tz-Interview

Scholl-Latour zu Israel: Die USA sind unfähig in Nahost

Peter Scholl-Latour
+
Nahost-Kenner und Reporter-Legende Peter Scholl-Latour.

München - Nahost-Kenner Peter Scholl-Latour hält die USA für unfähig, im Kampf zwischen Israel und der Hamas etwas auszurichten. Im tz-Interview analysiert er den neuen Konflikt.

Die Lage in Israel und den Palästinensergebieten wird täglich ernster. Auch Schimon Peres, scheidender Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger machte keine Hoffnung auf ein baldiges Ende der Kämpfe: „Der Staat Israel verlässt sich nicht auf Glück, wir sind auf jedes Szenario vorbereitet, um unsere Bürger zu schützen. Wir wollen nicht, dass unschuldige Menschen getötet oder verletzt werden, aber es ist die Hamas, die die Bürger im Gazastreifen gefährdet, indem sie tief aus zivilen Wohngebieten Raketen schießt“. Die radikal-islamische Palästinenserorganisation hat diese geplagten Bürger aufgerufen, sich bei israelischen Luftangriffen als menschliche Schutzschilde zu postieren. Dabei hat es bis gestern Nachmittag schon 85 zivile Opfer gegeben. Die tz bat den Nahost-Experten Peter Scholl-Latour um seine Analyse.

Scholl-Latour: Iran könnte ISIS im Irak angreifen

Scholl Latour erklärt die explosive Weltlage

Peter Scholl-Latour: Das plant Putin auf der Krim

Israel rüstet sich für eine Bodenoffensive im Gazastreifen. Wird sie auf jeden Fall kommen?

Peter Scholl-Latour: Das wird wahrscheinlich ad hoc beschlossen, je nach der Situation, die sich bietet. Das Ansinnen mutet grotesk an, wenn man die Landschaft dort kennt. Das Gazagebiet ist ja winzig: Wenn Sie mit einem Panzer durchfahren, ist das eine Affäre von einer halben Stunde. Insofern ist das israelische Aufgebot disproportioniert. Aber eine Offensive wird eine neue Intifada nach sich ziehen.

Sind die Morde an den drei israelischen und dem palästinensischen Jugendlichen schuld an der Eskalation? 

Scholl-Latour: Das sind natürlich von beiden Seiten abscheuliche Taten. Wir wissen aber gar nicht, ob für die Morde an den drei jüdischen Jugendlichen tatsächlich die Hamas verantwortlich ist. Es gibt ja verschiedene Splittergruppen und Extremisten, die auch von der Hamas nicht kontrolliert werden. Die Hamas einfach als verbrecherische Organisation abzutun, ist zu einfach. Und man sollte nicht vergessen, dass inzwischen weit mehr als 50 Einwohner des Gazastreifens bei Vergeltungsschlägen umgekommen sind.

Welche Seite trägt die größere Schuld an der Gewalt? 

Scholl-Latour: Über Schuld wollen wir gar nicht reden. Da sind die Deutschen auch schlecht platziert. Die haben Schuld am Unglück der Juden und auch am Unglück der Palästinenser.

Wenn man weit zurück geht...

Scholl-Latour: So weit muss man gar nicht zurückgehen…

In diesem Konflikt hat aber doch die Hamas angefangen...

Scholl-Latour: Seit 1948 hat es dauernd Überfälle und Intifadas und Gewaltaktionen gegeben. Die ständigen Demütigungen und Schikanen haben die Situation immer wieder angeheizt.

Überrascht Sie, wie aggressiv die Hamas zuschlägt?

Scholl-Latour: Es hat die Situation entscheidend verändert, dass sich die Hamas besser verteidigen kann, als man erwartet hat. Erstaunlich, dass sie überhaupt noch so viele Raketen haben. Die müssen noch durch die Tunnels von der Sinai-Halbinsel geschleust worden sein. Diese Verbindungen sind ja durch Ägyptens Präsident General Sisi und seiner Armee­-Kamarilla geschlossen worden.

Wie groß ist die Gefahr für den Atomreaktor in Dimona? 

Scholl-Latour: Dem können die relativ harmlosen Raketen nichts anhaben.

Wie ist die Haltung der israelischen Bevölkerung gegenüber den Palästinensern?

Scholl-Latour: Es ist bedauerlich, dass viele gemäßigte und vernünftige Israelis auch radikalisiert werden – durch den Beschuss und die Hasspropaganda auf beiden Seiten.

In jüngster Zeit hatte sich Palästinenserpräsident Mahmud Abbas mit der Hamas geeinigt.

Scholl-Latour: Und statt sich darüber zu freuen, regt man sich in Israel darüber auf. Man kann nicht von Palästina erwarten, dass es in einem Zustand des Bürgerkriegs verharrt. Im Grunde wäre die Einigung eine Voraussetzung dafür gewesen, überhaupt zu einem Abkommen zu kommen.

Wer könnte noch zwischen Israel und Palästinensern vermitteln?

Scholl-Latour: Niemand. Die Amerikaner haben sich als unfähig erwiesen. Außenminister Kerry hat gesagt, Israel drohe ein Apartheidstaat zu werden – und kaum war er daheim angekommen, hat er vor der entsprechenden Lobby einen Rückzieher gemacht. Die Frage Israel und Palästina ist eine Frage des amerikanischen Wahlkampfes geworden. Es ist schlimm, dass nicht mehr rational vorgegangen wird, sondern leidenschaftlich.

Stören ausländische Friedensvermittler nur noch?

Scholl-Latour: Die USA sind nicht mehr die entscheidende Macht. Und im UN-Sicherheitsrat sitzen die fünf ständigen Mitglieder, die das Vetorecht haben. Insofern ist da gar nichts zu machen. Frieden – das ist zwischendurch allenfalls eine Illusion, der man sich hingibt.

Interview: Barbara Wimmer

Barbara Wimmer

Barbara Wimmer

E-Mail:Barbara.Wimmer@tz.de

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Wirbel um Künast-Tweet zu Würzburg-Axt-Angriff
Wirbel um Künast-Tweet zu Würzburg-Axt-Angriff
TV-Richter Alexander Hold soll Bundespräsident werden
TV-Richter Alexander Hold soll Bundespräsident werden
Türkei im Ausnahmezustand: "Habt keine Sorge"
Türkei im Ausnahmezustand: "Habt keine Sorge"
Polizei-Gewerkschaft nach Todesschuss: „Das macht keiner leichtfertig“
Polizei-Gewerkschaft nach Todesschuss: „Das macht keiner leichtfertig“

Kommentare