Ist das erst der Anfang?

Offener Rassismus nach Trump-Wahl: Angst vor dunklem Amerika

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Gegner von Donald Trump halten am 31.08.2016 in Norwalk, USA, ein Schild mit der Aufforderung "Hupe gegen Hass" und eine aufblasbare Puppe, die Donald Trump darstellt, in die Höhe.

Washington - In den Tagen nach der Wahl zeigt sich in den USA offener Rassismus. Regenbogenflaggen brennen, an Wänden prangen Hakenkreuze. Und manche fürchten, dass das erst der Anfang ist.

Während rechte Nationalisten in sozialen Netzwerken den Siegvon Donald Trump feierten, beließen es andere nicht mehr nur bei Worten. In den Tagen nach der Wahl häuften sich in den USA Meldungen über Hasskriminalität. Aktivisten und Menschenrechtsorganisationen berichteten von mehr Angriffen auf Muslime und Einwanderer. „Hate“, Hass, prangerten Trump-Gegner auf Plakaten an.

Schwarze, Schwule und Lesben schrieben auf Twitter und Facebook von Drohungen und Übergriffen. In Philadelphia tauchten zwei Hakenkreuze an einem Geschäft auf. In Rochester in New Hampshire brannten Regenbogenflaggen. In einem Dorf im Bundesstaat New York fanden Anwohner ein Graffiti mit der Aufschrift „Macht Amerika wieder weiß“, auch dort prangte ein Hakenkreuz.

Unter all das mischt sich die Furcht, dass da noch mehr kommen könnte. „Wir sehen, dass die Rhetorik gegen Mitglieder der LGBT-Community schlimmer wird“, sagt Erica Lachowitz, eine Transfrau aus Charlotte in North Carolina. „Ich bin nervös.“ LGBT steht für die englischen Begriffe Lesbian (lesbisch), Gay (schwul), Bi (bisexuell) und Trans.

Harry Reid, der scheidende demokratische Fraktionschef, beschrieb diese Furcht in Teilen der Gesellschaft mit deutlichen Worten. „Ich habe in den vergangenen 48 Stunden mehr Geschichten von Amerikanern gehört, die Angst vor ihrer eigenen Regierung und ihren Mitbürgern haben, als das in fünf Jahrzehnten in der Politik der Fall war.“

Es seien Geschichten von hispanischen Familien, die Angst hätten, auseinander gerissen zu werden. Von muslimischen Frauen, die sich nicht trauten, Kopftuch zu tragen, Schwulen und lesbischen Paaren, die auf der Straße beschimpft würden. Von Kindern, die mitten in der Nacht aufwachten, aus Sorge, ihre Eltern könnten abgeschoben werden. „Ihre Angst ist total rational, weil Trump offen darüber gesprochen hat, schlimme Dinge mit ihnen zu machen“, sagt Reid.

Die Worte des Senators stechen auch deshalb heraus, weil in den politischen Reihen derzeit viele Vertreter um Schadensbegrenzung bemüht sind. Trumps Kritiker sind leiser geworden. Es macht sich der Tenor breit, man müsse erst einmal abwarten, ob der Republikaner als Präsident das tun werde, was er als Kandidat versprochen hat. Die Führungsfiguren seiner Partei stellten sich demonstrativ hinter ihn. Der Linke Bernie Sanders bot ihm seine Zusammenarbeit an, um für die Arbeiterschaft und gegen Handelsabkommen zu kämpfen.

„Trump hat sich in einer Kloake von Hass und Extremismus gesuhlt“

Aber es gibt auch Stimmen, die mahnen, man dürfe nicht vergessen, was Trump während des Wahlkampfes alles von sich gegeben habe. „Der Punkt ist, dass wir uns plötzlich mit einem Präsidenten wiederfinden, der sich in einer Kloake von Hass und Extremismus gesuhlt hat“, meint Richard Cohen, Präsident der Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center. „Weiße Nationalisten, die seine Kandidatur unterstützt haben, überschlagen sich vor Begeisterung. Sie glauben, dass sie jetzt ihren Mann im Weißen Haus haben.“

Der Ex-Ku-Klux-Klan-Anführer David Duke rief in den Tagen nach der Wahl bei Twitter dazu auf, die Medien zu vernichten. Andersdenkende bezeichnete er als Parasiten. Der Neonazi Andrew Anglin forderte seine Anhänger offen dazu auf, Ausländer zu beschimpfen und zu beleidigen. Der Ku-Klux-Klan will in Raleigh (North Carolina) demonstrieren, um Trumps Sieg zu feiern.

