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Analyse: So hat Trump die US-Wahl gewonnen

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Das ist der Stand der Auszählung am Donnerstagmorgen.

Washington - Der Wahlsieg von Donald Trump ist auf eine Mischung aus Verführung, Unterschätzung und vor allem geschickter Nutzung von Ethnien zurück zu führen. So gelang die Überraschung.

Update: Seinen unaufhaltsamen Weg an die Spitze der Vereinigten Staaten hat Donald Trump trotz einiger mittelschwerer Skandale und Kommentare über Frauen recht nahtlos gemacht. Auch auf Ana Ivanovic hat er offenbar ein Auge geworfen. Bastian Schweinsteiger dürfte das nicht gefallen.

Der Unterschätzte: Von Anfang an ist Donald Trump von seiner Konkurrenz nicht ernst genommen worden.Hillary Clinton hätte sich bei Trumps Kontrahenten aus den Vorwahlen erkundigen können, um herauszufinden, dass dies ein Fehler ist. Mit allen Wassern gewaschene Polit-Profis, Senatoren und Gouverneure mussten nach und nach die Segel streichen gegen diesen ungehobelten Seiteneinsteiger, der sie vor laufender Kamera beleidigte und gleichzeitig von Wahlsieg zu Wahlsieg eilte. Als er dann auf Clinton traf, rechneten die Experten immer noch damit, dass ihm seine vulgäre Rhetorik, seine mit offensichtlichen Lügen und Beleidigungen beinahe jeder Bevölkerungsgruppe von Latinos bis hin zu Kriegsveteranen schadet. All das konnte ihm nichts anhaben und führte nur dazu, dass auch Clintons Team ihren Gegner unterschätzte.

Amerikas Wutbürger: Trump hat seine ganze Kampagne darauf aufgebaut, die Wut der von der Globalisierung abgehängten Amerikaner zu kanalisieren. Nachwahlbefragungen zeigen, dass Trump seine Wähler dazu gebracht hat, für den Kandidaten mit weniger Erfahrung und dem schlechteren Urteilsvermögen zu stimmen. Sein Trumpf: Er galt als ehrlicher und glaubwürdiger als Hillary Clinton. Trump selbst stellt klar: „Wir haben keinen Wahlkampf geführt, sondern vielmehr eine unglaubliche und großartige Bewegung von Millionen hart arbeitender Männer und Frauen, die ihr Land lieben und eine bessere, leuchtendere Zukunft für sich und ihre Familie wollen.“ Tatsächlich trat Trump nicht so sehr wie der Kandidat einer bestimmten Partei auf, sondern wie der Führer einer Widerstandsbewegung. Trump konnte damit auch klassische Wähler der Demokraten auf seine Seite ziehen. So hatte Obama jeweils 60 Prozent der Wähler mit einem Einkommen von weniger als 50 000 US-Dollar für sich begeistern können. Clinton errang in dieser Bevölkerungsgruppe nur noch 52 Prozent der Stimmen – ein verheerender Rückgang. So gelang es Trump, die traditionell demokratischen Staaten im einst industriell geprägten Mittleren Westen in eine Säule seines Triumphs zu verwandeln. Interessant: bei den reichen Amerikanern war die Entwicklung genau umgekehrt: Hier konnte Trump weniger überzeugen als die früheren republikanischen Kandidaten bei den drei vergangenen Wahlen. Schuld dafür könnte der wirtschaftliche Abschottungskurs Trumps sein, mit dem er die abgehängten Amerikaner auf seine Seite ziehen konnte.

Veränderung: Change – mit diesem Motto hatte Präsident Barack Obama vor acht Jahren den Einzug ins Weiße Haus geschafft. Auch Trump verspricht seinen Wählern Veränderung. Nur er könne „den Korruptionssumpf in Washington trockenlegen“, kündigte Trump in seinem Wahlkampf vollmundig an. Seine Konkurrentin präsentierte Trump als Beispiel für dieses „kaputte System“ Washington. Es gelang ihm, die E-Mail-Affäre zu einem der zentralen Wahlkampfthemen zu machen und dauerhaft am Köcheln zu halten. Der Erfolg: 63 Prozent der Amerikaner waren beunruhigt darüber, dass Clinton Dienst-Mails über ihren privaten Server verschickt hatte. Das Gefühl: „Die da in Washington“ haben sich den Staat unter den Nagel gerissen. So war am Ende auch wahlentscheidend, welcher Kandidat der weniger unbeliebtere war. Vorteil Trump: 27 Prozent seiner Wähler haben ihn hauptsächlich deshalb gewählt, weil sie Clinton ablehnten – umgekehrt waren es nur 20 Prozent.

Vorarbeit der Republikaner: Nicht zu unterschätzen ist die massive Vorarbeit der republikanischen Partei. Seit dem Sommer 2013 hatte die Partei dauerhaft Wahlkampfpersonal in den meistumkämpften Schlüsselstaaten stationiert. Diese Mitarbeiter waren vor allem damit beschäftigt, möglichen Wählern dabei zu helfen, sich für die Wahl registrieren zu lassen. Der Erfolg:Trump konnte viele Wähler an die Urnen bringen, die zuvor nicht zur Wahl gegangen sind.

Weiße Wahl: Die ethnische Zugehörigkeit stand bei dieser Wahl so sehr im Mittelpunkt wie selten zuvor. Die Grundlage für Trumps Sieg sind seine weißen, männlichen Wähler. Hätten nur weiße Männer gewählt, hätte Trump 63 Prozent erhalten, Clinton nur 31 Prozent. Unter den weißen Männern ohne College-Abschluss ist der Abstand sogar noch größer: 72 Prozent haben für Trump gestimmt, 23 Prozent für Clinton. Um den Vorsprung Trumps bei den weißen Amerikanern einzuholen, hätte Clinton besonders stark bei den Minderheiten punkten müssen – doch das gelang ihr nicht. Zwar stimmten Afroamerikaner (88 Prozent), Latinos (65 Prozent) und Asiaten (65 Prozent) in der Mehrzahl für Clinton – allerdings hatte Obama bei diesen Bevölkerungsgruppen deutlich stärker gepunktet.

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