Experten schlagen Alarm

Notkühlwasser vorgeheizt! So marode sind Europas Atomkraftwerke

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Zahlreiche europäische Atomkraftwerke stehen unter dem Verdacht, nicht mehr sicher zu sein. 

München - Zur Verhinderung einer Kernschmelze in Atomkraftwerken werden Reaktoren gekühlt. Doch Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des WDR zeigen, dass das Notkühlwasser häufig vorgeheizt wird - ein Zeichen für brüchige Reaktoren?

Eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk bedeutet meist den absoluten Super-Gau, wie beim schweren Unglück von Tschernobyl 1986. Verhindert werden kann eine solche Katastrophe, indem die Brennstäbe des Kraftwerkes ausreichend gekühlt werden. Doch aktuelle Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des Westdeutschen Rundfunks zeigen: Das Notkühlwasser vieler europäischer Atomkraftwerke ist schon lange nicht mehr kühl. Es wird vorgeheizt. Laut SZ und WDR wird in mindestens 18 Reaktoren in Europa vorgewärmtes Wasser verwendet. Das scheint erstmal vollkommen unlogisch, wenn man bedenkt, dass warme Temperaturen eine Kernschmelze begünstigen. Doch das Vorwärmen des Kühlungswassers hat einen Grund. 

In vielen Atomkraftwerken beeinträchtigen übermäßige Alterung und Materialfehler die Stabilität der Reaktordruckbehälter. Durch das warme Wasser soll verhindert werden, dass der stählerne Behälter, in dem sich der Reaktorkern mit den Brennelementen befindet, reißt. Ist das Wasser bei einem Störfall zu kalt, könnte es nämlich zu Rissen kommen. Die Folge: Eine Kernschmelze. 

Notkühlwasser wird vorgeheizt, um Rissen vorzubeugen

"Je länger Stahl mit Neutronen bestrahlt wird, desto spröder wird er", sagte Michael Sailer, Atomexperte beim Öko-Institut und Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, dem Recherche-Team. Diese Versprödung sei in vielen Reaktoren schneller vorangeschritten als ursprünglich berechnet. Nun werde das Notkühlwasser in den Reaktoren vorgeheizt, um Spannungen zu begrenzen. 

Bereits im Februar dieses Jahres war bekannt geworden, dass in einem belgischen Reaktor Notkühlwasser vorgeheizt wird, weil der Reaktorbehälter zahlreiche Risse hat. Materialwissenschaftlern bereitet das große Sorge: Das Vorwärmen bedeute, dass entweder schon relativ große Risse vorhanden sind oder man sich unsicher ist, ob die Versprödung vielleicht doch größer ist als angenommen, sagte Ilse Tweer vom Atomforscher-Netzwerk INRAG. 

Und nicht nur in Belgien ist diese Praxis seit längerem Programm: Auch in Tschechien wird in allen sechs Reaktoren des Landes vorgeheizt - im Atomkraftwerk Temelin sogar schon seit der Inbetriebnahme im Jahr 2000. In den finnischen Reaktoren Loviisa-1 und Loviisa-2 wird bereits seit 1990 vorgeheizt. Der Grund: Im Falle eines Unfalls wolle man einen Temperaturschock vermeiden, so der Betreiber. Auch in Frankreich und der Slowakei soll diese Praxis nach Recherchen von SZ und WDR angewendet werden. Nur deutsche Atomkraftwerke stehen angeblich nicht auf der Liste.

"Aus sicherheitstechnischen Gesichtspunkten kann ich so eine Anlage nicht betreiben"

Wolfgang Renneberg, bis 2009 Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, sieht das Aufwärmen des Notkühlwassers äußerst kritisch: "Die Vorwärmung bedeutet einen Abbau von wichtigen Sicherheitsreserven", sagte er. "Wenn man nicht mehr sicher ist, ob der Reaktordruckbehälter das normal temperierte Notkühlwasser aushält, dann ist das allein schon ein Alarmsignal." Die strittige Praxis birgt neue Gefahren, beispielsweise dann, wenn die Heizung im Kraftwerk ausfällt oder nicht genug warmes Wasser zur Verfügung steht. 

Fraglich bleibt auch, ob Reaktoren, die sehr hoch aufgewärmtes Notkühlwasser verwenden, im Ernstfall den Reaktorkern überhaupt ausreichend kühlen könnten. Manche Experten plädieren nun dafür, Reaktoren, in denen Notkühlwasser vorgeheizt wird, einfach abzuschalten. "Aus sicherheitstechnischen Gesichtspunkten kann ich so eine Anlage nicht betreiben", sagte Manfred Mertins, ehemaliger Experte bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Doch bisher ist noch gar nicht bekannt, wie viele Reaktoren in Europa tatsächlich betroffen sind. Laut WDR und SZ haben weder die Internationale Atomenergie Behörde (IAEA) noch die nationalen Aufsichtsbehörden bislang Angaben dazu veröffentlicht.

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