Ihm gelang der Ausstieg

Ahmad packt aus: "Ich war ein Islamist"

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Ahmad Mansour als junger Mann (o.). Mit 13 Jahren verfiel Mansour dem radikalen Islamismus, schaffte während seines Studiums aber den Ausstieg

München - Der islamistische Terror versetzt seit vielen Jahren die Welt in Angst. Ahmad Mansour war Islamist. Wie es dazu kam und wie er es schaffte, auszusteigen, erzählt er der tz.

Tira. Eine kleine Stadt nördlich von Tel Aviv in Israel. 25 000 Einwohner, die Mehrheit von ihnen muslimische Araber. Einer der Söhne der Stadt ist Ahmad Mansour. 1976 wurde er dort geboren, heute lebt er in Berlin. Er ist Psychologe und einer der führenden Experten für Islamismus in Deutschland. Als Programme Director der European Foundation for Democracy in Brüssel setzt er sich für Initiativen gegen Radikalisierung ein. Sein Auftrag: verhindern, dass sich junge Menschen in Deutschland dem radikalen Islamismus verschreiben. Und Mansour weiß genau, wovon er spricht. Denn er geriet in die Fänge radikaler Seelenfänger und sagt heute: „Ich war Islamist.“ Doch ihm gelang der Absprung.

Heute lebt und arbeitet der ­Psychologe Mansour in Berlin.

„Eigentlich habe ich nicht die Religion gesucht“, erklärt Mansour im Gespräch mit der tz. Er suchte etwas anderes: „Ich wurde in der Schule gemobbt, ich war unzufrieden und hatte Ängste, ob ich irgendwann aus diesen Zuständen ausbrechen kann.“ Da war er 13 Jahre alt. Aufgewachsen sei er in „einer sehr patriarchalischen Familie“, in der Religion zwar vorhanden war, aber keine große Rolle spielte. Als der Sohn die Religion entdeckte, wollte der Vater ihn sogar davon abhalten. Doch der Drang, die Suche nach Befreiung aus der persönlichen Krise waren größer.

Der radikale Islam bietet Struktur

Die Suche endete in der Koranschule. Sein Ara­bisch­­­lehrer war gleichzeitig der Imam und eins führte zum anderen: „Er hat mich quasi auserwählt und mir Angebote gemacht“, sagt Mansour. Aussicht auf Freundschaften, die Auseinandersetzung mit der Religion, Struktur. Was Mansour suchte, das fand er dort: „Ich hatte Aufgaben. Vorher hatte ich kein Selbstwertgefühl, doch auf einmal wurde ich religiöser und die Menschen hatten sogar Angst vor mir.“ In ihm kam ein elitäres Gefühl auf, und aus der Isolation wuchs der einstmals gemobbte Schüler in eine Gemeinschaft hinein, in der er respektiert wurde. Ein Paradebeispiel für den Weg in den radikalen Islamismus.

Die Monate vergingen und der Strudel wurde stärker: „Zuerst ging es um Spaß, dann hat der schleichende Prozess begonnen. Ich fing an, öfter zu beten und gegen mich selbst zu kämpfen“, sagt Mansour. Er habe aufgehört, Frauen anzuschauen, aus dem Koranunterricht wurde Ideologieunterricht: „Es ging uns darum, die Welt zu be­herrschen. Juden, Christen, Kom­munisten, Nationalisten. Feindbilder, die den Islam bekämpfen wollten. Ich begann die Welt in Schwarz und Weiß zu sehen.“ Gleiches passiert auch heute in Deutschland.

Religion ersetzt Alltag, Familie und Freunde

Viele Jugendliche, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, geraten in den Strudel der Radikalisierung. Weil sie dort das finden, was der Alltag, die Familie und Freunde ihnen nicht geben können oder wollen. Dagegen setzt sich der heutige Psychologe Mansour ein: „Es geht nicht nur um den IS oder die Attentäter. Jugendliche in Deutschland, die beispiels­wei­se Gleich­berechtigung ablehnen, die nicht kritisch denken wollen und deren Herzen und Mittelpunkte nicht in Deutschland sind – das ist problematisch. Wir müssen jene dann wieder für uns gewinnen“, appelliert er eindringlich.

