Nach Debatte bei Anne Will

Der Islam und die Frau – Vorurteile und Fakten

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Nora Illi, die vollverschleierte „Frauenbeauftragte“ des Islamischen Zentralrats der Schweiz (IZRS) sorgte bei Anne Will für Kopfschütteln. 

München - Der Auftritt der Schweizerin Nora Illi bei Anne Will sorgte für viele Diskussionen. Wir haben mit einer Islamwissenschaftlerin gesprochen und Illis Aussagen überprüft. 

ARD am Sonntagabend: Eigentlich will Anne Will mit ihren Gästen darüber diskutieren, warum junge Leute zu Islamisten werden. Doch dann rückt einevollverschleierte Frau im Nikab in den Mittelpunkt. Nora Illi, Frauenbeauftrage (!) des Islamischen Zentralrats der Schweiz. Sie sieht im Islam eine Gemeinschaft, in der man Schulter an Schulter betet, das Tragen des Nikab bedeutet für sie Freiheit und Selbstbestimmung. Außerdem empfiehlt sie jungen Islamisten einen Trip nach Syrien – das gelobte Land. Dort warte eine „bitterharte Langzeitprüfung mit Hochs und Tiefs“. Welche Rolle spielt die Frau im Islam? Was sagt der Koran über die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Die tz sprach mit der Islamwissenschaftlerin Dr. Dina El Omari von der Universität Münster.

Frau Dr. El Omari, wie hält es der Islam mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Dr. El Omari: Der Islam ist das, was die Muslime daraus machen, und da stellen wir fest, dass Muslime, die in patriarchalischen Strukturen leben, den Islam eher patriarchalisch auslegen. Wenn wir den Koran betrachten, dann müssen wir seine Aussagen in ihrem historischen Kontext im siebten Jahrhundert verorten. Seine Erstadressaten lebten in einer patriarchalischen Gesellschaft. In unserer heutigen Gesellschaft müssen wir also nach einer geschlechtergerechten Lesart streben, vor allem durch die Betonung der im Koran vorhandenen essentiellen Gleichberechtigung der Geschlechter.

„Es ist wichtig, dass wir Muslime hier in Deutschland ankommen“

Wenn man sich die Homepage des Islamischen Zentrums in München ansieht, liest sich das anders. Da steht z. B. dass ein Mann seine Frau schlagen darf – wenn er die Reihenfolge einhält: Erst Ermahnung, dann Trennung vom Ehebett, und danach darf er auch schlagen … auch wenn das nur eine „symbolische Geste“ sein soll.

El Omari: Diese Homepage gibt ein sehr antiquiertes Frauenbild wieder, das sehr vom Patriarchiat geprägt ist. Hier wird ein Koranvers (4:34) wortwörtlich genommen, ohne ihn im historischen Kontext der Erstadressaten zu verorten.

Das ist eine Gemeinde der Muslimbrüder.

El Omari: Es ist wichtig, dass wir Muslime hier in Deutschland ankommen und uns endlich von patriarchalischen Frauenbildern, wonach die Frau lediglich zum Kinderkriegen und der Mann zum Geldverdienen bestimmt sind, verabschieden.

Wie sieht es in den muslimischen Familien aus?

El Omari: Hier in Deutschland steigen immer mehr junge muslimische Frauen in die Mittelschicht auf, erheben ihre Stimme zur Selbstbestimmung und sind oftmals besser gebildet als muslimische Männer. Auf der anderen Seite haben wir aber noch immer patriarchalische Strukturen, die aufgebrochen werden müssen.

Lehrer und Theologen spielen eine wichtige Rolle

Aber in den Moscheen spielen Frauen doch keine Rolle. Dort ist die Auslegung des Korans nicht nach dem Wortlaut, sondern nach dem Sinn doch noch nicht angekommen.

El Omari: Pauschal kann ich das nicht bestätigen. Das ist in jeder Gemeinde anders. Daher ist es wichtig, dass hier in Deutschland ausgebildete Theologinnen und Pädagoginnen in den Moscheegemeinden arbeiten.

Wie groß ist deren Einfluss?

El Omari: Es besuchen etwa 25 bis 35 Prozent der Muslime in Deutschland regelmäßig die Moschee. Eine zentrale Rolle spielt aber der islamische Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen. Die Lehrer, die hier unterrichten, werden ja an den Universitäten ausgebildet. Wir hier in Münster haben derzeit rund 840 Studierende, davon werden 70 Prozent Lehrer, die als Multiplikatoren ein weltoffenes Islambild vermitteln werden. Wir bilden aber auch Theologen aus, die an die Moscheen gehen, um auch diese zu bereichern.

Gehen Frauen in Moscheen?

El Omari: Frauen müssen zwar nicht am Freitagsgebet teilnehmen, einige bringen sich dennoch in seelsorgerischen Aktivitäten, aber auch als Religionslehrerinnen am Wochenende in den Moscheen ehrenamtlich ein. Dennoch bekomme ich immer wieder die kritische Frage zu hören, warum man wenigen Frauen in den Moscheen begegnet. Da ist sicherlich auch ein Nachholbedarf vorhanden. Viele Gemeinden haben aber nicht die entsprechenden Mittel, um dies zu fördern, und so entsteht ein konservatives Frauenbild in den Gemeinden.

Nikab und Kopftuch - das ist der Unterschied

Kann man das auch an Äußerlichkeiten festmachen – beispielsweise am Kopftuch?

El Omari: Nein. Das Kopftuch ist kein Zeichen eines konservativen Islams, ich selbst trage ein Kopftuch als Akt der Demut vor Gott. So wie man das im Christentum oder Judentum auch sehen kann. Von unseren Studierenden sind etwa 65 Prozent Frauen, und davon tragen etwa 40 Prozent ein Kopftuch. Sie sind sehr offen und selbstbewusst im Auftreten. Und sie sind kritisch – auch gegenüber patriarchalischen Auslegungen des Islams.

Verstehen Sie, dass viele Deutsche ein Problem mit dem Kopftuch haben?

El Omari: Viele assoziieren das Kopftuch mit Unterdrückung und Benachteiligung der Frau und haben entsprechend ein negatives Bild vom Kopftuch.

Beim Nikab ist das anders ...

El Omari: Der Nikab ist für mich ein Zeichen der Abschottung von der Gesellschaft. Die Trägerin verliert ihre Identität damit ja komplett, sie ist kein Subjekt mehr, sondern ein Objekt.

Was geht in Ihnen vor, wenn sie jemanden wie Frau Illi sehen?

El Omari: Für mich wirkt ihr Niqab sehr befremdlich, aber sie ist einfach nicht repräsentativ. Sie steht für eine absolute Minderheit.

Und sie kann dann auch noch ihre Botschaft verkünden...

El Omari: Dass sie behauptet, durch den Nikab frei zu sein, kann ich nicht nachvollziehen. Worin soll diese Freiheit liegen? Vielleicht dass sie selbst bestimmen kann, wer sie als weibliches Wesen wahrnimmt. Ich hab den Eindruck, dass dahinter auch eine Form der Selbstfindung steckt.

Wie soll Deutschland mit Muslimen umgehen?

El Omari: Respektvoll. Wir brauchen heute ein großes „Wir“ und nicht ein „Wir Deutsche“ und „Ihr Muslime“. Wir brauchen mehr Räume der Begegnung, damit wir mit- und nicht übereinander reden. Von Muslimen würde ich aber auch erwarten, dass sie sich als Teil Deutschlands sehen. Die islamische Lehre verbietet zum Beispiel jungen Mädchen überhaupt nicht, am Sport- und Schwimmunterricht teilzunehmen.

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