Heftige Reaktionen weltweit

"Ein politisches Erdbeben": Pressestimmen zum Brexit

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Brexit: Die Sensation ist perfekt. Viele Briten starteten am Freitag mit gemischten Gefühlen in eine EU-freie Zukunft.

Berlin - Das Presseecho auf das britische Votum zum Austritt aus der EU ist enorm. Viele Kommentatoren der Zeitungen sehen die europäische Einheit in Gefahr und kritisieren Cameron.

Einige warnen vor einem Dominoeffekt, andere glauben an eine Chance für Europa. Ein Überblick mit Stimmen aus Deutschland, der EU und weltweit.

DEUTSCHLAND:

„Bild.de“: „Brexokalypse now? Die Briten gehen raus aus der EU - ein schwarzer Tag für Europa! Zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union verabschiedet sich ein Mitglied aus dem Club - und dann noch ein Schwergewicht.“

„Zeit Online“: „Es ist das Ende des Europas, das wir kennen. Der Beginn einer neuen populistischen Ära. (...) Der Sieg der Brexisten ist ein Sieg der Antipolitik gegen die Elite. Ein Triumph ihrer Lügen über seriöse Berechnungen. Ein Votum gegen das Megathema des 21. Jahrhunderts: Zuwanderung.“

„Spiegel Online“: „Keep calm and Euro on? Bloß nicht. Der britische Austritt muss der Anlass dafür sein, dass sich die Bürgerinnen und Bürger der verbliebenen Union mit aller Dramatik bewusst machen, warum es wichtig ist, zusammenzustehen - obwohl und gerade weil es so schwierig ist, sich ständig abzustimmen und Rücksicht zu nehmen auf die Interessen der anderen.“

„Süddeutsche Zeitung“: „Hinter der knappen Entscheidung der Briten steht eine Mentalität. Sie heißt: „Wir gegen die.“ Das ist eine gefährliche wirtschaftspolitische Einstellung. Sie verheißt nichts Gutes für die britische Zukunft - und sie gefährdet weltweit Wohlstand.“

„FAZ“: „Jetzt beginnt die Debatte über Großbritannien. Und die über die Europäische Union. Doch ebenso wichtig ist eine Debatte über das Verhältnis zwischen Bürgern und Eliten. Das muss noch ganz anders gekittet werden als mit einem EU-Austritt.“

„Hamburger Abendblatt“: „Es gehört zur Wahrheit, dass sich die (Europäische) Union in ihrer Expansion überdehnt hat, die Idee wirkt ausgeleiert. Und sie hat beim Integrationstempo viele Menschen überfordert. (...) Wir brauchen nicht mehr Europa, sondern zunächst ein besseres Europa. Europa wird nicht als Superstaat gelingen, sondern als Bündnis souveräner Länder.“

„Rheinische Post“: „Die Briten haben Deutschland im Abwehrkampf gegen Zentralisten und Umverteiler in der EU stets unterstützt. Ihre liberale Stimme in der EU geht nun verloren. Deutschland steht künftig weitgehend allein gegen Frankreich, Spanien, Italien und andere Südosteuropäer, die aus Deutschland Transferzahlungen erhalten, gleichzeitig aber in einer EU-Wirtschaftsregierung den Kurs der Politik lenken wollen.“

FRANKREICH:

„Le Monde“: „Man kann meinen, dass (David) Cameron ein sehr schlechter Verteidiger der Union war - der konservative Regierungschef ist grundsätzlich ein Euroskeptiker, der nur sehr selten ein gutes Wort für die EU übrig hat. Man kann glauben, dass die Briten ein enormes Risiko auf sich nehmen. Es ist jetzt ihre Sache, sie haben sich entschieden, auf demokratische Weise. Sie haben ein Ende gesetzt nach 43 Jahren der Teilnahme an einem europäischen Projet, das ihnen nicht schlecht bekommen ist. (...) Europa steckt einen Rückschlag historischen Ausmaßes ein. Die 27 (verbleibenden EU-Staaten) können nicht anders als Konsequenzen zu ziehen. Das Schlimmste wäre, weiterzumachen wie bisher, mit einer Dynamik, die - ob zu recht oder zu unrecht - eher EU-Skeptizismus als EU-Enthusiasmus erzeugt.“

POLEN:

