Die Nation verändert sich

Kommentar: Darum habe ich gerade Angst vor Deutschland

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München - Der Fremdenhass und die Gewalt gegen Ausländer in Deutschland erreichen dramatische Ausmaße. Das macht unserer Autorin Madita Tietgen Angst. Ein sehr persönlicher Kommentar.

Das Flüchtlingsproblem ist da, keine Frage. Es gibt zu wenige Deutschkurse, Unterkünfte sind überfüllt, die Ämter überfordert, und auch die ehrenamtlichen Helfer stoßen an ihre Grenzen. Ich verstehe, dass Deutschland verunsichert ist, Angst vor dem Unbekannten hat, und trotzdem muss ich in diesen Tagen sagen: Ich habe Angst vor Deutschland.

Ich habe Angst davor, wie sich die deutsche Gesellschaft verändert, Angst davor, wie weit manche Menschen in ihrem inzwischen entstandenen Fremdenhass noch gehen werden. "Neben unzähligen Angriffen auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte sind gewalttätige Ausschreitungen wie in Heidenau und Freital zu Symbolen eines sich verfestigenden Fremdenhasses geworden", zitiert das Handelsblatt aus dem aktuellen Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit.

Das ist beschämend für mich als Deutsche

Ankommende Flüchtlinge werden beschimpft, bekämpft, es werden gar Parolen wie "Wir sind das Volk" von Gegnern des Flüchtlingszuzugs verwendet. Ein Satz, der für die deutsche Geschichte eine große Bedeutung hat und dadurch in den Dreck gezogen wird. Das ist beschämend für mich als Deutsche. 

Proteste und Demonstrationen gegen geplante Flüchtlingsunterkünfte sind das Eine, doch in Deutschland greifen immer mehr Gegner und Unzufriedene zu Gewalt und Hass. Nach den Schlägerei-Vorfällen in Bautzen vor einigen Tagen erklärte Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD): "Ich weiß nicht, ob ich von einer Pogromstimmung reden kann, aber ich weiß, dass es eine beängstigende Stimmung ist." Mir macht das Angst. 

"Die Vergewaltiger brauchen wir hier nicht" gehört zum guten Ton 

Auch der Blick in die Kommentare von sozialen Netzwerken oder Diskussionsforen erschreckt mich jeden Tag aufs Neue. Aussagen wie "Die Vergewaltiger brauchen wir hier nicht" und "Das sind doch alles nur Sozialschmarotzer" gehören mittlerweile scheinbar zum guten Ton und bekommen zahlreiche "Gefällt mir"-Angaben. 

Flüchtlinge werden nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als "Dreckspack" und "abartige Kreaturen" bezeichnet. Wird das in Zukunft unser Umgangston in Deutschland sein? Menschen, die wir nicht kennen werden pauschal als Sozialschmarotzer, Vergewaltiger und Lügner beschimpft, und das heißen dann auch noch viele gut? 

Ich war stolz darauf Deutsche zu sein - jetzt nicht mehr

Ja, es gab mehrere Vorfälle, bei denen Flüchtlinge strafbar wurden und ja, diese gehören natürlich dementsprechend abgeschoben. Aber dieses Urteil auf alle männlichen Flüchtlinge und den Islam zu übertragen, ist falsch. Erst vor kurzem wurden in der Münchner U-Bahn eine Mutter und ihre Tochter beschimpft, angepöbelt und geschlagen - nur weil sie ein Kopftuch trugen. In Bautzen wurde am 22. September ein 72-Jähriger mit algerischen Wurzeln angegriffen. Die Täter sollen "Ausländer raus" gerufen haben, dabei lebt der Mann seit 40 Jahren in Deutschland. 

Die Angriffe ähneln zunehmend den Dingen, die man in der Schule eigentlich nur im Geschichtsunterricht thematisiert, wenn man über das Dritte Reich spricht. Anstatt die fliehenden Menschen zu verteufeln, sollte Deutschland zusammenstehen und sich an seine moralischen Werte erinnern. Das Flüchtlingsproblem löst man nicht mit Hass, Gewalt und Protestwählerei, im Gegenteil. Es braucht Integration, Verständnis, Geduld und vor allem einen offenen Dialog. 

Ich war durchaus stolz darauf, Deutsche zu sein, doch in den letzten Wochen hat sich dieses Gefühl verändert. Statt Stolz fühle ich inzwischen Angst und Scham. Aber es ist nicht die Angst vor Flüchtlingen, Muslimen oder möglichen Terroristen, sondern die Angst davor, wie das Deutschland, das ich kannte, sich verändert zu etwas, das wir doch eigentlich längst hinter uns gelassen haben. Ein Staat, in dem nur "richtige Deutsche" etwas wert sind. Wollen wir das?

mt

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