Sängerin beschreibt Freiheit einer Muslimin

Hülya Kandemir: Was ein Kopftuch bedeutet  – und was nicht

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Hülya Kandemir.

München - Die Diskussion um ein Burkaverbot in Deutschland rückt einmal mehr das Kopftuch von Musliminnen in den Mittelpunkt. Die tz hat über das Thema mit einer bayerischen Muslimin gesprochen.

Die Debatte um ein Burkaverbot in Deutschland und das Burkiniverbot in Frankreich, die im Zusammenhang mit Terrorabwehr und Sicherheitsmaßnahmen aufgeflammt ist, rückt einmal mehr das Kopftuch von Musliminnen in den Mittelpunkt. Ist die Verschleierung des Haars ein Zeichen der Unterdrückung von Frauen durch die Religion? Die tz hat mit einer bayerischen Muslimin gesprochen. Hülya Kandemir, Jahrgang 1975, hat sich nach einem vielversprechenden Start in der Musikbranche von einem Tag auf den anderen entschlossen, ihre Haare zu bedecken. Kandemir nennt die Gründe für ihre Entscheidung damals – und sie sagt, warum sie das Kopftuch acht Jahre später wieder abnahm. Die gebürtige Oberpfälzerin mit türkischen Wurzeln sorgt sich momentan wegen der Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei und beschreibt die Gefühlslage ihrer Landsleute in Deutschland.

Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um das Burka- und Burkiniverbot?

Hülya Kandemir: Für die Gesichtsverschleierung bin ich auch nicht – das Gesicht macht doch den Menschen aus! Wir sind hier, um miteinander leben zu lernen, ein Teil des Ganzen zu sein, und das geht nicht, wenn man sich versteckt. Allerdings befürchte ich, dass mit einem Verbot eher wieder Hass geschürt wird. Deshalb fände ich Aufklärung und Gespräche mit Betroffenen besser. Aber abgesehen von der Vollverschleierung muss die Art einer Kopfbedeckung die ureigenste Entscheidung eines Menschen sein, auch die einer Frau. Das Verbot von Burkinis finde ich gänzlich absurd. Es bedeutet doch gerade Integration, wenn dank Burkini eine Kopftuchträgerin im gemischten Schwimmbad dabei ist und sich nicht abschottet von der Gesellschaft. Der Burkini ist ein super Erfindung!

Warum haben Sie sich damals für das Kopftuch entschieden?

Kandemir: Ich war nicht zufrieden und schon lange auf der Suche nach mir selbst. Davon handelten meine Lieder von Anfang an, aber das Musikgeschäft und das Bühnenleben, in dem es sehr um Äußerlichkeiten und Eitelkeit geht, hat mir dabei nicht geholfen. Zuerst fing ich an, fünfmal am Tag zu beten – dabei fand ich inneren Frieden. Es fühlte sich an wie eine neu entdeckte Quelle. Um das Äußerliche noch mehr loszulassen, dachte ich, das Kopftuch könnte mich weiterbringen auf dem Weg der Selbstfindung, des nach innen Schauens. Damals hat es sich gut und richtig angefühlt. Und die Erfahrung war sehr wertvoll.

Sind Ihre Eltern muslimisch?

Kandemir: Ja, aber sie sind selten in die Moschee gegangen und haben im Ramadan nur sporadisch gefastet. Meine Mama hat nie ein Kopftuch getragen.

Sie haben das Kopftuch nach acht Jahren wieder abgelegt. Warum?

Kandemir: Erstens hatte ich das, was mir wichtig war, verinnerlicht – hauptsächlich die Meditation im Gebet. Das praktiziere ich immer noch mit viel Freude, und es berührt mich nach wie vor tief. Zweitens kam es immer öfter vor, dass sich einige Muslime in mein Leben einmischen wollten – nur weil ich ein Tuch trage. Sie wollten darüber diskutieren, ob ich mit Tuch als Muslima auf die Bühne darf. Als ich merkte, dass am Kopftuch die Gläubigkeit einer Frau gemessen wurde, wusste ich, jetzt ist es Zeit für mich auszusteigen. Ich wollte meinen Weg als freie Künstlerin und freier spiritueller Mensch individuell gehen. In dieser Zeit kam eine Flut von Inspiration über mich und es enstand mein EGO-Album. Mit der Inspiration für neue Lieder entdeckte ich für mich auch den Sufi Mystiker Mavlana Djalaluddin Rumi.

