Der große Versöhner ist tot

Max Mannheimer (†96): Beisetzung am Dienstag in München

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Max Mannheimer vor dem KZ in ­Dachau.

München - Nazi-Opfer Max Mannheimer (96) verstarb am Freitag in einem Münchner Krankenhaus. Die Beerdigung findet am Dienstag auf dem Israelitischen Friedhof statt.

Das Erinnern war sein Lebensziel. Max Mannheimer, Auschwitz-Überlebender und Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, berichtete unermüdlich in Schulen, Universitäten und bei vielen Anlässen über das, was er unter der fürchterlichen Terrorherrschaft der Nationalsozialisten durchleben musste. „Max Mannheimer war ein Überlebender des Grauens, der die Menschen trotz aller bitteren Erfahrungen liebte“, sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Wie gestern bekannt wurde, ist der große Versöhner am Freitag im Alter von 96 Jahren in einer Münchner Klinik gestorben. Die Beerdigung findet morgen auf dem Israelitischen Friedhof in München statt.

Lebenslang trug der Ex-Häftling am linken Unterarm die tätowierte Nummer 997 28. „Opa, warum hast du so eine Nummer an der Hand?“, fragten seine Enkelinnen. Es sei eine Telefonnummer, antwortete Mannheimer – erst später erfuhren die Enkel, was die Nummer wirklich bedeutet.

Die jüdische Familie Mannheimer aus Neutitschein im heutigen Tschechien geriet trotz Flucht in die Hände der Hitler-Schergen. Sie wurde ins Konzentrationslager Theresienstadt und von dort nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Von acht Mitgliedern der Familie starben sechs. Auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau sieht Max Mannheimer 1943 zum letzten Mal seine Eltern, seine Schwester und seine Frau. Nur Max und sein jüngerer Bruder überstehen den Holocaust. Sie kommen anschließend in das KZ Dachau, werden 1945 in das Außenkommando Mühldorf verlegt – und am 30. April 1945 endlich von den Amerikanern befreit.

Mannheimer verlässt Deutschland – mit dem festen Vorsatz, nie wiederzukehren. Doch er verliebt sich ausgerechnet in eine Deutsche: Elfriede Eiselt, Tochter einer sozialdemokratischen Familie. „Sie war eine Heldin“, sagt er – denn die Familie hatte Juden versteckt. Als seine Frau Mitte der 1960er- Jahre an Krebs stirbt und er selbst glaubt, krank zu sein, schreibt er seine Erinnerungen auf – für seine Tochter.

Mannheimer hatte sich stets als Zeitzeuge gesehen, nie als Ankläger. „Der ganze Zweck meiner Arbeit ist es, zu den nachfolgenden Generationen zu sprechen und sie vor den Gefahren einer Diktatur zu warnen.“ Mitte der 1980er-Jahre wurden seine Erinnerungen in den Dachauer Heften veröffentlicht, er begann mit Führungen durch das frühere KZ. Teils schaffte er das nur mit Medikamenten. Beim Malen versuchte er, die Schrecken aufzuarbeiten. Geholfen habe „das Malen, das Erzählen und die Tabletten“, sagte er einmal. Mannheimer sagte aber auch: „Vergessen kann man es nie – das ist unmöglich.“

Trauer um Mannheimer

OB Dieter Reiter (58): Sein Motto war, wie es das Motto von uns allen sein muss: Wir dürfen nicht vergessen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (67): Der Tod Max Mannheimers ist ein schmerzlicher Verlust. Er wird uns allen fehlen.

Josef Schuster (62), Präsident des ­Zentralrats der Juden in Deutschland: Nicht nur die jüdische Gemeinschaft, sondern Deutschland insgesamt ist Mannheimer zu Dank verpflichtet.

Charlotte Knobloch (83), ­Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: Die Welt verliert einen zutiefst menschlichen Versöhner.

Reinhard Marx (63), Kardinal: Mannheimers intellektuelle Kraft, sein ­visionärer Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen Europas und seine sprachliche Brillanz im Erzählen dessen, was er ­erleiden musste, werden uns fehlen.

Bundespräsident Joachim Gauck (76): Er, der durch die Hölle ­mehrerer Konzentrationslager ging, trat unermüdlich für Rechtsstaat und Demokratie ein.

Die Grünen-Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt (50) und Anton Hofreiter (46): Es ist unsere Aufgabe, diese Erinnerungen an die Grausamkeiten des Nazi-Regimes wachzuhalten.

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau: Die Gedenkstätte und ihre Mitarbeiter trauern um einen guten Freund. Sein Tod wird eine große Lücke reißen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (62), die 2013 mit Mannheimer das KZ Dachau besuchte:  Wir schulden ihm Dank. Mannheimer war ein Mahner gegen das Vergessen und großer Versöhner.

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