Ahmad Mansour als Teenager beim Beten in der Moschee in seiner Heimatstadt Tira.

Doch hat einen der Strudel einmal erfasst, lässt er so schnell nicht los, weiß Mansour: „Ich hielt es damals für das Richtige.“ Angstpä­dagogik trage einen großen Teil dazu bei, betont er: „Angst vor dem Tod und vor der Hölle. Das spielt im Islam eine wichtige Rolle.“ Die Botschaft dahinter: Entweder du lebst nach den Richtlinien des Korans, oder du landest in der Hölle. Jene Angstpädagogik musste der damals 13-Jährige über sich ergehen lassen. Eines Nachts ging es mit dem Imam und den anderen Jugendlichen auf einen Friedhof. Zu einem leeren Grab. Jeder Jugendliche musste sich, einer nach dem anderen, in das Grab legen. „Seht, das ist eure Zukunft, dort werdet ihr enden“, sagte der Imam.

Mansour: "Ich hatte unglaubliche Angst"

„Ich hatte unglaubliche Angst“, gesteht Mansour. „Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich irgendwann sterben werde. Und ich wollte danach alles tun, um von Gott belohnt zu werden, wenn es so weit sein sollte.“ Dabei habe der Gedanke, Gewalt anzuwenden, für ihn selber nie eine Rolle gespielt. Dennoch: Die Manipulation wirkte. Emotionalität besiegte Rationalität. Vorübergehend. Denn Man­sour gelang der Absprung. Raus aus dem radikalen Denken. Und noch mehr. Er wechselte quasi die Seiten.

Zunächst waren die Zweifel klein, schwelend. Er stellte den Imam infrage, der Gerechtigkeit predigte, aber seiner Schwester das Erbe verweigerte. Entscheidend war sein Studium in Tel Aviv. „Ich lernte eine vollkommen neue Welt kennen, und das hat mich fasziniert. Alles, was vorher in meine Feindbilder gepresst wurde, hat mich nun interessiert.“ Dennoch habe der Prozess sehr lange gedauert. Er kämpfte mit sich selbst, wollte die aufkeimende Neugier auf das Neue in sich abstellen. Doch sie war größer. Und er schloss mit seiner alten islamistischen Gruppe ab: „Das Studium und meine Neugier haben mich gerettet“, sagt er heute. Als er auf den Straßen von Tel Aviv auch noch Zeuge und fast Opfer eines Anschlages wurde, war ihm klar: „In diesem Krieg will ich nicht sterben.“

Mansour: "Ich bekomme konkrete Drohungen"

Er verließ Israel, Richtung Deutschland. Und landete in Berlin, wo er seit über zehn Jahren lebt und arbeitet. Und sich gegen das einsetzt, was er am eigenen Leib erfahren hat. Er kämpft für Demokratie und Gleichberechtigung und gegen Radikalisierung, Unterdrückung im Namen der Ehre und Antisemitismus in der muslimischen Community. In verschiedenen Projekten kommt er immer wieder mit gefährdeten Jugendlichen in Kontakt und ist als Experte häufiger Gast in Talk-shows. Seine Arbeit gefällt nicht jedem. „Ich bekomme konkrete Drohungen“, sagt Mansour. Da wird ihm unterstellt, er wolle den Islam bekämpfen, ihn zerstören, Das aber ist nicht sein Credo. Er setzt sich für ein vernünftiges Islamverständnis, eine innere Reform des Islam ein. Körperlich seien die Drohungen aber bisher noch nicht geworden, erklärt er. Dennoch: „In diesem Bereich zu arbeiten, ist nicht einfach.“

Ab und zu fährt er auch zurück nach Tira. Wenn die Sehnsucht nach Heimat und Familie ihn übermannt. Die alte islamistische Gruppe existiert noch – auf ihn reagieren sie abweisend. Auf jenen Sohn der Stadt, der aus dem „Hamsterrad“ ausbrechen konnte, wie Mansour es selber aus­drückt. Ein Islamist? Das war einmal.

Dominik Laska

Ahmad Mansour: „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen ­Extremismus umdenken müssen“, S. Fischer Verlag, 19,99 ­Euro

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