Kandemir: Es war schwieriger, das Tuch abzusetzen

Wie wurde es in der muslimischen Gemeinschaft aufgenommen, dass Sie auf das Tuch wieder verzichteten?

Kandemir: Es war schwieriger, das Tuch abzusetzen. Ich fand es traurig, dass Muslime, die sich als Gläubige sehen, mich dafür verurteilt haben. Durch meine Autobiografie Himmelstochter, in der ich meinen Weg hin zum Islam beschrieben habe, wurde ich für manche muslimische Mädchen etwas wie ein Vorbild.Was ich nie beabsichtigt hatte, denn das Buch hatte ich wirklich nur geschrieben, um in einer Zeit wachsender Islamfeindlichkeit zu helfen. Ich wollte Brücke sein zwischen Religionen und Kulturen.

Wegen des Verhaltens des türkischen Präsidenten Erdogan steht es mit dem Verhältnis zwischen Deutschen und türkischstämmigen Deutschen nicht zum Besten. Wie sehen Sie die Entwicklung in den vergangenen Monaten?

Kandemir: Es wird hier vieles ganz anders und viel negativer berichtet, als es in der Türkei gesehen wird. Die deutschen Medien konzentrieren sich auf eine negative Berichterstattung. Alles Positive wird ausgeblendet, etwa wenn die Opposition mit der Regierungspartei Hand in Hand steht. Diese Haltung der Deutschen versetzt die Menschen in Angst und Schrecken.

Uns wiederum erschreckt Erdogans Umgang mit den Medien, mit der Justiz, mit Zigtausenden suspendierten Angestellten im öffentlichen Dienst. Warum kommen Türkischstämmige in Deutschland in Heerscharen, um Erdogan zuzujubeln?

Kandemir: Ich bin wirklich kein Fan von Erdogan. Aber um die Einstellung der hier lebenden Türken zu verstehen, muss man sich an die Türkei vor Erdogan erinnern. Ich kann mich daran erinnern. Es gab teilweise kein Wasser, die Elektrizität hat nicht richtig funktioniert, für jedes falsche Wort wurde man ins Gefängnis gesteckt, Kurden durften ihre Sprache nicht sprechen. Medien kannten gar keine Meinungsfreiheit. Ich bedauere sehr, dass Deutsche und türkischstämmige Deutsche jetzt gegeneinander aufgehetzt werden. Die Türken sind hier wirklich sehr gut integriert, gerade in den Großstädten. Trotzdem kommen jetzt teilweise Deutsche aggressiv auf uns zu und fragen: Was ist los mit eurem Erdogan?

Sie haben 2004 eine Friedenskundgebung in München veranstaltet. Wird es vielleicht Zeit für eine weitere?

Kandemir: Ich arbeite gerade an einem Youtube-Videoclip zu meinem Lied, das den Titel hat: Nicht in meinem Namen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass wir es sind, die die Zukunft in uns tragen. Wir sind so vermischt: Ich trage die deutsche Kultur und die türkische, die islamische und die christliche in mir. In vielen meiner neuen Lieder befasse ich mich mit diesem Thema.

Sie haben sich auch für andere Religionen interessiert?

Kandemir: Das tue ich immer noch. Ich war ja viele Jahre in einer evangelischen Kirchenband, habe regelmäßig die Messen mitgestaltet. In dem Dorf, in dem wir aufgewachsen sind, waren wir die einzigen Türken.

Träumen Sie von einer ökumenischen Zukunft?

Kandemir: Die wird kommen! Die Zukunft bringt ökumenische Gebetshäuser. Irgendwann werden alle einsehen, dass es nur einen Gott oder Schöpfer gibt. Diese Position werde ich nicht mehr aufgeben.

Interview: Barbara Wimmer

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