Radikal, aber nicht verloren

Radikalisierung: So kümmert sich das LKA um gefährdete Jugendliche

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Religiös oder extremistisch? Vor allem junge Männer sind anfällig für salafistische Botschaften. Bayerische Beratungsstellen versuchen, ihnen zu helfen.

München - Würzburg verunsichert. Hat die Politik die Radikalisierung junger Muslime nicht ernst genug genommen? Tatsächlich passiert einiges, um Lebenswege wie den des Würzburger Attentäters zu verhindern. Die Erfolgsquoten, sagen die Verantwortlichen, lassen hoffen.

Sicherheitsrelevant. Wenn dieses Wort fällt, schaltet sich das Landeskriminalamt (LKA) ein – aber das ist die Ausnahme. „Wir kommen ganz gut an die gefährdeten Jugendlichen ran“, sagt Thomas Mücke, 58. Es braucht vor allem: Geduld.

Mücke ist Geschäftsführer des Violence Prevention Network (VPN), einer bundesweit aktiven Beratungsstelle für Extremismus aller Art. Die drei Mitarbeiter der bayerischen Zweigstelle in München kümmern sich aber vor allem um jene Jugendlichen in Bayern, die auf dem Weg sind, in die salafistische Szene abzurutschen. Darunter sind auch ein paar wenige Flüchtlinge. Mücke betont: „Sie fallen uns wirklich nicht als besondere Problemgruppe auf.“

Meist haben die Berater Eltern am Telefon. „Die merken zuerst, wenn sich etwas an ihrem Kind verändert hat“, sagt Mücke. Dieses Etwas ist nicht immer gleich. Manche fallen plötzlich durch ein radikales Schwarz-Weiß-Denken auf, andere schimpfen offen auf die Demokratie. Es kommt vor, dass Söhne ihren Vätern vorwerfen, keine richtigen Muslime zu sein. Am Ende, sagt Mücke, gleichen sich die Fälle dann doch: „Die Eltern können nicht mehr mit ihren Kindern reden.“

Die Beratungsstelle in Bayern ist jung, seit April diesen Jahres wird sie vom ebenfalls noch jungen Kompetenzzentrum für Deradikalisierung finanziert, das beim LKA angesiedelt ist. Das koordiniert die Präventionsarbeit in ganz Bayern. Zwei Mal im Monat setzen sich die LKA-Leute um Leiter Holger Schmidt, 42, und die Pädagogen zusammen und besprechen die neuen Fälle. „Das passiert anonymisiert“, sagt Schmidt. „Anhand der Schilderungen entscheiden wir dann, ob Sicherheitsrelevanz vorliegt.“ Das ist zum Beispiel so, wenn einer der Jugendlichen Gewaltphantasien oder konkrete Ausreisepläne – etwa nach Syrien – hat.

Thomas Mückes Mitarbeiter kümmern sich bayernweit um knapp 50 junge Erwachsene. Sie sind meist 21, 22 Jahre alt, kommen aus Ballungsräumen wie München. Auffällig oft sind es Konvertiten aus christlichen Familien. „Das ist eine bayerische Besonderheit“, sagt Mücke. Erklären kann er es sich aber nicht.

Die intensivsten und auch die mühsamsten Fälle sind jene, die das Etikett „sicherheitsrelevant“ tragen; es sind etwa die Hälfte der 50. Bei ihnen ist jeder Versuch, über die Eltern oder den Freundeskreis einen Zugang zu bekommen, gescheitert. Die Berater des Violence Prevention Network werden dann zu Streetworkern. Mücke sagt: „Wir gehen direkt auf den Jugendlichen zu. Wir belehren ihn nicht, sondern geben ihm die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Wir müssen es langsam schaffen, dass er auf uns neugierig wird. Und wir schaffen es.“

Die Erfolgsquote lässt sich nicht in einer Zahl darstellen. Aber laut Mücke ist sie überraschend hoch. „Und deutlich höher als im Bereich des Rechtsextremismus.“ In den meisten Fällen schafften es die VPN-Pädagogen, die Jugendlichen aus dem salafistischen Milieu herauszubekommen. Das dauert. Eine Turbo-Entradikalisierung gibt es nicht – genauso wenig wie eine Turbo-Radikalisierung, das jedenfalls sagt Mückes Erfahrung. Deshalb glaubt er auch im Falle des Würzburger Attentäters, Riaz Khan Ahmadzai, nicht an eine Radikalisierung von heute auf morgen.

Aktuell hat die bayerische Beratungsstelle drei feste Mitarbeiter, ein vierter soll bald hinzukommen. Möglicherweise wird sie weiter wachsen, in jedem Fall sucht man gerade ein neues, größeres Büro. Das Thema gewinnt jedenfalls auch in Bayern an Bedeutung – davon sind Mütze und LKA-Mann Schmidt überzeugt.

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