Mit Erdogan-Schmähgedicht über Nacht berühmt

Wer ist dieser Jan Böhmermann eigentlich?

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Jan Böhmermann sitzt in der Kulisse seiner Show "Neo Magazin Royale".

Mainz - Sein Name beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen. Sein Schmähgedicht über den türkischen Staatschef Erdogan ist zur Staatsaffäre geworden. Jan Böhmermann hat das Bild Deutschlands in Europa verändert. Ein Portrait.

Wer ist eigentlich dieser Mann, der in einer ZDF-Sendung des "Neo Magazin Royale" die Beziehungen Deutschlands zu dem jetzt gerade in der Bewältigung der Flüchtlingskrise so wichtigen Partner Türkei auf den Kopf gestellt hat? Sein Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan war Satire der härteren Art, eindeutig geschmacklos und beleidigend - und es hat gewirkt.

Nun diskutiert Deutschland, wie weit Satire gehen darf, oder wann es kriminell wird. Erdogan jedenfalls ist sauer und hat den bösen deutschen Satire-Mann angezeigt. Und viele Menschen fragen sich, wer ist denn eigentlich dieser Böhmermann, der es mit einem Schmähgedicht, ausgestrahlt vom kleinen ZDF-Schwestersender "ZDFneo", über Nacht geschafft hat, ganz oben auf der politischen Diskussionsagenda zu stehen?

"Böse, böser, Böhmermann"

Der "Spiegel" titelt: "Böse, böser, Böhmermann". Und in der Tat kennen treue Zuschauer des "Neo Magazin Royale" ihren Böhmermann als einen, der scharf zur Sache geht. Es war der 31. März 2016, als der TV-Mann in in seiner satirischen Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ die Grenzen von Satire zum Thema machte und sein mittlerweile berühmtes Erdogan-Gedicht vortrug. Geboren war damit die "Böhmermann-Affäre", deren Ausgang bis dato total offen ist. Nun könnte es sogar sein, dass Jan Böhmermann überhaupt nicht angeklagt wird.

Auf den Gedanken, Erdogan medienwirksam bis an die Schmerzgrenze zu reizen, waren Böhmermann und sein Team gekommen, nachdem sich der türkische Staatschef zuvor über ein Spottlied aufregt hatte, das die Kollegen vom Ersten im Satiremagazin extra 3 am 17. März 2016 ausgestrahlt hatte. Erdogan ließ danach sogar den deutschen Botschafter einbestellen und forderte die Löschung des Liedes.

Jan Böhmermann - Sohn eines Polizeibeamten

Als sich Erdogan noch mit dem Spottlied der Kollegen von "extra3" herumschlug, ahnte er nicht, was da aus der Merkel-Heimat noch auf ihn zukommen sollte. Der heute 35-jährige Sohn eines Bremer Polizeibeamten packte gegen den Türken-Boss die große Satire-Keule aus und stellte damit über Nacht alles, was er in seiner bisherigen Moderator- und Satiriker-Karriere erschaffen hatte, in den Schatten.

Jan Böhmermanns Werdegang

Für den seit einiger Zeit als das Gesicht einer neuen, intelligenten Moderatorengeneration geltenden Böhmermann gab es mit 17 Jahren mit dem Tod seines Vaters praktisch einen erzwungenen Berufsstart. Er musste Geld verdienen. Böhmermann fing an, für Zeilenhonorar in einer Bremer Lokalzeitung zu schreiben, ging bald als Reporter zu Radio Bremen.

Nachdem er dort selbst Nachrichten über Gewalt im Gazastreifen so verlas, als ginge es um einen Witz, wendete er sich dem Komischen zu. Böhmermann zog nach Köln, studierte, arbeitete beim WDR-Jugendsender 1Live und als Mitarbeiter von Harald Schmidt.

2006 bekam Böhmermann nach eigenen Worten das erste Mal eine Ahnung, was er anrichten kann. Er erfand für die Fußballweltmeisterschaft "Lukas' Tagebuch" über WM-Star Lukas Podolski. Dort schuf er Sätze wie "Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel". Podolksi klagte deshalb gegen den Moderator. Podolski nimmt Böhmermann diesen Spott bis heute krumm. Andere reagieren gelassener.

Jan Böhmermann lebt in Köln

Böhmermann lebt in Köln und hält sich über seinen Familienstand weitgehend bedeckt. 

Welchen Weg Böhmermann in Zukunft gehen will, lässt sich nicht prognostizieren. Er gibt sich äußerst distanziert, hält sein Privatleben bedeckt. Der Mann, der mit dem "Enthusiasmus eines Entwicklungshelfers" die Ironie in Deutschland fördern will, nutzt diese für sich selbst zum Aufbau von Distanziertheit.

In der TV- und Satiriker-Branche gilt Böhmermann als einer der "Erneuerer". Zu den geflügelten Worten über ihn gehört: "Den Bart hat nur er - nie seine Witze."

js/AFP

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