Jetzt geht's an die Reserven des Planeten

Ressourcen verbraucht: Ab heute lebt die Welt auf Pump!

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Plastikabfall, der die Meere vermüllt, Kohlendioxid, das den Treibhauseffekt verstärkt: Die Erde leidet.

München - Wir leben auf zu großem Fuß! Nach den Berechnungen von Umweltorganisationen hat die Weltbevölkerung 2016 bereits mehr Ressourcen für Nahrung, Wasser oder Energie verbraucht, als die Erde im ganzen Jahr regenerieren kann.

 Für den Rest des Jahres lebt die Menschheit auf Pump! Das heißt: Von den Reserven des Planeten. Das teilt die Umweltstiftung WWF mit. Damit ist das Öko-Konto noch ein wenig früher ins Minus gerutscht als 2015, als die Ressourcen bis zum 13. August reichten. Der immer zügellosere Verbrauch – die Überfischung der Ozeane, die Rodung der Wälder und der hohe Kohlendioxid-Ausstoß – haben fatale Folgen: ­Artensterben und Klimawandel. Wie wird der Earth Overshoot Day (oder Erdüberlastungstag, wie er bei uns heißt) errechnet, wie schneidet Deutschland im Vergleich ab und welche Schlüsse zieht die Politik aus den ­Ergebnissen?

Die Hintergründe

Der Erdüberlastungstag wird vom Globel Footprint Network jedes Jahr neu berechnet. Dabei wird der gesamt Bedarf an nutzbaren natürlichen Ressourcen von Wäldern, Flächen, Wasser, Ackerland und Tieren, den die Menschen für ihre Lebens- und Wirtschaftweise brauchen, den biologischen Kapazitäten der Erde, Ressourcen aufzubauen sowie Abfälle und Emissionen aufzunehmen, gegenübergestellt. Insgesamt werden dafür 6000 Datenpunkte pro Land erfasst.

Wie ist die Situation in Deutschland: Global betrachtet bräuchte die gesamte Weltbevölkerung derzeit 1,6 Erden, um ihren Bedarf nachhaltig zu decken. Würden alle Länder so wirtschaften wie die Länder der Europäischen Union wären insgesamt 2,8 Erden nötig. Und wenn sich unser Lebensstil weltweit durchsetzen würde, wären es sogar 3,1. Damit liegt Deutschland auf Rang 36 (im weltweiten Vergleich von 187 Staaten). Aufs Datum bezogen heißt das: Deutschland hat sein ökologisches Länderkonto in diesem Jahr bereits am 28. April überzogen.

Kohlendioxid-Emissionen (Rang 27): In Deutschland wurden 2014 9,86 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf ausgestossen, insgesamt 789 Millionen Tonnen. Der weltweite Durchschnitt liegt bei etwa der Hälfte – 4,9 Tonnen/Kopf. Durchschnittlich bindet ein Hektar Wald in Deutschland jährlich etwa zehn Tonnen Kohlendioxid. Bei einer Waldfläche von 11,4 Millionen Hektar in Deutschland kann unser Wald nur rund 15 Prozent der Deutschen Kohlendioxid-Emissionen aufnehmen!

Ackerland-Weideland (Rang 13): Deutschland benötigt für die Erzeugung von Agrarprodukten rund 21,659 Millionen Hektar- davon liegen 16,135 Millionen in Deutschland selbst (45% der Gesamtfläche) und weitere 5,524 Millionen Hektar im Ausland, vor allem in Südamerika. Dort wird Soja als Tierfutter für die Fleisch- und Milchproduktion angebaut. Irre: 70Prozent der benötigten Fläche verbrauchen wir für Futtermittel! Das entspricht der doppelten Fläche Bayerns. Für die Ernährung eines Menschen in Deutschland wird derzeit etwa 1,562 Quadratmeter Ackerfläche benötigt. Wäre das Ziel ein nachhaltiger Flächenverbrauch, dann würde einem Menschen im Jahr 2050 (angesichts der wachsenden Weltbevölkerung) nur noch 1,166 Quadratmeter zustehen. Das würde zum Beispiel umgerechnet eine Verringerung auf 350 Gramm Fleisch pro Person/Woche bedeuten.