„Gazeta Wyborcza“: „Hat der Brexit die schlimmste Krise der EU hervorgebracht? Wenn die EU die Angst vor den Populisten abschüttelt, beschleunigt sich die Integration vor allem im Kreis der Euro-Länder. Polen, das den Zloty beibehielt, bleibt außerhalb des harten Kerns. Nach den Schockwellen der nächsten Tage oder Wochen werden die Erschütterungen nicht mehr so gewaltig sein, aber die europäische Integration ist nicht länger unumkehrbar. Das riecht nach einem Domino-Effekt. Der Brexit wird die Populisten anderer Länder beflügeln.“

SPANIEN:

„El País“: „Der Brexit bedeutet einen enormen Rückschlag für das Projekt der europäischen Einigung. Die EU befindet sich jetzt in einem ähnlichen Zustand wie Großbritannien 1973 bei seinem Beitritt: Sie wirkt verloren, desorientiert, von den Ereignissen überrollt und ohne klaren Plan für die Zukunft. Nachdem die EU in den vergangenen Jahren mehrere Mitgliedsstaaten vor der Pleite bewahrt hatte, muss jetzt möglichst rasch das europäische Projekt gerettet werden.“

„El Mundo“: „Der Brexit ist ein Akt der Verantwortungslosigkeit. Die Folgen werden 300 Millionen EU-Bürger ausbaden, die nicht abstimmen durften. Der britische Premier David Cameron brachte seinem Land völlig unnötigerweise ein großes Problem ein und erließ die Fundamente der EU erschüttern. Er hatte das Referendum angesetzt, um durch eine Flucht nach vorne seine Führungsposition bei den Konservativen zu behaupten. Der Brexit schwächt Briten und andere Europäer. Es wird nicht lange dauern, bis die Briten ihre irrationale Entscheidung bereuen werden.“

„El Periódico“: „Beim Brexit hat sich der antieuropäische Nationalismus der tiefen Provinz in England durchgesetzt, der mit der Fremdenfeindlichkeit einhergeht. Die Schuld für das Ende des europäischen Traums tragen aber andere. Die bürokratischen Exzesse, das Defizit an Demokratie, die unmenschliche Behandlung der Flüchtlinge und der Aufstieg einer extremen Rechten illustrieren das Scheitern eines Projekts.“

ÖSTERREICH:

„Die Presse“: „Sie haben es also doch getan. Die Briten haben die Reißleine gezogen, allen Warnungen von Ökonomen zum Trotz. Die wirtschaftlichen Folgen werden nicht nur auf der Insel lange zu spüren sein. London ist nur das Epizentrum eines Erdbebens. Zuerst erschütterte es die Börsen. Die Indizes rasselten im Schnitt um zehn Prozent hinunter. Das ist der Anfang. Die kommenden Tage und Wochen werden an den Finanzmärkten mehr als turbulent. Noch bleibt die Frage: Ist es ein Schwarzer Freitag für die Finanzmärkte oder erwischt das Beben neuerlich die sogenannte Realwirtschaft?“

„Der Standard“: „Das Pro-Brexit-Lager mag nun also nach dem definitiven Opt-out getrost ein neues Imperium aus Großmacht-Reminiszenzen und nationalen Fantastereien der Eigenständigkeit in einer globalisierten Welt errichten. An Brüssel liegt es währenddessen, London klarzumachen, dass draußen tatsächlich auch draußen meint - und zwar vor allem bei der Personen-, Kapital- und Warenfreiheit, dem Binnenmarkt also. Dabei geht es nicht darum, den Briten zu schaden. Vielmehr ist es nötig, den verbleibenden 27 Mitgliedern vor Augen zu führen, dass die Union eine politische Solidargemeinschaft und kein Selbstbedienungsladen vaterländischer Marodeure ist.“

GRIECHENLAND:

„Kathimerini“: „Die Stärke Europas ist die Einheit. Alles Andere (wie der Brexit) sind Fantasien eines Fieberwahns. Das „Klein-England“ wird - besonders wenn Schottland gehen würde- außerhalb Europas viel weniger Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Aber auch für Europa ist der Schlag enorm. Die Populisten aller Art jubeln und fordern auch Volksabstimmungen. Wenn Europa nicht bald Maßnahmen trifft, die die Nachricht der Einigung entsenden, wie die Banken Union, die Vertiefung des gemeinsamen Marktes und die Überwindung des Dogmas der Austerität ohne Ende, dann wird der Brexit der erste Schritt in die Richtung der Auflösung der EU sein.“

