte sich schriftlich zum Fall Peggy äußern.

München - Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem NSU-Terror und dem Tod der kleinen Peggy? Genau das will nun auch das Münchner Oberlandesgericht wissen - zuallererst von Beate Zschäpe selbst.

Erst einmal lässt sich das Gericht nichts anmerken. Über Stunden hinweg spult der Vorsitzende Richter Manfred Götzl am Mittwoch im NSU-Prozess das ganz normale Programm ab - das nicht einmal uninteressant ist. So geht es um die Frage, ob die drei mutmaßlichen NSU-Terroristen im Jahr 2000 möglicherweise eine Synagoge in Berlin als mögliches Anschlagsziel ausgespäht haben.

Doch dann wird es richtig spannend: Kaum ist der Zeuge, ein früherer Berliner Wachpolizist, entlassen, spricht Götzl die Hauptangeklagte Beate Zschäpe direkt an - und stellt ihr vier Fragen, die es in sich haben. Denn: Das Gericht will klären, ob es einen Zusammenhang geben könnte zwischen der rechtsextremistischen NSU-Terrorserie und dem Verschwinden sowie dem Tod der Schülerin Peggy. Und so ist dies die entscheidende Frage, die Zschäpe nun beantworten soll: ob sie über Informationen über Peggy verfüge, die sie nicht aus den Medien habe?

Anlass für Götzls Offensive ist eine Nachricht, die vor zwei Wochen bundesweit für dicke Schlagzeilen gesorgt hatte: Am Fundort der getöteten Schülerin Peggy wurden DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt entdeckt. Zwar ist eine Verunreinigung der Probe nicht hundertprozentig ausgeschlossen - aber auch schwer vorstellbar. Genauso schwer vorstellbar aber ist, dass es einen Zusammenhang der Komplexe NSU und Peggy geben könnte. Könnte Böhnhardt am Ende vielleicht sogar Peggys Mörder sein? Oder hatte er „nur“ Kontakt zum - bis heute unbekannten - Täter? Alles völlig offen. Die Ermittlungen hierzu stehen noch ganz am Anfang.

Fakt ist, dass es in den Akten mehrere Hinweise auf NSU-Unterstützer gibt, gegen die der Verdacht des Kindesmissbrauchs bestand. Einige Zeugen aus der rechtsradikalen Szene wurden im Münchner Prozess damit konfrontiert. Der bekannteste Fall ist der des früheren Thüringer Neonazi-Drahtziehers Tino Brandt, der wegen Kindesmissbrauchs in 66 Fällen verurteilt wurde. Ein anderer Zeuge bezichtigte in einer Polizeivernehmung Böhnhardt, einen neun Jahre alten Jungen in Jena ermordet zu haben. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt, er wird nun von einer Sonderkommission in Thüringen neu überprüft.

Zschäpe soll sich im NSU-Prozess zum Fall Peggy äußern

Das Gericht will auch Berichten über angeblich kinderpornografische Bilder auf einem Computer auf den Grund gehen, der im November 2011 im Brandschutt der letzten Wohnung des NSU-Trios in Zwickau gefunden wurde. Götzl will von Zschäpe nun wissen, wer diesen Computer nutzte, ob sich darauf Bilder von Kindern und Jugendlichen befanden und welche Informationen sie gegebenenfalls zu diesen Bildern habe. Nebenanklage-Anwalt Mehmet Daimagüler beantragt am Mittwoch zudem, die kompletten Peggy-Akten beizuziehen und Akteneinsicht zu gewähren.

Nun ist erst einmal Zschäpe am Zug. Jedenfalls sind sich einige Prozessbeteiligte am Mittwoch sicher, dass der Fall Peggy und die Dateien auf dem Computer des NSU-Trios entgegen erster Einschätzungen jetzt wohl doch eine größere Rolle im NSU-Prozess spielen werden. Die Antworten der Hauptangeklagten sollen schriftlich kommen.

Das ist freilich nicht alles, was Zschäpe an diesem Tag zu schaffen machte. Ein als Zeuge geladener früherer Wachpolizist bestätigt, dass er Zschäpe im Frühsommer 2000 in einem Café im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gesehen habe - in Begleitung zweier Männer. Zschäpe lässt ihren Vertrauensanwalt Mathias Grasel zuvor erklären, sie sei damals tatsächlich mit Böhnhardt und Uwe Mundlos in der Bundeshauptstadt gewesen. Sie bestreitet aber, was mehrere Nebenklage-Anwälte vermuten: dass sie die Synagoge als Anschlagsziel ausgespäht haben könnte. Nebenkläger wollen den Hintergründen der Berlin-Reise nun mit weiteren Beweisanträgen auf den Grund gehen.

Und zu alledem bricht dann auch noch Streit unter Zschäpes Anwälten aus - ihren drei ursprünglichen Verteidigern Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm einerseits und ihren erst später berufenen Anwälten Hermann Borchert und Mathias Grasel andererseits. Hörbar gereizt verlangt Heer eine Kopie der Zschäpe-Aussage, die Grasel schließlich ebenso gereizt hinüber schiebt. Staatsanwalt Jochen Weingarten nennt Heer, Stahl und Sturm später „Teilverteidiger“.

Es ist unter dem Strich kein guter Verhandlungstag für Zschäpe. Und er könnte in den kommenden Wochen neue Wendungen nach sich ziehen. dpa

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