Emilia Müller beteiligt sich an bayernweiter Aktion

Rollentausch: Ministerin besucht Flüchtlingsunterkunft für Frauen

+
Bastelstunde mit der Ministerin: Emilia Müller (links) hat der dreijährigen Delali (im roten Pulli) gestern dabei geholfen, Glitzersterne zu kleben – und sich gleichzeitig mit Margit Berndl (Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege) über die Situation alleinstehender geflüchteter Frauen in Bayern unterhalten.

München - Emilia Müller hat einen Tag lang ihre Rolle getauscht. Sie hat ihren Schreibtisch im Sozialministerium gegen den Basteltisch in einer Flüchtlingsunterkunft für Frauen und Kinder eingewechselt.

Von ihrem Besuch sind nicht nur einige Papiersterne geblieben – sondern auch ein Versprechen.

Selten hat es so schön geglitzert, wenn Bayerns Sozialministerin zu Gast war. Das ist nicht nur Emilia Müllers Verdienst – sondern auch Delalis Gespür für perfekte Papiersterne zu verdanken. Die Dreijährige hat der Besucherin sofort einen Platz am Basteltisch angeboten. Ohne zu ahnen, dass die CSU-Politikerin an diesem Tag genau aus diesem Grund in die Münchner Unterkunft für geflüchtete Frauen gekommen ist: für einen Rollentausch. Um sich vor Ort ein Bild vom Alltag in der Einrichtung zu machen und mit den Flüchtlingskindern zu spielen. Und eine Ministerin, die sich auf einen Rollentausch einlässt, verbringt nun mal auch einen Dienstagnachmittag damit, Glitzer auf Papiersterne zu kleben.

Die bayernweite Aktion „Rollentausch“ gibt es seit neun Jahren. Sie soll Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung oder Medien die Möglichkeit geben, für kurze Zeit in einer sozialen Einrichtung mitzuarbeiten. Emilia Müller hat sich für ihren Rollentausch eine Einrichtung ausgesucht, die bis vor kurzem bayernweit noch einzigartig war. Inzwischen ist auch in Nürnberg eine vergleichbare Unterkunft entstanden. Katrin Bahr, Bereichsleiterin für Sozialtherapie und Frauenarbeit bei Condrobs, sagt: „Es wären noch viele dieser Einrichtungen nötig.“

40 000 Flüchtlinge in Bayern sind Frauen, 8000 von ihnen haben sich allein hierher durchgeschlagen. Sehr viele von ihnen sind schwer traumatisiert. Sie sind in ihren Heimatländern vor Zwangsheirat, Ehrenmord oder Gewalt geflohen. Einige waren auch auf der Flucht Gewalt ausgesetzt. Zehn Frauen waren schwanger, als sie im Januar in die neue Münchner Unterkunft kamen – weil sie während der Flucht vergewaltigt wurden. Seit elf Monaten leben dort nun knapp 40 Frauen mit etwa 20 Kindern zusammen. Einige Schicksale kennen ihre Betreuer inzwischen – vieles können sie nur erahnen. „Die Frauen haben große Scham, über das zu reden, was ihnen passiert ist“, erklärt Katrin Bahr. Deshalb gibt es kaum Anzeigen. Und deshalb tauchen diese Fälle in keiner Kriminalitätsstatistik auf.

Als vergangenes Jahr Anfang September jeden Tag tausende Flüchtlinge nach Bayern kamen, wurden händeringend Unterkünfte gesucht. Damals gab es keine Chance, einen Fokus auf traumatisierte Frauen zu legen, berichtet Bahr. In einigen Unterkünften gab es weibliche Flüchtlinge, die so verängstigt waren, dass sie sich nachts nicht einmal auf die Toilette trauten. „Inzwischen hat sich die Situation für alleinstehende Frauen deutlich verbessert“, berichtet Margit Berndl, die Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern. Doch ideal ist sie bei weitem noch nicht. Allein deshalb ist Margit Berndl dankbar, dass die Sozialministerin sich nun selbst einen Eindruck von der Situation der Frauen verschaffen will.

Emilia Müller lässt an diesem Tag nicht nur einige Glitzersterne zurück in der Unterkunft – sondern auch die Hoffnung, dass sich die Hilfe für traumatisierte alleinstehende Frauen weiter verbessern wird. Sie bittet die Vertreter der Wohlfahrtsorganisationen um Anregungen – und muss nicht lange auf eine Antwort warten. Bislang gibt es in der Unterkunft nur Deutschkurse, die ehrenamtliche Helfer anbieten. Die offiziellen Kurse, für die es auch Zertifikate gibt, können die Frauen oft nicht besuchen, weil sie niemand haben, der ihre Kinder betreut. Dasselbe Problem haben sie bei den Integrationskursen. „Es wäre eine große Hilfe, wenn wir hier in der Unterkunft einen zertifizierten Deutschkurs für die Frauen anbieten könnten“, sagt Katrin Bahr. Emilia Müller verspricht, Gespräche mit Trägern zu führen. „Integration funktioniert über die Erziehung – und damit über die Frauen“, betont sie.

Die kleine Delali bekommt von diesem Versprechen nichts mit. Sie wird ihrer Mutter abends erzählen, dass eine nette Frau heute mit ihr Glitzersterne gebastelt hat. Und das so professionell, dass nichts darauf hingedeutet hat, dass diese Frau beruflich eigentlich etwas ganz anderes macht.

auch interessant

Meistgelesen

Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich: Die letzten Umfragen und Prognosen
Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich: Die letzten Umfragen und Prognosen
Renzi kündigt nach klarer Niederlage Rücktritt an
Renzi kündigt nach klarer Niederlage Rücktritt an
Heftiger Schlagabtausch zwischen Hofer und Van der Bellen
Heftiger Schlagabtausch zwischen Hofer und Van der Bellen
Mordfall in Freiburg: Das sagt Merkel zu Verdacht gegen Flüchtling
Mordfall in Freiburg: Das sagt Merkel zu Verdacht gegen Flüchtling

Kommentare