„Aber es sind nicht nur Sieg Heil brüllende Nazis oder Kreuze verbrennende Klanmänner, über die die Amerikaner besorgt sein sollten“, meint Cohen. „Es sind auch die höflichen, Anzug tragenden Extremisten, die sich in Kreisen des politischen Mainstream bewegen und mit Trump unter einer Decke stecken.“ Der Republikaner habe versprochen, ein Präsident für alle Bürger zu sein, so Cohen. „Wenn er das wirklich ernst meint, sollte er den Extremisten unmissverständlich klar machen, dass sie keine Stimme und keinen Platz haben in seiner Administration.“

Wachsende Ängste auch unter Amerikas Muslimen

„Ich habe solche Angst um meine Eltern“, sagt die junge Frau, eine Amerikanerin mit syrischen Wurzeln. Sie lebt in einem Bundesstaat im mittleren Westen, der bei den Wahlen am Dienstag für Donald Trump gestimmt hat. „Mein Vater kann nicht wieder zum Flüchtling werden. Wenn wir von hier wieder wegziehen, würde ihn das umbringen“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte.

Wie andere Muslime befürchtet sie, dass es in Zukunft zu vermehrter Gewalt gegen Einwanderer kommen könnte. Freunde hätten vorgeschlagen, dass muslimische Frauen ihre religiösen Kopfbedeckungen abnehmen sollten, damit man sie auf der Straße nicht als Musliminnen erkennen könnte.

Auch in sozialen Medien berichten muslimische Frauen davon: Ihre Mutter habe angerufen und sie angefleht, den Hidschab abzunehmen, schrieb eine Userin auf Twitter. Nicht-Muslime boten muslimischen Freunden an, sie nach Hause zu begleiten, wenn sie Angst hätten.

Diese Sorgen gründen sich unter anderem auf Aussagen Trumps. Im vergangenen Dezember hatte der damalige Präsidentschaftsbewerber ein totales Einreiseverbot für Muslime gefordert. Liberale US-Bürger, aber auch Republikaner, reagierten empört. Im Juli schwächte Trump seine Forderungen ab: Die Regierung müsse umgehend die Einwanderung aus Ländern stoppen, die von Terrorismus betroffen seien, sagte er. Diese Beschränkungen sollen seiner Ansicht nach bestehen bleiben, bis tiefgreifende Prüfungsmechanismen für potenzielle Einwanderer eingeführt sind.

Unterstützer des Republikaners argumentierten damals, es gehe um die Herkunftsländer der Menschen und nicht um deren Religion. Wenige Wochen später heizte Trumps Sohn Donald Jr. die Debatte mit einem umstrittenen Tweet wieder an. Er postete ein Bild von einer Schale mit bunten Bonbons und der Frage, ob die Menschen auch zugreifen würden, wenn sie wüssten, dass drei der Bonbons tödlich seien. „Das ist unser Problem mit syrischen Flüchtlingen“, schrieb der 38-Jährige weiter.

Mit dem Wahlergebnis befassen sich nun auch Nahost-Experten. Eine Frage ist zum Beispiel, wer in der kommenden Regierung Einfluss haben wird. Pragmatiker oder extreme Stimmen wie etwa der frühere Chef des rassistischen Ku-Klux-Klan, David Duke, der Trump zum Wahlsieg gratulierte.

Die Wahl hat aus Sicht des Islam-Experten Shadi Hamid von der US-Denkfabrik „Brookings Institution“ weitreichende Auswirkungen. „Für viele von uns war das nicht nur normale Politik. Es ging um die Sicherheit unserer Familien und Gemeinden. Deswegen ist es so beängstigend“, schreibt er auf Twitter. Er mache sich Sorgen um seine Eltern. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich über Politik geweint.“

dpa

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