SLOWAKEI:

„Pravda“: „Ihren Tag des Sieges feiern die Lügner und diejenigen, die mit Fakten und Zahlen jonglieren. Das Vereinigte Königreich ist heute gespalten. Und wenn wir nicht aufpassen, kann auch der Rest Europas ebenso gespalten sein. Nämlich dann, wenn wir auf den Brexit nicht rasch und richtig reagieren. - Aber wie, das weiß im Augenblick noch niemand so wirklich.“

Schweden

„Dagens Nyheter“: „Was wir erleben, ist ein politisches Erdbeben, von dessen Folgen wir nur den Anfang gesehen haben. (...) Dies ist ein tragischer Moment für alle, die ein offenes, demokratisches Europa erhalten wollen, das durch Zusammenhalt gekennzeichnet ist. Das Dramatischste ist eingetreten. Mögen die Folgen für die Welt so glimpflich wie möglich sein.“

DÄNEMARK:

„Berlingske“: „Cameron hat sicherlich geglaubt, dass er das Referendum gewinnen wird. Schließlich hatte er im Jahr zuvor die schottische Abstimmung über ihre Unabhängigkeit gewonnen. Nun rechnete er damit, das Manöver zu wiederholen. Doch das konnte er nicht. Man könnte denken, dass er jetzt den Preis für seine eigene Machtgier bezahlen muss: Das, was ihn an die Macht gebracht hat, hat ihn nun gestürzt. (.) Eine Lehre sollte sein, dass man sich als Politiker niemals von seinem Erfolg so sehr blenden lassen sollte, dass man glaubt, dass man gegen die Gegner gewinnen kann, indem man ihre Politik weiterführt.“

NORWEGEN:

Aftenposten“: „Großbritanniens Rückzug ist eindeutig eine Krise vom schlimmsten Kaliber. Krisentreffen werden folgen. Das Ende ist ungewiss. (...) Aber diese Krise ist auch eine Chance, die Partnerschaft wieder neu zu erfinden, einen Neustart zu machen, zu definieren, was die Europäische Union wirklich sein soll.“

SCHWEIZ:

„Tages-Anzeiger“: „Die unangenehme Wahrheit ist, dass niemand wirklich sagen kann, wie es weitergeht, weil so viele Entwicklungen möglich geworden sind. Das allein ist eine Katastrophe nicht nur für Großbritannien, sondern auch aus Sicht der Schweizer Wirtschaft.“

„Neue Zürcher Zeitung“: „Die lange, wechselvolle Geschichte der Beziehung Großbritanniens mit dem europäischen Einigungsprojekt endet mit einer Scheidung. Was diesem Sprung ins Ungewisse nach dem knappen Volksentscheid folgen wird, steht in keinem Drehbuch. Denn für sicher gelten kann momentan nur die durch den Brexit verursachte Verunsicherung.“

"Was haben wir nur getan?" Presse-Schlagzeilen zum Brexit

INDIEN:

„Economic Times“: „Großbritannien hat abgestimmt, die EU zu verlassen. Das ist schlecht für London als Finanzzentrum, Großbritannien im Allgemeinen, die EU, die Weltwirtschaft und die Währungsstabilität. Indische Firmen, die in Großbritannien investiert haben, um es als Brücke nach Europa zu benutzen, werden Prügel einstecken. (...) Populistische Politik ist die Grundlage von Euroskeptizismus und hat den britischen Premierminister Cameron dazu gebracht, ein Referendum zum Verlassen der EU zu versprechen. Die Stimmung ist populistisch in ganz Amerika und Europa.“

VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE:

„The Nation“: „Dass so ein so großer Teil der Wählerschaft, 72 Prozent, an dem Referendum teilgenommen hat, verdient Respekt. Dasselbe kann über die Kampagne selbst nicht gesagt werden. Kaum jemals in der politischen Geschichte kann es eine Debatte auf einem so jämmerlich niedrigen Niveau gegeben haben, mit Beleidigungen, Panikmache und Übertreibung, die an die Stelle einer rationalen Diskussion traten. Keine der beiden Seiten ging daraus mit hohem Ansehen hervor.“

dpa

Alle News zum Brexit lesen sie hier in unserem Live-Ticker

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