Integration in den Arbeitsmarkt

Maßarbeit: So soll die Ausbildung für Flüchtlinge laufen

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Immer nah dran: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen besucht eine Ausbildungsinitiative für syrische Flüchtlinge.

München - Bei der Integration der Flüchtlinge in Deutschland gibt es noch viel Luft nach oben. Mit gezielten Maßnahmen sollen die Asylbewerber auf dem Arbeitsmarkt durchstarten.

Programm "Wirtschaft integriert" für Flüchtlinge.

Stimmt es, dass die große Zahl der Flüchtlinge ein Segen für die deutsche Wirtschaft sind? Oder ist die Integration der Neuankömmlinge eine so schwierige Aufgabe, dass sie die Wirtschaft eher bremsen wird? Um diese Frage beantworten zu können, untersuchten Experten des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin die Integration Geflüchteter, die vor allem von 1990 bis 2010 nach Deutschland kamen. Ergebnis: Die Startbedeingungen waren schwierig, mit der Zeit aber holten die Geflüchteten bei Sprachkenntnissen und auf dem Arbeitsmarkt aber gegenüber anderen Migranten auf. Zahlreiche Initiativen kümmern sich um ihre Eingliederung. Am Donnerstag kündigte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) einen Ausbildungsbeitrag der Bundeswehr an. Die wichtigsten Fakten:

Warum dauert die Jobsuche für Flüchtlinge oft so lange?

Direkt nach der Ankunft sind vor allem Menschen, die Krieg und gefährliche Fluchtwege hinter sich haben, traumatisiert, sagt Wolfgang Kaschuba, Direktor des Ber Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Ihnen fällt es schwer, sich in der neuen, friedlichen Umgebung zu orientieren. Auch bringen Flüchtlinge nur sehr selten Deutschkenntnisse mit – anders als etwa EU-Bürger. Laut Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), haben nur etwa zehn Prozent der Flüchtlinge, die zuletzt gekommen seien, eine "gute, auch zertifizierte Qualifikation".

Wie hoch sind die bürokratischen Hürden?

Ehrenamtliche Helfer beklagen das "Kästchendenken" von Behördenvertretern, die sich entweder nur für "Gesundheit oder Wohnung, oder Stellensuche" zuständig fühlten. Die Hürden auf dem Arbeitsmarkt waren aber vor den jüngsten Gesetzesänderungen noch höher als jetzt - die Prognose für die Neuankömmlinge seit 2015 könnte also positiver ausfallen.

Welche Hürden wurden in der Zwischenzeit gesenkt?

Es gilt z. B. nicht mehr überall und für alle Berufe die "Vorrangprüfung". Dabei schaut die Arbeitsagentur, ob eine Stelle nicht auch mit einem Deutschen oder einem EU-Ausländer besetzt werden kann. Das gilt etwa für Branchen, wo großer Arbeitskräftmangel herrscht, etwa in der Pflege oder bestimmten technischen Berufen.

Wie ließe sich die Anlaufphase vor Ausbildung oder Job weiter verkürzen?

Flüchtlingseinsatz am Feinblech.

Unternehmen vermissen oft Sprachkenntnisse. Neben Sprach- und Integrationskursen hat laut DIW vor allem die "Teilhabe am deutschen Bildungssystem" einen positiven Einfluss, in einer allgemeinbildende Schulen, bei anderen Formen von Aus- oder Fortbildung, am Arbeitsplatz. Gemeinnützige Jobs für Asylbewerber und Geduldete während des Verfahrens könnten die Integration ins Erwerbsleben fördern. "Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge nicht in Apathie versinken." Es müsse aber immer klar sein, "dass am Schluss einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme nicht A wie Ausbeutung steht, sondern A wie Arbeitsplatz".

Was sagt die Gewerkschaft?

DGB-Vize Elke Hannack monierte am Donnerstag bei der Vorstellung des neuen Azubi-Reports die mangelhafte Qualität von Ausbildungsbedingungen generell, "gerade die Branchen, die über Azubi-Mangel klagen". Angesichts der hohen Zahl Geflüchteter seien deutlich mehr Anstrengungen der Arbeitgeber nötig, Sie müssten "weg von ihrer Bestenauslese und wieder mehr Ausbildungsplätze auch für Hauptschülerinnen und -schüler anbieten".

Wie sieht das Projekt der Bundesverteidigungsministerin aus?

Ursula von der Leyen will 45 Syrern in vierwöchigen unterschiedlichen Kursen bei der Bundeswehr Fähigkeiten beibringen lassen, die sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat beim Wiederaufbau ihrer zerbombten Heimat nutzen können: Handwerk, Technik, Bau und Sanitätsdienst. Wenn die Rückkehr mittelfristig keine Option ist, sei das Zertifikat der Bundeswehr sei ein Hinweis für mögliche Arbeitgeber, dass da jemand kommt, der pünktlich ist und durchgehalten hat bis zum Ende des Kurses. Die Teilnehmer erhalten während der Maßnahme Arbeitslosengeld II (Hartz IV).

Barbara Wimmer

OB Reiter hofft aufs Handwerk

Auch in München wird versucht, Migranten in Ausbildungs- oder Arbeitsstellen unterzubringen. Bislang sind die Einstellungszahlen eher übersichtlich, auch bei DAX-Konzernen. OB Dieter Reiter (SPD) erklärte gegenüber der tz, es gebe "leider nicht immer kurzfristige Lösungen. Ein Arbeitsplatz bei BMW am Band ist heute ein hoch technisierter Arbeitsplatz. Es dauert sicher ein bis zwei Jahre, um die Menschen dafür fit zu machen."

Reiter setzt "große Hoffnung auf das Handwerk und die Industrie. Viele Innungsmeister haben mir gesagt, dass sie hier durchaus Potential sehen. Wir brauchen Arbeitskräfte ohne Ende." Bei der Stadt selbst sind die Aussichten für Flüchtlinge eher schlecht. Reiter: Jobs in der Verwaltung verlangten "die sichere Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift, Grundkenntnisse sind da nicht ausreichend". Man versuche aber, alles zu unterstützen was an Sprachvermittlung möglich ist.

WE

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