Wald: Eine Deutsche verbraucht im Schnitt 1,3 Kubikmeter Holz (Bauholz/Papier/Pape, Holzwerkstoffe) im Jahr. Macht 98,16 Millionen Kubikmeter insgesamt. Dafür bräuchte man knapp 300 000 Hektar Waldfläche. Ein großer teil des benötigten Holzes wird deshalb importiert. 2015 waren es 19,5 Millionen Tonnen.

Fisch: Weltweit wird mehr fisch gefangen, als natürlich nachwachsen kann. Viele Fischbestände sind deshalb gefährdet. In Europa schon jeder zweite Bestand. Die Welternährungsorganisation FAO schlägt wegen der Lage im Mittelmeer Alarm! Dort ist der Fischfang seit 2007 im ein Drittel zurückgegangen, weil die Bestände von Sardinen und Anchovis extrem gesunken sind. 30 Prozent des unter EU-Flagge gefangenen Fisches stammt inzwischen aus nicht-europäischen Gewässern.

Bebaute Fläche: 1992 betrug in Deutschland die gesamte Siedlungs- und Verkehrsfläche rund 40 305 Quadratkilometer. 2014 waren’s bereits 48 895 Quadratkilometer - (+21 %). Davon waren 46 Prozent versiegelt.

Wie bewerten Experten die Zahlen? „Seit über dreißig Jahren häufen wir jährlich bei den Ressourcen neue Schulden an“, warnt WWF-Vorstand Eberhard Brandes. „Wir müssen endlich einen Weg finden, in den natürlichen Grenzen unseres Planeten zu leben und zu wirtschaften. Das ist die größte Herausforderung unserer Zeit.“ Die Folgen der Konten-Überziehung in den Industriestaaten seien schon zu spüren, bilanzieren Umweltschützer. So sei die biologische Vielfalt in den letzten 40 Jahren stark zurückgegangen. Im Durchschnitt habe sich die Anzahl der untersuchten Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische halbiert. Dazu komme Wassermangel, Meeresverschmutzung und der Klimawandel, der zu mehr Überschwemmungen oder Dürren führe.

Was sagt die Politik? Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) forderte in der Landwirtschaft und im Verkehrssektor ein Umdenken hin zu mehr Nachhaltigkeit. „Mit der Energiewende zeigen wir, dass eine Entwicklung möglich ist, die die Belastungsgrenzen unserer Erde respektiert“, so Hendricks. „Jetzt kommt es darauf an, auch in der Verkehrspolitik und der Landwirtschaft die Wende zu organisieren.“ Zugleich mahnte sie: „Wir dürfen nicht länger auf Kosten der Armen und auf Kosten nachfolgender Generationen leben.“ Die Grünen werfen der Bundesregierung Versagen vor. „Mit unserem verschwenderischen Energie- und Rohstoffverbrauch bedrohen wir die Lebensgrundlagen von uns und unseren Kindern“, sagte Fraktionschef Anton Hofreiter. „Doch Union und SPD denken nur bis zur nächsten Wahl und verschlafen die nötige Trendumkehr.“

Wer die meisten ­Ressourcen verbraucht

Wie viele Erdplaneten wir brauchen würden, wenn die Weltbevölkerung leben würde wie in .... 

Staat

Anzahl

Australien

5,4

USA

4,8

Schweiz

3,3

Südkorea

3,3

Russland

3,3

Deutschland

3,1

Frankreich

3,0

Großbritannien.

2,9

Japan

2,9

Italien

2,7

Spanien

2,1

China

2,0

Brasilien

1,8

Indien

0,7

Die Welt im Durchschnitt

1,6

tz

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