Deutsch-russische Diskussion

Gerhard Polts Putin-Strategie: Freibier!

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Gerhard Polt bei der Diskussion.

München - Der Kabarettist Gerhard Polt und Steinmeiers Staatssekretär Markus Ederer haben über Russland diskutiert. Der philosophische Kabarettist hat seine ganz eigene Strategie in Sachen Putin.

„Der Russe“. Wenn die Erwachsenen in Gerhard Polts Kindheit von Russland gesprochen haben, dann immer nur in der Einzahl. „Es war ein merkwürdiger, nicht so fröhlicher Begriff“, erinnert sich der heute 74-Jährige. Da waren die Invaliden am Stammtisch, die zwei Zehen „beim Russen“ gelassen haben. Und da war dieses Kinderlied, dass Polt und seine „Kindkollegen“ so gerne gesungen haben: „Ei, Ei, Ei, Korea, der Russ kimmt alweil näher…“

Wenn unser wohl philosophischster Kabarettist über unser derzeitig so schwieriges Verhältnis zu Russland spricht, ist klar: Hier wird’s grundsätzlich, hier geht es weit über das tagespolitische „Sanktionen hier – Drohungen dort“ hinaus.

Dass bei uns ein gewaltiges Interesse an solch einem anderen Blick auf Russland besteht, zeigte der Andrang zu dieser Veranstaltung der Gesellschaft für Außenpolitik im Münchner Museum Fünf Kontinente: Die rund 200 Sitzplätze waren schnell belegt, mehr als 50 Gäste mussten sich mit Stehplätzen begnügen.

Russland und der Westen – Konfrontation oder Kooperation?, so der Titel der Diskussion zwischen Polt und dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Markus Ederer. Frank-Walter Steinmeiers rechte Hand und Polt sind befreundet, weil sie beide im zu Schliersee gehörenden Ort Neuhaus wohnen, wo sie schon einmal eine solche deutsch-russische Diskussion führten. „Dass wir uns damit bis in die Maximilianstraße vorarbeiten, das hätte ich mir damals nicht träumen lassen“, so Polt augenzwinkernd.

Anspielend auf den Titel der Veranstaltung machte Ederer deutlich, dass Berlin einen Mittelweg zwischen Konfrontation und Kooperation suche. Zu Vorwürfen aus dem Publikum, Berlin agiere als „Lakai“ der USA, erinnerte Ederer daran, dass es die Bundesregierung war, die 2008 die vom damaligen US-Präsidenten Bush geforderte Aufnahme der Ukraine und Georgiens in die Nato verhindert hatte. Und dass es die Bundesregierung war, die sich geweigert hatte, sich an den Kriegen gegen den Irak und den Luftangriffen auf Libyen zu beteiligen.

Polt über Moskau-Besuch: „Würde jederzeit wieder dort Freibier ausschenken“

Auch 1983 waren die Beziehungen zu Moskau eisig. Am Stammtisch in Denkendorf entstand die Idee, den „roten Brüdern“ Freibier auszuschenken. Gerhard Polt fuhr mit der Denkendorfer Trachtenkapelle, einem BR-Filmteam und 23 Fässern Freibier nach Russland. Entspannungspolitik auf Bayerisch!

Der eine Teil des Publikums warf Ederer vor, die Sanktionen gegen Russland müssten weg, die anderen, sie seien zu lasch. Polts Antwort auf solche Querelen: „Wenn wir an der Politik verzweifeln, dann sollten wir über Kultur reden!“ Deshalb sei er 1983, mitten im kältesten Kalten Krieg, mit 23 Fässern Freibier nach Moskau gereist. „Ich würde jederzeit wieder dort Freibier ausschenken“, so der 74-Jährige. „Wenn die Politik am Ende ist, hat die Kultur eine große Zukunft.“ Wir Deutschen müssten viel mehr russische Filme schauen, russische Komiker kennenlernen. Uns überhaupt für andere Länder mehr interessieren. „Wie macht die Frau X in Smolensk einen Schweinsbraten? Haben dort auch schon wie bei uns die Zweijährigen beim Griesbreiessen einen Helm auf, weil’s so gefährlich ist? Wir brauchen eine gemeinsame Gaudi“, so Polts Credo.

„Wir sollten russische Studenten für ein Jahr zu uns einladen, ihnen Obazdn, Weißwürst und Freibier servieren – und die tz sollte in großen Lettern darüber berichten. Das würde der Politik einen Kick geben!“, meinte Polt.

„Dabei sollten wir nicht nur Weißwürst, sondern auch Schweinswürstel servieren. Denn Teil der russischen Propaganda ist, dass es in Deutschland wegen der Flüchtlinge kein Schweinefleisch mehr gibt“, bremste Ederer Polts Euphorie. Es gebe durchaus immer noch Jugendaustausch und gute kulturelle Beziehungen. Die seien aber bedroht, weil das russische Gesetz gegen Auslandsspionage die in diesem Bereich tätigen Organisationen kriminalisiere. Das sei Putins „Anti-Gaudi-Politik“, so der Staatssekretär bitter.

Ederer, der bei den Minsker Ukraine-Verhandlungen mit Putin am Tisch saß, zeigte auf, dass es auch in Sachen Diplomatie unterschiedliche Kulturen gebe: „Wir haben gelernt, mit Zugeständnissen eine Win-win-Situation für beide Parteien zu schaffen. Die Gegenseite sieht Zugeständnisse als Schwäche an, kassiert sie ein und geht wieder zurück auf die Nulllinie…“

Polt erinnerte die Politiker angesichts der verfahrenen Lage an den Künstler Tomi Ungerer aus dem Elsass, der über seine ewig umkämpfte Heimat sagte: „Dem Riesling ist es egal, ob gerade die Franzosen oder die Deutschen die Macht haben. Seine Qualität hängt vom Klima ab!“

Dem stimmte Ederer zu: Die Trumps, Merkels und Putins kommen und gehen – unser Verhältnis zu Russland und den USA wird wichtig bleiben, auch wenn die derzeitigen Akteure längst wieder in der Versenkung verschwunden sind.

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